Outsourcing: Informatik aus der Steckdose

Die eigene EDV wird vielen Unternehmen zum Klotz am Bein. Gefragt ist preiswerter Außer-Haus-Service. Jetzt rangeln Dienstleister wie debis mit Computerherstellern wie IBM und Digital um Vorzeigeaufträge. Der Kunde profitiert.

Top/Business 7/1994

Wenn am 16. Oktober um 18 Uhr die Wahllokale schließen, geht im Städtchen Kamenz, 35 Kilometer nordöstlich von Dresden, die Arbeit los. Im Rechenzentrum des Statistischen Landesamtes werden die Ergebnisse aus den sächsischen Stimmkreisen erfaßt und für die Medien aufbereitet. Das Ungewöhnliche daran: Das komplette Computernetz gehört nicht dem Freistaat Sachsen, sondern der VW-Gedas GmbH.

Die Berliner Volkswagen-Tochter, die auch die Informationstechnik der Golf-Fabrik in Mosel bei Zwickau unter ihren Fittichen hat, steht den Beamten für das Funktionieren der gesamten Hard- und Software gerade – und für das amtliche Endergebnis der Bundestagswahl. Erkundigt sich eine Bank bei der Schufa „Outsourcing: Informatik aus der Steckdose“ weiterlesen

Büroräume: Nur noch Container

Traditionell gestaltete Gebäude sind nicht mehr gefragt. Neue Konzepte mit üppigen Gemeinschaftsräumen fördern die Kommunikation und sparen dennoch Platz.

Wir kennen es alle: langer Korridor in der Mitte, links und rechts Einzel- oder Doppelzimmer. „Die Büros von heute sind meist von gestern“, so der Münchner Architekt Wolfram Fuchs, „hierarchisch, unbeweglich, unwirtschaftlich.“ Der Teilhaber der Congena Gesellschaft für Planung, Training und Organisation GmbH in München trifft meist auf überforderte Makler, wenn er für Klienten maßgeschneiderte Büroräume anmieten will. Nicht vertraut mit innovativen Ideen – etwa dem skandinavischen Kombibüro, bei dem großzügige Gemeinschaftsflächen von kleinen, raumhoch verglasten Einzelzellen umgeben sind – böten die Vermittler „teilweise wahllos“ ungeeignete Objekte an. Hätten sie endlich kapiert, was gewünscht wird, müßten sie mangels Masse meist passen.

WirtschaftsWoche 24/1994

Dieter Lorenz, Professor für Arbeitswissenschaft und Betriebslehre an der Fachhochschule Gießen, findet die gängigen Bürozellengebäude schlicht kommunikationsfeindlich. Sie böten „kaum eine Chance, neue Konzepte zu realisieren“.

Immer mehr Unternehmen sehen das offenbar ähnlich. Bauen sie neu, versuchen sie, ihre Gebäude als Katalysatoren für den betriebsinternen Gedankenaustausch zu gestalten. Seit die Kommunikationswissenschaft festgestellt hat, daß einem die besten Einfälle kaum im stillen Kämmerlein kommen, sondern eher beim Dialog mit anderen, gilt der Plausch unter Kollegen nicht mehr als vertane Arbeitszeit. Im Gegenteil, er wird sogar gefördert – durch einladende Sitzgruppen oder Espressobars. „Kommunikation“, definiert der Münchner Architekt Gunter Henn das neue Zauberwort der Baumeister, „ist der Austausch von Informationen, von denen man vorher nicht wußte, daß es sie gibt.“

Um dieses Potential zu erschließen, inszenierte Henn schon 1990 im Forschungs- und Ingenieurzentrum der BMW AG einen „geistigen Materialfluß“: Die an der Autoentwicklung beteiligten Arbeitsgruppen wurden so über das Gebäude verteilt, daß gerade diejenigen sich besonders oft über den Weg laufen, die sonst zu wenig miteinander reden. Wo er den Hebel ansetzen muß, ermittelt Henn anhand von Kommunikationszählungen, die per Computer visualisiert werden. Das Exempel BMW macht Schule: Inzwischen läuft eine Kommunikationszählung bei der Volkswagen AG in Wolfsburg.

Während die Unternehmen bereits umdenken, betonieren Deutschlands Baulöwen unbeirrt am Bedarf vorbei – ein Phänomen, das der Praktiker Fuchs auf Betriebsblindheit zurückführt: „Jahrzehntelang konnten die bauen, was sie wollten, die Makler brauchten nur das knappe Angebot zu verteilen.“ So manche der phantasielos hochgezogenen Büroburgen wird daher wohl bald zur Investitionsruine werden, denn auch als Mieter werden die Unternehmen wählerischer. Immer öfter stellen sie Ansprüche, die ein Objekt nach Baumuster 08/15 nicht erfüllen kann. Als das Freiburger Medizintechnikunternehmen PPG Hellige vor drei Jahren seinen Plan umsetzen wollte, zehn Geschäftsstellen als Kombibüros einzurichten, bekamen die Vermieter den Zuschlag, die bereit waren, ihre Baupläne zu ändern oder bereits bestehende Räume entsprechend umzubauen. Solche Arbeiten können die Mieteinnahmen von mehreren Jahren verschlingen: Experten veranschlagen für neue Zwischenwände und Installationen bis zu 1000 Mark pro Quadratmeter.

Die wohl gefährlichste Entwicklung für Immobilieninvestoren liegt allerdings darin, daß viele Finanzvorstände sündhaft teure Innenstadtquadratmeter nicht mehr hinnehmen wollen. Als besonders unproduktive Flächen haben die Kostenrechner die endlosen Flure konventioneller Bürohäuser entlarvt, auf denen aus Brandschutzgründen nicht einmal ein Fotokopierer stehen darf. Auch die geringe zeitliche Nutzung der Schreibstuben ist den Sparkommissaren ein Dorn im Auge – übers Jahr gerechnet, ist der Bürostuhl selbst bei reinen Innendienstjobs zu mehr als 80 Prozent der Zeit unbesetzt. Damit steigt zwangsläufig das Interesse an Alternativen: Fast alle neuen Raumnutzungskonzepte haben einen geringeren Platzbedarf als die konventionelle Lösung.

Flächenökonomie war auch die Triebfeder für den Umbau eines Gebäudes, das zuvor an IBM vermietet war. Derzeit wird es von Josef Schörghubers KG Bayerische Hausbau GmbH & Co. in München mit einem neuen Innenleben versehen, weil der neue Mieter die vorhandene Struktur mit Mittelkorridoren und Zellenbüros nicht akzeptierte. Er wünschte Kombibüros, bei denen großzügige Gemeinschaftsflächen von kleinen, verglasten Einzelabteilen umgeben sind, in die sich zurückziehen kann, wer konzentriert arbeiten muß. Bei der ursprünglichen Raumaufteilung hätte der neue Mieter pro Arbeitsplatz 24,1 Bruttoquadratmeter verbraucht. Nach dem Umbau genügen 19,2 Quadratmeter pro Kopf.

Nicht nur die Kaufleute freuen sich, auch die Belegschaft profitiert. Trotz der dichteren Belegung erhalten zwei von drei Beschäftigten ein Einzelbüro – ein größerer Anteil als früher.

Der besondere Reiz des verglasten Kombiabteils besteht in seiner Transparenz zur zentralen Gemeinschaftsfläche hin. Selbst wenn die Tür zu ist – was nach Aussagen von Kombibüro-Insassen nur selten vorkommt – , ist niemand isoliert. Außerdem dringt durch die Scheiben angenehmes Tageslicht in den Innenbereich. Womit dieser Zwischenraum gefüllt wird, bleibt der Phantasie des Managements überlassen, sofern es nur Kollegen zusammenführt: mit gemütlichen Sitzgruppen, Handbibliotheken, Konferenztischen, Bistros oder Poststationen mit Fax und Drucker. Manche Mitarbeiter schätzen den großen Durchblick jedoch nicht. „Die haben Angst, ständig überwacht zu werden“, weiß Fuchs.

Doch der Wandel der Bürolandschaft ist nicht aufzuhalten. Während das in Skandinavien schon seit vielen Jahren bekannte Kombibüro in Deutschland erst jetzt allmählich angenommen wird, sind die Schweden schon wieder einen Schritt weiter: Im Stockholmer Distrikt Sundbyberg testen die Elektronikfirmen Ericsson Radio Systems und Digital Equipment ein sogenanntes Lean Office, bei dem die Mitarbeiter keinen eigenen Schreibtisch mehr haben, sondern nur noch einen persönlichen Container. Wie im Hotel wird bei Bedarf ein Raum gebucht. Das reduziert den Flächenbedarf von Abteilungen, deren Mitarbeiter viel unterwegs sind, glatt um die Hälfte.

Ulf J. Froitzheim

Fuzzy Logic – Viel Geduld und Spucke

Die erste Euphorie über Fuzzy Logic und Neuronale Netze ist verflogen. Jetzt müssen sich die neuen Softwarekonzepte am Markt bewähren. Allerdings läuft der Transfer von der Theorie in die Praxis nur schleppend an. Dabei lassen sich mit den unkonventionellen Technologien trefflich Kosten senken.

Top Business 6/1994

Seine Waschmaschinen sind Rainer Stammingers ganzer Stolz. An erster Stelle steht bei ihm der „Öko-Lavamat 6953“, dessen neuartige elektronische Regelung seit vorigem Jahr neue Maßstäbe für geringen Wasser- und Stromverbrauch setzt. Inzwischen kann Stamminger, Entwicklungschef für Waschautomaten und Geschirrspüler bei der AEG Hausgeräte AG in Nürnberg, schon auf 40 Modellvarianten der umweltfreundlichen Generation verweisen. Die Jahresproduktion liegt bei stattlichen 70.000 Stück.

Damit ist die AEG deutscher Vorreiter beim Einsatz der Fuzzy Logic, einer jener „intelligenten“ Softwaretechniken, die seit Anfang der 90er Jahre das traditionelle Weltbild der Informatiker in Frage stellen. Im Gegensatz zur messerscharfen Präzision normaler Computer folgt die „unscharfe“ Logik einem pragmatischen Prinzip der Biologie – nämlich gerade soviel Genauigkeit zu verlangen, wie für ein akzeptables Ergebnis erforderlich ist. „Fuzzy Logic – Viel Geduld und Spucke“ weiterlesen

Wo sind die Milliarden geblieben?

Trotz Milliardensummen, die Deutschlands Agrar-Marketingzentrale seit 1969 eingesetzt hat, ist die Lage vieler Bauern desolat. Die Akzeptanz der CMA schwindet bei Fachleuten mehr und mehr. Wettbewerber schnuppern Morgenluft.

wuv-cmaSo verträumt, als gäbe es in Niedersachsen keine Schweinepest, blickt Jolanthe seit März in Hannover von den Plakatwänden. „Jolanthe, das Kornschwein“ wirbt als Imageträger für das neue Qualitätsfleisch des Metzgereifilialisten Fritz Ahrberg. Mit dem anspruchsvollen Konzept, das von einer artgerechten Tieraufzucht in Familienbetrieben bis zur optimalen Präsentation der Koteletts in der Theke reicht, will die Kette sich am Markt neu positionieren.

Damit entschied sich der Traditionsbetrieb gegen das Prüfsiegelprogramm der CMA, der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, das „deutsches Qualitätsfleisch aus kontrollierter Aufzucht“ verspricht. „Wir brauchen die CMA nicht“, erklärt Ahrberg-Vertriebsleiter Klaus Krollpfeiffer selbstbewußt. „Wir lassen uns vom neutralen Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DlL) überwachen.“

Auch Manon Haccius legt keinen Wert auf Hilfestellung von der CMA. Die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau (AGöL) steht der Idee der Bonner Vermarktungsanstalt, ein „Grünes Prüfsiegel“ einzuführen, sehr reserviert gegenüber: „Wie es im Moment betrieben wird, haben wir nicht das Gefühl, daß wir davon einen Nutzen oder wenigstens keinen Schaden hätten.“ So könnten Trittbrettfahrer, die ihren Betrieb nicht auf umweltfreundliche Produktionsweise umstellen, dennoch ihre Erzeugnisse mit der Bio-Garantie schmücken. Zudem umfaßt der Plan nur pflanzliche Produkte. Deshalb verlassen sich die AGöL-Mitglieder auf ihre bewährten Marken wie Bioland oder Demeter.

Zwei Beispiele für die Akzeptanzkrise, in der die CMA heute steckt. 25 lahre nach der Gründung der Verkaufsförderungsgesellschaft nehmen immer mehr landwirtschaftliche Betriebe ihr Marketing selbst in die Hand. Hilfe zur Selbsthilfe gibt ihnen sogar der staatlich geförderte Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AID) mit einer Broschüre über Agrarmarketing. Darin widmet Richard Balling von der Technischen Universität Weihenstephan den Aktivitäten der CMA knappe zwei Seiten. Bei allem Wohlwollen gegenüber der Organisation zieht der Agrarexperte eine ernüchternde Bilanz: „Ein umfassendes Marketing ist der CMA nicht möglich.“

Bescheidene Erfolgsbilanz: Slogans verpuffen

Balling will den Verantwortlichen keine Unfähigkeit vorwerfen. Gleichwohl skizziert er einen krassen Anachronismus: Die Entwicklung der Produktionskosten, der europäische Binnenmarkt und neue Konsumtrends hätten heute einen viel stärkeren Einfluß auf die Marktanteile deutscher Erzeuger im In- und Ausland als die CMA mit ihrem traditionellen Instrumentarium. In der Tat hat der Gesetzgeber die Arbeitsgrundlagen der CMA nie der Marktentwicklung angepaßt: Trotz mehrerer Novellierungen entspricht das Absatzfondsgesetz heute noch den Verhältnissen des Jahres 1969.

Die Erfolgsbilanz der CMA ist bescheiden. Obwohl im Laufe eines Vierteljahrhunderts rund 2,5 Milliarden Mark ausgegeben wurden – je zu einem Drittel für Mediawerbung/PR, Exportförderung und Verkaufsförderung im Inland –, sind nur einzelne Slogans wirklich hängengeblieben. So fällt wahllos befragten Normalverbrauchern beim Stichwort CMA bestenfalls ein, Fleisch sei ein Stück Lebenskraft, das aus deutschen Landen frisch auf den Tisch kommt. In Richtung Corporate Identity haben die Agrarstrategen ebensowenig gedacht: Das RAL-Gütezeichen der CMA (drei blaue Buchstaben unter einem stilisierten Dach neben dem Uralt-Motto „Markenqualität aus deutschen Landen“) hat schon längst keine Ähnlichkeit mehr mit dem grünen CMA-Signet in ihren Zeitungsannoncen (etwa „Genießen auf gut deutsch“).

Vielleicht fallt es den Vertreibern deshalb leicht, auf die angebotenen Embleme zu verzichten. So hätte die Firma Ahrberg das Konterfei ihrer Prachtsau durchaus mit dem Gütezeichen der CMA schmücken dürfen. Doch ohne Label ist Jolanthe in bester Gesellschaft. Viele Betriebe – vor allem Markenartikler – sind nicht bereit, für die unscheinbaren Verkaufsförderungsetiketten zu zahlen. In der Lebensmittelbranche gilt das Gütezeichen als Aushängeschild der unbekannten Fabrikanten: Auf Palettenware bei Aldi ist es öfter zu sehen als in den Regalen der Feinkostläden.

Am Sinn und Erfolg der neuen qualitätsfördernden Programme, die sich neben dem Fleisch unter anderem Kartoffeln und Äpfeln aus „integriertem Anbau“ widmen, haben Marketingexperten ihre Zweifel: „Mit einem einheitlichen Prüfsiegel werden diese Produkte untereinander austauschbar“, warnt Manfred Heizer, Professor für Marketingmanagement und Agrarmarketing an der TU Berlin. „Damit bekommen wir wieder einen Preiswettbewerb, nur eben bei höherer Qualität.“ Geringe Erlöse für bessere Ware – dies wäre nicht im Sinne der Landwirte, die per Pflichtabgabe auch noch den Löwenanteil der Kosten tragen. Das Image der Viehzüchter und -mäster leidet unter immer neuen Horrormeldungen. Hormonskandale, Medikamentenmißbrauch, Salmonellen in Geflügel und Eiern, verrottetes Schweinefleisch mit gefälschten Haltbarkeitsdaten in deutschen Supermärkten, Schweinepest, Rinderwahnsinn, Tierquälerei bei Schlachtviehtransporten. Die Kette reißt nicht ab.

Geschäftsführer Antonius Nienhaus findet nichts dabei, auf Tauchstation zu gehen: „Bei der Schweinepest glaube ich nicht, daß ein großer Erklärungsbedarf besteht.“ Schließlich könne sich der Mensch nicht anstecken. Auch bei der heimtückischen bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) geht es ihm vor allem darum, die Kundschaft nicht wegen der „relativ geringen Mengen“ britischen Beefs zu „verunsichern“, die auf den deutschen Markt gelangen. Deshalb warb die CMA in einer ganzseitigen Anzeige in der „Bild am Sonntag“ vor Ostern für das Fleisch deutscher Bullen – obwohl in den meisten Geschäften die Herkunft der Ware gar nicht deklariert wird.

Fleischgegner werden torpediert. Dennoch hat die CMA kein schlechtes Gewissen

Die Aktivitäten der Hamburger Agentur IPR&O für den Bonner Auftraggeber sind nicht unumstritten: Ihre zielgruppenorientierte „Ernährungsinformation“ mit obligatorischer Fleischbeilage soll das Volk „über die Rolle von Fleisch in der modernen und gesundheitsbewußten Ernährung aufklären“ – ganz im Sinne der alten Stück-Lebenskraft- Parole. Während es voriges Jahr darum ging, Kinder im Vorschulalter mit Infotainment-Spielen zu zuverlässigen Fleischessern zu erziehen, will IPR&O dieses Jahr die kritischen Gruppen bearbeiten: Studenten und Ernährungsberater. Dadurch legt sich die CMA zwangsläufig mit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) an. Deren Fachleute finden die massive Fleischpropaganda fatal für die Gesundheit der Bevölkerung, denn der Durchschnittsbürger verdrückt nach ihren Erkenntnissen sowieso schon zuviel Fleisch – im Jahr 1993 waren es 63 Kilogramm. Helmut Oberritter, wissenschaftlicher Leiter der DGE, hält dreimal pro Woche 150 Gramm Fleisch und 30 Gramm Wurst für das zuträgliche Maximum; das ergibt 28 Kilogramm per anno, weniger als die Hälfte des Status quo.

Empört über die CMA-Strategie, sich auf positive Äußerungen von Wissenschaftlern zu berufen, ist der Münchener Ernährungsmediziner Professor Günter Wolfram. „Das ist Vernebelungstaktik“, schimpft der Dekan der Fakultät für Landwirtschaft und Gartenbau an der Technischen Universität Weihenstephan. „Die schüren Zweifel an Fakten, die auf dem Tisch liegen.“ Hintergrund des Vorwurfs: Wiederholt hat die CMA sich gegen einen breiten wissenschaftlichen Konsens gestellt, wenn dieser den Vermarktungsinteressen zuwiderlief – etwa bei den Themen Cholesterin und Zucker, wo die CMA den Patienten Gründe liefert, sich nicht an den Rat des Arztes zu halten.

„Sie nehmen beinhart jede nur vage positive Aussage als absolute Wahrheit“, so Wolfram, „und dank ihres Geldes können sie sich so plazieren, daß sie nicht übersehen werden.“ Eine Million für wissenschaftliche Forschung sei sehr schwer zu bekommen, eine Million für die Verunsicherung der Verbraucher wohl nicht.

Ob der Aufwand den deutschen Tierproduzenten nützt, ist fraglich. Denn trotz aller Bemühungen aus Bonn liegt heute mehr importiertes als einheimisches Fleisch auf dem Teller: Bei Schweinefleisch kommen 50 Prozent aus Deutschland, bei Rindfleisch 30, bei Geflügel unter 15 Prozent. Einige Großmärkte wie die Hamberger GmbH in München führen kein deutsches Frischgeflügel mehr – „aus Qualitätsgründen“; bei Steaks setzt das Unternehmen auf die bei der Kundschaft beliebte südamerikanische Ware.

Dem Verbraucher fällt all dies nicht auf, denn im Gegensatz zum Obst und Gemüse muß das Herkunftsland beim Fleisch nicht angegeben werden. Eine solche Vorschrift durchzusetzen wäre im heutigen Binnenmarkt ohnehin schwierig, da sich die Warenströme auch bei Schweinehälften nicht mehr an Staatsgrenzen orientieren. Deutsche Würstchen können ebenso aus holländischen Schweinen hergestellt sein wie holländischer Käse aus deutscher Milch. Hierfür hat Manfred Heizer, neben Tätigkeit als Professor in Berlin auch Chef der Marketinggesellschaft für Niedersächsische Agrarprodukte in Hannover, den Begriff „Herkunftsillusion“ geprägt.

Wenn es nach dem überzeugten Marktwirtschaftler geht, sind heute andere Lösungen geftagt als eine nach dem Absatzfondsgesetz konstruierte zentralistische Marketingorganisation à la CMA. „Ich weiß nicht“, so Heizer, „wie man einen Agrarstandort Deutschland durch die Bewerbung deutscher Produkte sichern kann.“ Zum einen bestimmten in Europa längst „interregionale Wirtschaftsräume“ das Marktgeschehen, die nicht mehr von Landesgrenzen, sondern von ihren Standortbedingungen geprägt seien. Zum anderen hindere die gesetzlich vorgeschriebene Wettbewerbsneutralität die CMA daran, die Marktposition der Bauern gegenüber den Einkäufern, also den mächtigen Handels- und Nahrungsmittelkonzernen, zu stärken. „Das Marketingproblem der Landwirtschaft ist kein Werbeproblem“, analysiert Heizer, „sondern primär ein Strukturproblem.“

Diesen Text habe ich gemeinsam mit meiner Frau Angela, einer diplomierten Haushalts- und Ernährungswissenschaftlerin, für die w&v werben & verkaufen geschrieben. Er erschien als Titelgeschichte der Ausgabe 18/1994.

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Deutsche Wertarbeit

Auf merkwürdige Art und Weise präsentierte die CMA bei einer Sonderschau in Köln deutsche Spezialitäten.

Den „Handel der Welt“ hatte die CMA nach Köln geladen – zur ersten  gesamtdeutschen „CMA Spezialitätenbörse 1994“.

Allerdings schienen einige Hersteller den Wert der Veranstaltung nicht erkannt zu haben. Vertraute Marken wie Asbach Uralt, König-Pilsener, Langnese, Pfanni oder Müller-Milch fehlten auf der Show. Selbst den CMA-Aufsichtsrat Hermann Bahlsen hatte der CMA-Vorstand offenbar nicht darüber aufgeklärt, daß sein Unternehmen in Köln dabeisein müsse.

Dennoch konnten sich europäische Einkäufer ein Bild davon machen, was man in Deutschland – neben Haribos Goldbärchen – unter regionalen Spezialitäten versteht: das afrikanische Welsfilet aus Brandenburg etwa oder die Käsedelikatesse „Mjölkland Trollskär“ aus dem Allgäu.

Kannibalisch gut schmecken wohl die „Thüringer Touristenblutwurst“ von Herzland oder die „Naabtalkrainer“ aus Jena, zu der das Naabtalduo und die Original Oberkrainer verwurstet wurden. Der Musikantenstadl will eine Schweigeminute einlegen. Und Brandenburger Food-Designer entwickelten als 1989-Gedächtnis-Produkt den Bananenschinken.

Inmitten all der zündenden Marketingideen fand sich schließlich doch noch ein hochrangiger Funktionär der CMA: Toni Meggle, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, war mit seinem Sortiment am Rhein vertreten. Die CMA ließ sich nicht lumpen: Meggles Buttersoßen wurden preisgekrönt.

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Volle Kraft voraus: Power gegen Pentium

Seit über zehn Jahren hält Intel den PC-Markt im Klammergriff. Jetzt bekommt das Monopol des einzigen Markenartiklers der Branche Risse: Die „Power“-Allianz aus IBM, Apple und Motorola greift an, Nachahmer rüsten auf

Ein Phantom war der absolute Knüller der diesjährigen CeBIT in Hannover. Ein Chip, von dem niemand sicher weiß, wer ihn hergestellt hat. Bekannt ist nur der Entwickler, die Firma Nexgen, ein bisher nahezu unbekanntes Ingenieurbüro aus dem Silicon-Valley-Städtchen Milpitas.

Seinen Ruhm verdankt der geheimnisumwitterte Mikroprozessor der Behauptung des Nexgen-Managements, er sei ein preiswerter, aber vollwertiger Ersatz für das Topmodell des Marktführers Intel, den Pentium – und keineswegs ein plumpes Plagiat. Die Redaktion des auflagenstarken Fachblatts „Chip“ zeigte sich von dem Rumpelstilzchen so begeistert, daß sie es spontan zum „CeBIT-Highlight“ kürte und seinen Erfindern den Sonderpreis für eine „zukunftsweisende Innovation“ verlieh.

Tatsächlich steckt im Nexgen-Prozessor Brisanz: Wenn sich die lückenhaften ersten Informationen bestätigen, wird das kleine Stück Silizium die gesamte Machtbalance im Computermarkt verändern. So stehen hinter Nexgen (Kürzel für „Next Generation“) nicht nur potente Geldgeber – etwa die Intel-Großkunden Compaq und Olivetti, das renommierte Venture-Capital-Haus Kleiner Perkins Caufield Byers sowie die New Yorker Investmentbank Paine Webber. Auch der mutmaßliche Produzent der Neuheit ist nicht gerade ein Nobody. Ausgerechnet mit dem Computerriesen IBM verhandeln die Kalifornier über die Serienfertigung. Schon ab Juni soll geliefert werden, zunächst an asiatische No-name-Produzenten.

Damit steht die erfolgsverwöhnte Intel Corporation vor einer ungewohnten Aufgabe: Bisher hatte der Branchenpionier keine Konkurrenz zu fürchten. Während Motorola, der größte Rivale, als Apple-Zulieferer zum Nischenanbieter wurde, bekam Intel durch seine Allianz mit IBM und Microsoft fast 80 Prozent des PC-Markts unter Kontrolle. Um das Monopol abzusichern, verweigert der Konzern seit Jahren Nachbaulizenzen; wer es trotzdem wagte, am großen Kuchen zu knabbern, wurde vor den Patentrichter gezerrt. Bislang zahlte sich diese Politik aus. Im Geschäftsjahr 1993 kletterte der Umsatz um 28 Prozent auf 8,8 MilLiarden Dollar, der Gewinn auf bombastische 2,3 Milliarden Dollar – damit ist Intel ein vorderer Platz in den Top Ten der profitabelsten Unternehmen der Welt sicher.

Mit seiner Gewinnmaximierung hat Intel-Chef Andy Grove viele Kunden gegen sich aufgebracht. Die Rendite, klagen Computerhersteller, sei vor allem auf überhöhte Preise zurückzuführen. Plötzlich ist auf langjährige Kunden kein Verlaß mehr. Mehr und mehr sucht die Branche Alternativen zum Monopolisten.

Besonders gestört ist Intels Verhältnis zu IBM: Der Branchenriese bringt nach den Sommerferien seine neue PC-Baureihe „PSIPower“ auf den Markt, deren Chips gemeinsam mit Apple und Motorola entwickelt wurden. Zwar bleibt die bisherige Intel- Linie parallel im Sortiment, aber Insider gehen davon aus, daß sich die Marketer voll auf die Power-Produkte konzentrieren wollen. IBM sucht Distanz und verzichtet darauf, den aktuellen Spitzen-Prozessor Pentium für den Eigenbedarf selbst zu bauen. Bis auf weiteres produziert ihn Intel für Big Blue. Die Nachricht, daß IBM den Nexgen fertigt, gilt deshalb als besonders heißer Tip.

Auch die Nummer zwei im PC-Weltmarkt, Compaq, schwimmt sich frei. Selbstbewußt streicht der Hersteller das Logo „Intel inside“ aus seinen Inseraten – der Name Compaq, so ist zu hören, sei Qualitätsmarke genug. Um noch billigere PCs anbieten zu können, bezieht Compaq-Boß Eckhard Pfeiffer neuerdings einen Teil seiner Prozessoren von Advanced Micro Devices (AMD) – einem Nachbauer, der gerade einen jahrelangen Patentprozeß gegen Intel gewonnen hat. Wenn sich die Power-Chips am Markt durchsetzen, will Pfeiffer zusätzlich bei der IBM-Motorala-Allianz einkaufen. Überdies hat Compaq eine Option auf den Pentium-Ersatz von Nexgen.

Ein Handicap hat die Power-Gruppe indes: das magere Softwareangebot. Ein Entwicklungsteam bei IBM in Boca Raton/Florida arbeitet an einer Power-Version des Betriebssystems OS/2, damit Anbieter von Anwendungsprogrammen – wie Lotus Development oder Borland – die immense Leistung des Chips überhaupt ausnutzen können. Herkömmliche Windows-Programme laufen auf Power-Rechnern nur mit gebremstem Schaum.

Axel Hartstang, in der Motorola-Geschäftsführung für das Halbleiter-Marketing zuständig, blickt optimistisch in die Zukunft: „Mit dieser Prozessorarchitektur können wir unseren Marktanteil in zwei Jahren auf zwanzig Prozent ausbauen.“

Erschienen in w&v werben & verkaufen 15/1994