INTERNETSOFTWARE: Mut gefragt

Das winzige norwegische Softwarehaus Opera bietet einen kompakten Browser für anspruchsvolle Surfer an.

WIRTSCHAFTSWOCHE 10/1999

Wenn sich Helmar Rudolph etwas in den Kopf gesetzt hat, fragt er nicht danach, ob andere es für vernünftig halten. So hat er eine liebevoll gestaltete Website für das Wendland (www.wendland-info.com) gestaltet, die Region, die durch das Atommüllzwischenlager Gorleben bekannt wurde. Dabei lebt der 32jährige, der aus dem Wendland-Städtchen Lüchow stammt, seit 1993 in Südafrika.

Im Augenblick ist die Seite alles andere als aktuell, weil er vollauf mit einer anderen Aufgabe beschäftigt ist, über die viele den Kopf schütteln. Er vermarktet Opera, eine Internetsteuersoftware (Browser) aus Norwegen, die den etablierten Browsern Explorer von Microsoft und Navigator von Netscape Paroli bieten soll. Opera ist ein Browser für anspruchsvolle Internetsurfer – ein sehr handliches, schnelles Programm mit einigen  Extrafunktionen (siehe Kasten Seite 171). Der Haken an der Sache: Während Explorer und Navigator kostenlos abgegeben werden, kostet Opera 35 Dollar (31 Euro) Lizenzgebühren.

Rudolph, der im Kapstädter Vorort Constantia eine kleine Agentur für Online- und Datenbankmarketing betreibt, glaubt jedoch fest daran, dass Kunden für mehr Qualität gern zahlen. Begeistert von Opera zeigte sich auch die Fachpresse. Rund um den Globus erschienen wohlwollende Rezensionen; das US-Magazin „PC World“ kürte Opera zum „Most Promising Web Newcomer“ des Jahres 1998. Weil Rudolph das Programm freiwillig ins Deutsche übersetzte, wurde er so etwas wie der Deutschland-Repräsentant von Opera.

Die Herstellerfirma Opera Software AS in Oslo gibt sich alle Mühe, im Web so weltläufig zu wirken, als sei sie ein Multi mit enormen Ressourcen. Da gibt es für alte und neue Windows-Rechner Versionen in Norwegisch, Schwedisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch sowie in iberischem und lateinamerikanischem Spanisch; versprochen werden Ableger für fünf verschiedene, teils exotische Betriebssysteme sowie Übersetzungen ins Ungarische, Portugiesische, Polnische und Russische. Und doch beschäftigt die mutmaßliche Nummer drei auf dem Browser-Weltmarkt – AOL/Netscape und Microsoft kommen zusammen auf über 90 Prozent Marktanteil – nur 16 Angestellte. Opera ist so schlank, dass sie sich für ihren größten Zielmarkt USA gerade mal ein Eine-Frau-Büro leistet: Sandra Thorbjørnsen, Mitarbeiterin mit der Personalnummer 1, leitet von Cleveland aus das Amerika-Geschäft im Alleingang.

Helmar Rudolph hat unterdessen – für ein bescheidenes Pauschalhonorar – die Aufgabe übernommen, den deutschen Markt zu erschließen: Vom Kap der Guten Hoffnung aus organisiert er den Vertrieb – mehr als 9000 Kilometer vom Absatzmarkt entfernt. An Infrastruktur in Deutschland genügen ihm der Briefkasten in seinem Elternhaus im Wendland-Städtchen Lüchow und ein Bankkonto. Den Rest erledigt er per Telefon und E-Mail.

Schließlich ist Rudolph, der jeden duzt, Spezialist für Onlinemarketing, und als solcher nutzt er alle digitalen Ressourcen. „lch habe voriges Jahr keinen Pfennig für Werbematerial ausgegeben“, verkündet er stolz. Ganz nebenbei kümmert sich der Wahl-Kapstädter auch noch um das Geschäft in Südafrika und um die Übersetzung des Windows-Browsers in Afrikaans.

Den Eifer engagierter Mitarbeiter nach Kräften zu nutzen, entspricht ganz dem Managementstil der Firmengründer Jon Stephenson von Tetzchner und Geir Ivarsøy, die vor fünf Jahren die Urversion von Opera schrieben – damals noch als Angestellte der Telefongesellschaft Telenor. Selbst bei der Entwicklung neuer Produkte vertrauten die beiden, um Personalkosten zu sparen, lange auf die Zuarbeit enthusiastischer Opera-Fans.

So überließen sie die Programmierung von Browsern für zusätzliche Betriebssysteme sogenannten Volunteers in verschiedenen Ländern – und  erlebten herbe Rückschläge: Ein Team dänischer Freiwilliger biss sich im Herbst an der Version für den Apple Macintosh die Zähne aus, und auch Anwender des immer populärer werdenden Freeware-Betriebssystems Linux mußten sich immer wieder vertrösten lassen, weil die externen Entwicklungshelfer auf der Stelle traten. Jetzt sollen, so PR-Managerin Thorbjørnsen, die wichtigsten Versionen intern entwickelt werden. Um die Finanzierung sicherzustellen, sollen die späteren Nutzer schon vorab zur Kasse gebeten werden.

Die Zukunft von Opera entscheidet sich gleichwohl im Markt der Windows-Anwender – und hier vor allem bei den Großkunden mit ihren Intranets. Während der skandinavische Browser an Universitäten und Fachhochschulen schon eine nennenswerte Fangemeinde hat, steht der Durchbruch in Handel und Industrie noch aus – da kämpfen die Opera-Erfinder mit den gleichen Problemen wie alle anderen Shareware-Autoren. „Das harmoniert nicht mit der eingespielten Beschaffungsbürokratie in den Betrieben“, bedauert Helmuth Gümbel von der Münchner Unternehmensberatung Strategy Partners, „um Shareware oder auch Freeware wie Linux einzuführen, braucht es Mut.“

Zu diesem Bonus für etablierte Hersteller kommt das finanzielle Argument hinzu: Ein Softwareeinkäufer lässt sich schwer davon überzeugen, für Shareware Geld auszugeben, solange Microsoft seinen Explorer gratis liefert.

Am Kap ist Helmar Rudolph dennoch guter Hoffnung, daß sich sein Einsatz demnächst auszahlt. Noch im ersten Halbjahr werde es Kooperationen mit deutschen Wiederverkäufern geben, die in ihren Branchen die Werbetrommel für Opera rühren sollen. Auch für das Endkundengeschäft ist er optimistisch. So hat er seinen Browser unter anderem auf den CD-ROM-Samplern von Data Becker und der Zeitschrift „Chip“ plazieren können.

Er kann sich auch Kooperationen mit Internet-Service-Providern vorstellen – obwohl die ihren Kunden bisher meist Software mitgeliefert haben, die nichts kostet – und peilt mittelfristig die Gründung einer Opera-Vertriebsfirma in Deutschland an, die er ebenfalls von Kapstadt aus führen will. Zumindest gibt es keine Zeitverschiebung. Kapstadt liegt fast auf demselben Längengrad wie Lüchow.

ULF J . FROITZHEIM

ALTERNATIVE BROWSER:

Was die Exoten können

Opera 3.51

Die Urversion dieses Programms wurde 1994 bei der norwegischen Telefongesellschaft Telenor für interne Zwecke entwickelt; Ende 1995 verließen die Autoren Jon von Tetzchner und Geir Ivarsøy das Unternehmen und gründeten ein Unternehmen zur Vermarktung von Opera. Die erste Shareware kam Ende 1996 auf den Markt. Allein über die Adresse www.download.com des amerikanischen Providers Cnet – dort gibt es Links zu sämtlichen lieferbaren Browsern – wurden binnen sechs Wochen 600.000 Kopien der aktuellen Version abgerufen. Besonderheiten: Im Gegensatz zu den gängigen Browsern wurde Opera nicht aus vorgefertigten Programmelernen – ten zusammengebaut, sondern von Grund auf neu entwickelt. Alles, was die Erfinder für entbehrlich hielten, ließen sie weg; darum sind E-Mails nur mit separatem Mailprogramm zu empfangen (beziehungsweise über einen WWW-Mail-Dienst wie Hotmail, GMX oder T-Online Webmail). Dafür ist Opera so kompakt, dass die Kernkomponenten auf eine einzige Diskette passen und auch alte Computer mit kleinem Arbeitsspeicher problemlos damit zurechtkommen. Opera gilt als schnellster Browser und kann mehrere Internetseiten neben- und übereinander darstellen; mit einer Zoomfunktion läßt sich jedes Fenster auf bis zu 2000 Prozent vergrößern oder auf 20 Prozent verkleinern. Alle Funktionen können zudem per Tastatur ausgewählt werden.

Bezug: Internet (www.operasoftware.com oder www.nta.opera.no), 30 Tage kostenloser Test (Vollversion), Voll-Lizenz 35 US-Dollar

Staroffice 5.0

Vor zwei Jahren hat der Hamburger Softwarehersteller Stardivision einen Browser in sein Allround-Büropaket Staroffice eingebaut, um einen nahtlosen Übergang zwischen Textverarbeitung und Onlinekommunikation zu schaffen. Besonderheiten: Auch wenn es die Entwickler um Firmenchef Marco Börries anders sehen, ist die eingebaute Web-Software kein Ersatz für einen vollwertigen Browser, nur eine praktische Ergänzung. Staroffice taugt, wenn man kurz mal etwas im Internet nachschauen will, ohne eigens ein zweites Programm zu starten, oder wenn der Text einer Webpage in ein eigenes Dokument kopiert werden solL Wer tiefer ins Netz eintauchen will, stößt sich aber bald an der gewöhnungsbedürftigen Handhabung – das All-in-one-Konzept erweist sich als Kompromiss. Wer mit elektronischer Post schon gearbeitet hat, tut sich außerdem schwer mit dem integrierten Mailprogramm.

Bezug: CD-ROM im PC-Handel; kostenlos aus dem Internet (www.stardivision.de)

Neoplanet 2.0

Der auf jedem Windows-PC vorinstallierte Microsoft Explorer gilt bei eingefleischten Multimediafreaks als halbe Sache. Die geistigen Eltern von Neoplanet wollten daraus eine ganze machen. Darum darf man den Explorer nicht deinstallieren,wenn man auf Neoplanet umsteigen will: Ohne dessen Funktionen im Hintergrund läuft der Browser nicht. Besonderheiten: Neoplanet ist vollgestopft mit sogenannten Channels – also Special-Interest-Informationskanälen, die von Medienunternehmen gespeist werden. Damit findet man viele aktuelle Informationen auch schon ohne Visite auf einer Portalseite wie Netcenter oder Yahoo. Aus Deutschland dabei ist der Berliner „Tagesspiegel“, aus Großbritannien die „Financial Times“. Grafisch wirkt Neoplanet leicht überfrachtet, und sonderlich schnell ist das Programm auch nicht.

Bezug: kostenlos aus dem Internet (www.neoplanet.com)

Hot Java

Mit der Programmiersprache Java gelang dem Computerhersteller Sun Microsystems ein großer Coup. Der Versuch, einen passenden Browser zu vermarkten, ging daneben: Hot Java gilt bei Web-Kennern als kalter Kaffee, denn die Seiten bauen sich sehr langsam auf. Besonderheiten: Hot Java paßt gut zu Intranets.

Bezug: kostenlos aus dem Internet (www.sun.com/software)

Arachne 1.48

In Osteuropa ist noch sehr viel Hardware installiert, die nur unter dem Uraltbetriebssystem MS-DOS läuft. Für diese Klientel hat die tschechische Firma xChaos Software einen extrem kompakten Browser entwickelt. Die Software arbeitet sehr ressourcensparend Besonderheiten: Das Programm kommt ohne Windows aus und kann trotzdem alles, worauf es im Internet ankommt.

Bezug: Internet (http://xch.arachne.cz), 30 Tage kostenloser Test, Voll-Lizenz 30 US-Dollar (26 Euro)

Lynx 2.8

An manchen Universitäten und Instituten müssen sich Studenten und Wissenschaftler noch mit antiquierter Hardware herumschlagen, beispielsweise mit Terminals, die keine grafischen Darstellungen zulassen. Für diese akademische Zielgruppe hat die University of Kansas den Lynx-Browser entwickelt. Besonderheiten: Lynx ist relativ winzig (0,5 Megabyte) und extrem schnell, kann aber ausschließlich Text wiedergeben. Wer die bunten Bilder im World Wide Web sowieso nur störend findet, kann sich Lynx auch auf einen Windows-PC laden und dann turboschnell online lesen.

Bezug: kostenlos aus dem Internet (www.lynx.com).

Mosaic 2.7

Der allererste Browser und Urahn von Netscape Navigator und Internet Explorer. Weil das National Center for Supercomputing Applications (NCSA) die Weiterentwicklung von Mosaic eingestellt hat, gilt dieser Browser inzwischen als hoffnungslos veraltet.

Bezug: kostenlos aus dem Internet: www.ncsa.uiuc.edu

UJF

In Serie abrufen

Suchmaschinen bekommen Konkurrenz. Künftig soll selbstlernende Software Surfern den Weg weisen.

WIRTSCHAFTSWOCHE 10/1999

Alexa ist anhänglich. Hat man sie erst einmal auf seinem Computer installiert, wird man sie nicht mehr los. Jedenfalls nicht als normaler Computernutzer. Ruft man eine beliebige Web-Seite auf, ist Alexa sofort zur Stelle und macht ungefragt mehr oder weniger nützliche Vorschläge für den nächsten Surftrip – und ein bisschen Werbung. Freilich reicht ihre Künstliche Intelligenz bis dato nicht so weit, dass sie es bemerken würde, wann sie mit ihren Einblendungen lästig wird. Alexa ist eine Software, die Internetsurfern helfen soll, Informationen zu finden.

Doch nicht jeder ist davon begeistert. „Wie deinstalliert man dieses Miststück?“ poltert ein anonymer Surfer auf der Feedback-Web-Seite der Firma Alexa Internet. Ein Mensch namens Joe schimpft dortselbst: „Ich hasse es! Es hat sich automatisch auf meinem Computer installiert, und ich wollte es gar nicht.“ Bei manchen Leuten scheint sich das Programm sogar völlig unbemerkt auf die Festplatte geschlichen zu haben – etwa bei jener ahnungslosen Dame, die sich den E-Mail-Spitznamen „A. Louise C.“ gegeben hat: „Ich habe keinen Schimmer, was diese Alexa ist. Warum ist sie in meinem PC?“

Schuld an dem Ärger ist einer, der es eigentlich nur gut gemeint hat: Brewster Kahle, 39, aus San Francisco, eine international anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet des sogenannten Information Retrieval, dem gezielten Finden von Informationen im Internet. Seit über zehn Jahren versucht der Absolvent des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Computern beizubringen, aus unüberschaubaren Datenbergen wertvolle Informationen herauszusieben.

Genau das ist auch der Anspruch, den Kahles Unternehmen Alexa Internet erhebt – nur daß die kostenlos aus dem Netz abrufbare Software Alexa 3.0, die sich bei Joe, Louise und dem Anonymus im Microsoft Internet Explorer festgekrallt hat, nach Einschätzung der US-Fachzeitschrift „PC Magazine“ ihren Zweck „bei weitem nicht perfekt“ erfüllt. Jedenfalls noch nicht.

Das ist für eine Menge Menschen, die in der Internetbranche ihr Geld verdienen, eine beruhigende Nachricht. Wäre Alexa ein völlig ausgereiftes Produkt, könnten die Betreiber sämtlicher Suchmaschinen – von Altavista über Netcenter und Web.de bis Yahoo – sofort ihre Läden zusperren.

Die grundlegende Idee von Kahle und seinem Kompagnon Bruce Gilliat ist so bestechend wie simpel: Der Zentralrechner in San Francisco registriert die digitalen Spuren, die Hunderttausende von Alexa-Nutzern bei ihrem Weg durchs Web hinterlassen, und destilliert aus diesen Daten die häufigsten – und damit vermutlich sinnvollsten – Querbeziehungen zwischen den unterschiedlichsten Seiten.

Je mehr Menschen Alexa auf ihrem Computer haben, desto mehr Daten können ausgewertet werden, und um so zuverlässiger funktioniert nach Kahles Theorie auch das System: Wie ein virtueller Organismus sammelt die Gesamtheit der Netznutzer kollektive Erfahrungen, die jedem einzelnen die Orientierung im Datendschungel erleichtern sollen. Die Rolle der Suchmaschinen würde sich darauf reduzieren, den Einstiegspunkt für die Reise zu finden.

In der Praxis hängt die Trefferquote von Alexa allerdings sehr davon ab, zu welchem Themengebiet man gerade Informationen sucht und wie sehr man in die Tiefe gehen will. So meckert ein gewisser Ted Knudson über die „blödesten Links, die ich je gesehen habe“, während offensichtliche Internetnovizen Alexa oft über den grünen Klee loben. Tatsächlich ist schwer nachvollziehbar, wieso ein direkter Weg von einem amerikanischen Softwarekatalog schnurstracks zum Fahrplan der Deutschen Bahn AG führt. Außerdem offenbart die Software systematische Schwächen. So tendiert Alexa dazu, Rückkopplungsschleifen zu bilden, die Fehler verstärken: Ist ein unsinniger Link, wie er in Suchmaschinen alle Tage vorkommt, erst einmal in der Software fest etabliert, führt er immer mehr Leute in die Irre; diese Irrwege wiederum interpretiert der Zentralrechner automatisch als Bestätigung dafür, dass es einen logischen Zusammenhang zwischen den Adressen gibt. Außerdem ist das System keineswegs missbrauchssicher: Kleinere Unternehmen können sich leicht an einen bekannten Konkurrenten anhängen, indem sie immer wieder von dessen Website aus ihre eigene anwählen – so lange, bis Alexa dies registriert und einen Link einrichtet.

Dann wird jeder, der die Homepage des großen Unternehmens aufruft, automatisch auch mit der des kleinen verbunden. Alexa entscheidet nicht nur darüber, wohin die bisher gut eine Million Surfer geleitet werden, die sich die Software auf den Rechner geladen haben. Im millionenfach verbreiteten Netscape-Browser Communicator 4.5 sind Alexas Verkupplungskünste sogar serienmäßig abrufbar – als „Verwandte Objekte“.

Vor allem aber ist das kalifornische Unternehmen die bestsortierte Auskunftei, was Informationen über Firmen-Websites angeht: Seit fast drei Jahren durchkämmen Kahles Leute per Suchroboter immer und immer wieder das gesamte World Wide Web (WWW) – und speichern alles, was sie finden. Dieses „Internet Archive“ (siehe Kasten) soll zwar eigentlich der Allgemeinheit dienen; Kahle will das WWW der Jahrtausendwende für die Nachwelt erhalten, damit die Kulturhistoriker künftiger Generationen unsere Epoche nachvollziehen können. Das Archiv wirft aber gleichzeitig viele statistische Daten ab, die kommerziellen Wert haben. Man kann daraus eine Menge erfahren: Wie gut ist die Website meines Konkurrenten besucht? Wie schnell ist sein Server? Wer verbirgt sich wirklich hinter einer Seite? Welcher Dienstleister hat welche Kunden?

Die Transparenz, die Kahle damit schafft, geht manchem Betroffenen denn auch zu weit. „Ich war baff, dass ihr Burschen die Nerven habt, meine private Adresse und Telefonnummer für jedermann offen anzuzeigen“, entrüstet sich ein gewisser Joe – und droht mit einer Klage. Kolumnisten der amerikanischen Fachpresse stoßen ins gleiche Horn: Alexa sei anmaßend, lautet der Tenor, nicht zuletzt, weil der eingesetzte Datenstaubsauger nicht einmal vor den Diskussionsforen im Internet halt macht. Und was dort steht, ist nach den Regeln der sogenannten Netiquette nicht für Außenstehende gedacht.

Wer sich von der Aufregung der Fachleute bisher nicht hat anstecken lassen, sind die aufs Internet spezialisierten Wall-Street-Analysten. Sie scheinen Kahle nicht zuzutrauen, daß er seine Ziele wirklich realisieren kann. In den Aktienkursen von Yahoo & Co. haben seine Aktivitäten nicht einmal eine kleine Delle hinterlassen.

ULF J. FROITZHEIM

WEB-ARCHIV

Dummes Zeug für die Ewigkeit

Alle sechs Wochen saust der große Datenstaubsauger von Brewster Kahle durch das ganze World Wide Web. Der Chef des Softwarehauses Alexa Internet hat es sich in den Kopf gesetzt, ein möglichst vollständiges Abbild der gegenwärtigen Netzinhalte zu konservieren.

Schon mehr als zwölf Terabytes (12000000000000 Bytes) hat er bereits in seiner robotergesteuerten Magnetbanddatenbank gespeichert: wissenschaftliche Arbeiten ebenso wie Homepages von
Unternehmen, Pin-up-Fotos von Pamela Anderson und Pornobilder.
Nutzen läßt sich das Alexa-Know-how durch einen gleichnamigen Zusatz zur Internetsteuersoftware (Browser). Er erzeugt bei der Fehlermeldung „Error 404 – File not found“ das Wörtchen „Archive“, wenn die verschollene Seite in Kahles Archiv zu finden ist.

Bei Inhalten, die selten aktualisiert werden, ist die Chance groß, fündig zu werden. Kostenpflichtige Zeitungsarchive hingegen sind damit nicht zu ersetzen, denn auch aktuelle Medien werden nicht öfter gescannt. Damit vermeidet Kahle größere Streitereien ums Urheberrecht, denn er zahlt für die Speicherung fremder Texte keine Tantiemen.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht der selbsternannte Archivar dennoch: Datenschützer sind empört, daß damit jedes Wort, das jemand irgendwann online geäußert hat, mit großer Wahrscheinlichkeit auf Dauer dokumentiert wird. So gibt es bereits Arbeitgeber, die sich via Internet informieren, was ein Jobbewerber schon so alles von sich gegeben hat. Das Internetarchiv ist erbarmungslos: Dummes Zeug, das einmal darin gelandet ist, läßt sich nicht mehr löschen.

UJF

Schnell, bequem & preiswert: Online-Banking (Teil 1)

Online-Banking boomt, und das nicht ohne Grund: So spart der Kunde den Weg zur Filiale und kann seine Geldgeschäfte erledigen, wann und wo immer er will. Die Bank belohnt die neue Unabhängigkeit mit niedrigeren Gebühren

typ-1Wer als Normalverdiener von seiner Bankfiliale persönlichen Service erwartet, zieht am besten aufs Land. Kreissparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sehen in jedem Kunden den potentiellen Häuslebauer, und den schätzt jedes Geldinstitut, weil er meistens treu ist wie ein Schäferhund.
Dabei zahlt sich diese Nettigkeit selten aus. ,.An GirokontenTOMORROW 3,99verdienen die Banken nichts mehr“, erklärt Karl Gernandt von der Düsseldorfer Unternehmensberatung A T. Keamey. „Was sich lohnt, ist alles, wofür Provisionen gezahlt werden – wie zum Beispiel Aktiengeschäfte.“

Bei den größeren Banken und Stadtsparkassen gelten daher längst rauhere Sitten. Mit ihrem von Jahr zu Jahr sparsamer dosierten Service vertreiben sie gewöhnliche Gehaltsempfänger fast systematisch aus den Schalterhallen – und direkt in die Arme der Online- und Telefon-Banken. „Schnell, bequem & preiswert: Online-Banking (Teil 1)“ weiterlesen

Achtung: Spionage am Arbeitsplatz!

10gebotetomorrowInternet-Surfen, Chatten oder private e-Mails am Arbeitsplatz sind riskant: Wenn man nicht aufpaßt, können Chef oder Kollegen alles mitlesen. Ein Report über Betriebs-Schnüffler – und wie man ihnen das Leben schwerer macht

Was hätte Sonderermittler Kenneth Starr bloß gemacht, wenn Monica Lewinsky sich zu Zeiten ihres Oval-Office-Techtelmechtels schon besser mit dem Internet ausgekannt hätte? Als der Clinton-Inquisitor kürzlich via World Wide Web sämtliche Details der Affäre des US-Präsidenten mit der Praktikantin an die globale Glocke hängte, belegte er seine Behauptungen mit 43 Zitaten aus elektronischen Briefen, die Lewinsky ganz unbefangen mit Freundinnen und Bekannten ausgetauscht hatte. Die pikanten und brisanten Informationen lagerten, für Computer-Laien zum großen Teil gar nicht mehr erkennbar, auf den Festplatten verschiedener PCs im Weißen Haus, im Pentagon und in Privatwohnungen.

Um solche unsichtbaren Texte zu rekonstruieren, bedarf es nicht einmal kriminalistischer Fähigkeiten. Jeder gute Webmaster verfügt über die dazu nötigen Werkzeuge. Wie ein hausinterner Geheimdienstmann kann der Internet-Spezialist sogar jedes Wort mitlesen, das auf elektronischem Weg das Büro verläßt – ganz egal, ob es sich um e-Mails handelt, um die Teilnahme an Newsgroups oder ums Chatten, also das Online-Debattieren an einem virtuellen Stammtisch. Wehe dem, der da böse Worte über seinen Vorgesetzten oder Kunden verliert und nicht ahnt, wer noch alles mitliest. „Eine e-Mail“, warnt Klaus Volkmar Seidel von der Sicherheitsberatungsfirma KDM in Frankfurt am Main, „ist so geheim wie eine Postkarte.“

Sicherheitsbewußte Chefs sehen das genauso. Sie setzen zwar auf Electronic Commerce, möchten aber am liebsten alles mitlesen, weil sie ihren eigenen Angestellten nicht trauen. In den USA filzen einer Umfrage zufolge bereits 35 Prozent der großen und mittleren Firmen die e-Mails und Computer-Dateien ihrer Mitarbeiter, hören Telefongespräche und Anrufbeantworter ab oder filmen die Menschen mit Videokameras bei der Arbeit. Die Society for Human Resource Management (SHRM), eine Vereinigung von Personalchefs, fand heraus, daß sich über 75 Prozent der Chefs für prinzipiell berechtigt halten, sämtliche Firmen-e-Mails zu lesen – auch wenn viele dieses Recht (noch) nicht in Anspruch nehmen.

„Es gibt einen wachsenden Trend zur Überwachung, weil jetzt die Werkzeuge verfügbar sind“, klagt David Banisar, stellvertretender Direktor der Organisation Privacy International in Washington. „Achtung: Spionage am Arbeitsplatz!“ weiterlesen

Globales Dorf nur für Städter

aus Computerwoche Spezial 5/1998

Infrastruktur – Standortfaktor Netztechnik

Niedrige Steuern und eine verkehrsgünstige Lage genügen heute nicht mehr, um einen Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen. Ein guter Anschluß an die globale Infobahn ist mindestens ebenso wichtig. Das Stadt-Land-Gefälle droht trotz neuer Techniken für die „Letzte Meile“ größer zu werden.

Wolfgang Clement ist der erste Ministerpräsident in Düsseldorf, der sich nicht mehr mit kohlschwarzem Gesicht und Grubenlampe auf dem Kopf vor den Kameras der Journalisten aufzubauen braucht, um beim Wählervolk anzukommen. Kaum jemand weiß besser zu vermitteln als der Nachfolger von Johannes Rau, daß die wahren Bodenschätze an Rhein und Ruhr heute in einer Teufe von wenigen Dezimetern lagern, mitten in den Städten unter dem Trottoir. Sein Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundesland, das diese erst wenige Jahrzehnte alte Ressource zielstrebig auszubeuten trachtet: Kohle machen ohne Zeche.

Daß die allgegenwärtige Kupferdoppelader, mit der die Telekom die Teilnehmer an ihre Ortsvermittlungen angeschlossen hat, zum wertvollen Rohstoff avanciert ist, liegt an einer Technik namens Asymmetric Digital Subscriber Line (ADSL). Hinter diesem Fachausdruck, unter dem sich bis vor zwei, drei Jahren nur hauptberufliche Nachrichtentechniker etwas vorstellen konnten, verbirgt sich eine hochkomplexe Signalverarbeitungssoftware, die selbst voluminöseste Multimedia-Inhalte so dicht zusammenpackt, daß sie durch normale Telefonstrippen passen. Seit dem Frühsommer testet die Telekom diesen potentiellen ISDN-Killer in Dortmund, Düsseldorf, Köln und Bonn; für die bisherigen High-Tech-Hochburgen München, Stuttgart und Frankfurt hieß es erst einmal: „Bitte warten!“

Dem Rau-Erben Clement, der die lange Wartezeit bis zu seiner Beförderung im Ministerium für Wirtschaft und Technologie zugebracht hat, geht der Fachjargon der Telekommunikatoren längst genauso locker über die Lippen wie seinem Vorgänger die Bergmannssprache. „Globales Dorf nur für Städter“ weiterlesen