Kompetenzroulette am Newsdesk

Nehmen wir an, beim externen IT-Dienstleister eines Einzelhandelskonzerns ist virtuell eingebrochen worden. Welchem Redakteur  drückt die Redaktionskonferenz der Newsdesk-Manager das Thema aufs Auge? Na klar, dem Handelsspezialisten, der hat doch Kontakt zu Rewe-Managern. Dann kommt Content dieser Qualitätsstufe heraus:

„Nach Einschätzung von Fachleuten lassen sich aber auch E-Mail-Adressen von Kunden zu Geld machen. Denn sie würden häufig für den Versand von unverlangt zugestellten Mails verwendet. Dahinter steht die Erfahrung, dass persönlich adressierte elektronische Post eher geöffnet wird als eine anonyme Rundmail.“

Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 2011, Seite 1

Was der Autor vermutlich versucht hat zu sagen: Die abgegriffenen Adressen könnten von Spammern als Absender missbraucht werden. Um die Verwendung als Empfängeradresse kann es ja nicht gehen: An anonyme Empfänger kann selbst der cleverste Spammer nichts schicken. Rundsendungen „an alle“ gibt es nicht. (Zudem ist eine Datenbank mit 50.000 Adressen kein lohnendes Ziel, wenn es nur um den Verkauf der Daten an Spammer geht. Das sind Peanuts, bestenfalls ein Trainingsobjekt für Anfänger.)

Ich weiß jedenfalls gar nicht mehr, wie lange es schon her ist, dass Absenderspoofing Konjunktur hatte und die Spamfilter damit noch nicht richtig umgehen konnten. Fünf Jahre? Sieben? Bei mir ist seit Jahren nichts dergleichen mehr eingetrudelt.

Im Übrigen funktioniert die Masche ja nur, wenn der Empfänger den vermeintlichen Absender kennt. Ein Hacker, der darauf aus wäre, müsste sich im Umfeld der sozialen Netzwerke umtun, aber doch nicht ausgerechnet in einer Fußballbildchen-Tauschbörse: Deren Teilnehmer suchen ja gerade deshalb auf so einem Weg Tauschpartner, weil sie in der analogen Welt niemanden kennen, der die gesuchten Bildchen hat. Hinzu kommt, dass die Beute sicherlich einen großen Anteil Freemailer-Wegwerfadressen enthielt, die für den Zweck schlicht nutzlos wären.

Halten wir also fest: Die Fakten, die die Zeitungsmeldung enthält, lassen nicht erkennen, wer warum Rewes Dienstleister gehackt hat. Im Moment spricht mehr für Hacktivisten als für Organisierte Kriminelle, aber dazu müsste man mehr Details kennen (bzw. recherchieren). Einen Vierspalter kann man füllen, indem man drauflos spekuliert, also Zeilen schindet. Wenn das aber dem Leser etwas bringen soll, wäre ein Mindestmaß an Sachkenntnis nicht schlecht.

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