Süddeutsche Seitenschinder

Noch mal zu der opulenten Licht-Doppelseite im Wirtschaftsteil, die die SZ heute auf der Titelseite ankündigt:

Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig Substanz eine Qualitätszeitung heute ihre Seiten füllt:

Über fünf Spalten hinweg macht sich eine Regenbogengrafik breit, deutlich größer als ein DIN-A4-Blatt, angeblich ein Foto des bekannten Lichtbildners mit dem Künstlernamen Ohne Honorar, erkennbar an dessen Kürzel „oh“.

Drei Aufmacher-Spalten trägt ein Feuilleton-Kollege bei. Sein Text gehört eigentlich ins Genre „Entertainment für Bildungsbürger“, war also wohl ursprünglich für die Wochenend-Beilage gedacht und ist auf wundersame Weise in der Wirtschaft gelandet.

Ein Vierspalter gegenüber enthält die Abbitte eines Wissenschaftsredakteurs gegenüber Lesern, die er früher penetrant mit dem Lob der Energiesparlampe malträtiert hatte. Inzwischen hat sich seine Euphorie zum Glück getrübt, doch was hat das in der Wirtschaft verloren?

Ein kleiner Dreispalter einer Seite-Drei-Reporterin über die allnächtliche Über-Beleuchtung der Erde und die Sehnsucht nach Dunkelheit lässt zumindest GEO-Leser gähnen – sie haben das Thema soeben als Titelstory lesen können.

Der einzige Text von Wirtschaftsredakteuren steht rechts unten in der Ecke. Die beiden Autoren reißen ein paar interessante Aspekte an, etwa den Rohstoffbedarf von LEDs (Gallium), bleiben aber an der Oberfläche. En passant führen sie den Leser auch noch auf die falsche Fährte: 20 Prozent des Stroms gingen weltweit für Beleuchtung drauf, schreiben sie unter Berufung auf die Internationale Energie-Agentur. Dabei fällt unter den Tisch, dass der Anteil in Industrienationen, in denen sich die Menschen mehr Elektrisches leisten können als die nackte Glühbirne unter der Decke, viel geringer ist. Ein deutscher Privathaushalt verbraucht mit Beleuchtung nur elf Prozent seiner Kilowattstunden, hat also nur geringes Sparpotenzial. In manchen Ländern sind es mehr als 80 Prozent – weil die Menschen keinen Elektroherd, keinen Kühlschrank und keine Waschmaschine besitzen.

Irreführend ist auch die pauschale Behauptung über die Preise von LEDs im Vergleich zu herkömmlichen Leuchtmitteln (wenn ich kalauern wollte, würde ich sagen, sie vergleichen Glühbirnen mit Pferdeäpfeln): LED-Leuchtkörper kosten nicht 30-mal so viel wie Glühlampen, denn dazu müsste es erst einmal LED-Ersatz für normale Birnen (E27-Fassung) geben. Die LEDs ersetzen aber vor allem Halogen-Spots. Rundstrahlende Konstruktionen haben heute noch etwas Experimentelles und sind bislang viel teurer.

Was völlig fehlt, ist der Aspekt, dass energiesparende Leuchtmittel dazu verführen, sich seine Umwelt heller zu erleuchten als nötig.

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2 Antworten auf „Süddeutsche Seitenschinder“

  1. Na, es gibt durchaus schon rundstrahlende LEDs mit E27, die dann etwa 30 € kosten (Schrott, der nach 2 Wochen kaputt ist, gibt es auch billiger). Auch von Osram.

    Allerdings ist aufgrund des Kühlproblems bei Retrofit-Lampen bei 4 bis 6 Watt Schluß. Man kann so also keine 60er- oder 100er-Glühlampen ersetzen.

    Heller erleuchten als nötig kann mit LEDs also erstmal nicht passieren 🙂

    (Wobei Tages-Arbeitslicht durchaus hell sein kann/soll – nachts vor dem Einschlafen oder gar im Freien istw as anderes)

    Ich habe inzwischen an einigen Stellen sehr gute LED-Lösungen.

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