Schrot und Korn

Hersteller von Naturkost und Bio-Produkten haben das Internet als neuen Vertriebsweg entdeckt.

WIRTSCHAFTSWOCHE 10/1997

Die Kaffeetasse lässig in der Rechten, wirkt Arthur Darboven wie die personifizierte Seriosität. Mit seinem Bildschirmdebüt im feinen Zwirn folgt der Sproß einer Hamburger Kaffeeröster-Dynastie der Familientradition: Schon seit den sechziger Jahren verbürgen sich Darbovens im Werbefernsehen für den „magenfreundlich veredelten“ Idee-Kaffee.

Den 33jährigen Chef der Burkhof Kaffee GmbH im Münchner Vorort Sauerland dagegen sucht man auf TV-Monitoren vergeblich. Sein Konterfei wirbt im Internet – auf einer Seite des Feinkostversands Nur Natur Stillern-Mooseuracher, der das Burkhof-Produkt exklusiv vermarktet. Der Web-Auftritt hat finanzielle Gründe: Kosten und Streuverlust von Fernsehspots für den „Cavallo Nero“ (schwarzer Hengst), einen politisch korrekten Premiumkaffee für den Nischenmarkt, wären viel zu hoch.

Arthur Darboven ist nicht der einzige Alternativ-Kaufmann im weltweiten Netz. Die gesamte Öko- und Dritte-Welt-Branche hat den Computer für die Kundenbindung entdeckt. Alles, was der Naturwarenhandel zu bieten hat, läßt sich mittlerweile per Tastatur bestellen: von ökologisch an- und ausgebautem Wein über giftfreie Textilien und Möbel bis zu baubiologisch unbedenklichen Materialien. Im Zweifelsfall weist ein grünes Online-Branchenbuch den schnellsten Weg zum nächstgelegenen Bioladen.

Die ungewohnte Reklamestrategie zahlt sich aus, wenngleich erst in bescheidenem Umfang. Die Online-Bestellungen hätten zwar „wirtschaftlich noch kaum Relevanz“, gesteht Nur-Natur-Geschäftsführer Franz Josef Grenzebach. Immerhin sei der Anfang ermutigend. Im ersten Jahr kamen immerhin 2000 Bestellungen über www.nurnatur.de herein, zum Teil sogar von Stammkunden, die sonst per Post geordert hätten.

„Die Kosten für den elektronischen Katalog im Internet sind längst wieder drin“, freut sich Grenzebach. Kein Wunder: Er muß keine gedruckten Kataloge mehr verschicken, und digital eingehende Aufträge werden vom Computer abgewickelt. Daß die Online-Kundschaft stetig wächst, liegt in einer selbst für Insider überraschenden Erkenntnis begründet: Die Klientel der Ökohändler und die der Online-Dienste haben weit mehr Gemeinsamkeiten, als die gängigen Klischees vom technikfeindlichen Müslifreund oder Junk-food-süchtigen Computerfreak vermuten ließen.

„Den Birkenstock tragenden Alternativen gibt es nicht“, lernte Rolf Mütze, Architekt der großen Naturkost-Internet-Baustelle des Schaafheimer Verlags Gesund Essen, aus einer Marktstudie seines Hauses. Der traditionelle Naturkostladen habe sich vielmehr zum Fachgeschäft weiterentwickelt, dessen Kunden gebildeter und finanzkräftiger sind als der deutsche Durchschnittsbürger.

Auch Versender Grenzebach mußte sich aufgrund von Marktstudien von alten Überzeugungen verabschieden. Nun weiß er, wie elitär sein Publikum ist: 92 Prozent der Nur-Natur-Besteller sind akademisch gebildet, ungewöhnlich viele haben sogar promoviert. Und auch die Geschlechts- und Altersstruktur stimmt: Die Hälfte der Kunden ist männlich, und mit durchschnittlich 35 Jahren sind sie noch nicht zu alt für den Computer. Online-Spezialisten mit Antenne fürs Alternative sind demnach gesuchte Leute. Als der Bamberger Diplom-Ingenieur und Web-Autodidakt Thomas Hörner, 30, im vorigen Sommer sein virtuelles Ökokaufhaus eröffnet hatte, dauerte es nicht lange, bis das erste Übernahmeangebot eines Verlags auf dem Tisch lag. Er schlug es aus und darf sich heute als König der Marktnische fühlen. Seine Kleinfirma Mag List arbeitet unter anderem für Nur Natur, den Möbelanbieter Mac Bett und die Drogerie Spinnrad.

Für die weitere Expansion hat Hörner vorgesorgt: Rechtzeitig sicherte er sich die Internetadreßnamen www.umwelt.de, www.oekologie.de und www.naturwaren.de. Inzwischen meint der Softwaremann seine Ideen bereits bei mehreren anderen Anbietern wiedererkannt zu haben. „Daß jetzt Nachahmer kommen“, freut sich Hörner, „bestätigt mich nur.“

Nicht minder clever war der Schachzug des Verlags Gesund Essen, sich für sein Infopaket rund um Naturwaren und Umweltschutz die Adresse www.naturkost.de registrieren zu lassen. Hier zeigt sich freilich sehr deutlich, daß viele Anbieter die möglichen Vorteile des Internets noch nicht vollständig nutzen: In der Adreßdatenbank sind zwar die Anschriften nahezu aller deutschen Bioläden und Versender verzeichnet. E-Mail oder gar eine eigene Internetadresse lassen sich aber an den fünf Fingern abzählen.

Den Gesund-Essen-Verlagsexperten Rolf Mütze ficht das nicht an. Er träumt bereits von einer elektronischen Kommunikation zwischen Herstellern und Händlern – und sieht seinen Verlag, der die Naturkost-Kundenzeitschrift „Schrot & Korn“ herausgibt, als Vorreiter. „Wir müssen die Entwicklung vorwegnehmen“, fordert Mütze Gleichgesinnte auf. „E-Mail wird bald so normal sein wie heute das Telefax.“

ULF J. FROITZHEIM

ONLINE-LÄDEN: Keine Chance für Drücker

GO-KopfEntwarnung für Fachhändler: Der Einkaufsbummel in Internet, AOL & Co. läßt die Kundschaft bislang kalt. Grund: Push-Marketing zieht bei den Onlinern nicht.

 

Eberhard Schöneburg
Eberhard Schöneburg

Eberhard Schöneburg träumt von der Börse. Offenbar beflügelt vom Ansturm auf die T-Aktie, will der Fachhochschulprofessor aus Friedrichshafen schon in naher Zukunft selbst Anteilsscheine unters Volk bringen. Derzeit gehören ihm als Gründer der Neurotec Hochtechnologie GmbH in Oberursel zwar nur zehn Prozent seiner Firma; der Rest liegt zu gleichen Teilen bei der Berliner Elektroholding (BEH) und der Karstadt AG. Doch Schöneburg ist sich seines Erfolgs so sicher, daß er demnächst einen seiner Finanziers auskaufen will, um sodann mit frischem Kapital von der Börse auf Expansionskurs zu gehen.

Ob die Rechnung des ehrgeizigen Informatikers aufgeht, hängt in erster Linie von den deutschen Internet-Surfern ab: Nur wenn viele von ihnen oft genug die Web-Adresse www.my-world.de in ihren Browser tippen, kann Neurotec auf genügend Folgeaufträge bauen.

Karstadt glaubt an den Erfolg von „My World“

Wenn die imaginäre Einkaufsstadt mit der fremdartigen Architektur eine nennenswerte Stammkundschaft an sich bindet, muß Karstadt-Vorstand Klaus Eierhoff jenen 65 Millionen Mark nicht nachtrauern, die er im vergangenen Frühjahr für seinen Vorstoß in den Cyberspace bei Konzernchef Walter Deuss lockergemacht hat – „ohne  Wirtschaftlichkeitsrechnung“, wie Schöneburg betont. „ONLINE-LÄDEN: Keine Chance für Drücker“ weiterlesen

Meyer-Scheel: „Seid Ihr eigentlich auch in Timbuktu?“

Interview mit Lutz Meyer-Scheel, Geschäftsführer Viag Interkom

Die Bündnisse in der Telekombranche sind bislang nicht sehr stabil. Ihre Prognose: Wer geht 1998 mit wem an den Start?

Eine endgültige Antwort weiß ich nicht. Von manchen Verhandlungen erfahre auch ich erst aus der Zeitung. Auf jeden Fall ist neben der Telekom nicht mehr viel Platz für Universaldienstanbieter, wie wir einer werden wollen. Von den drei bis vier Spielern heute sind einer oder zwei zuviel.

RWE-Chef Dietmar Kuhnt glaubt, daß seine Telliance eher mit Vebacom und Cable & Wireless an die Spitze kommt als mit Ihnen.

Ich bin gespannt, was da herauskommt.

Und Ihre Kunden? Nehmen die Ihnen nach dem RWE-Ausstieg ab, daß sie auch in fünf Jahren noch mit Ihnen rechnen können?

Die Kunden hören so was natürlich nicht gern. Erst heißt es, wir seien die allerbeste Allianz, und auf einmal ist nichts mehr. Wir schaffen es aber auch ohne RWE. Das haben wir den Kunden vermittein können. Die interessieren sich mehr für unser finanzielles Durchstehvermögen. „Meyer-Scheel: „Seid Ihr eigentlich auch in Timbuktu?““ weiterlesen

Kampf ums Kleingedruckte

Den Zeitungen drohen empfindliche Umsatzeinbußen: Rubrikanzeigen funktionieren online besser als auf Papier. Immer mehr Verlage basteln deshalb an eigenen Internet-Konzepten – in Bayern sogar mit vereinten Kräften.

RieflerEin fünfzehn Jahre altes Thema ist plötzlich wieder brandaktuell bei Deutschlands Verlegern: die Bildschirmzeitung. Doch im Gegensatz zu damals – als skeptische Herausgeber von Traditionsblättern darüber fachsimpelten, ob der Rezipient jemals seine Nachrichten auf dem Fernseher lesen werde, wie es mutige Kommunikationswissenschaftier prophezeiten – geht es heute ums schnöde Geld.

Fast über Nacht haben die Pressehäuser ein einst sehr einträgliches Monopol verloren: Immer mehr Branchenfremde dringen ins ohnehin rückläufige Geschäft mit Rubrikanzeigen ein. „Kampf ums Kleingedruckte“ weiterlesen

SCHNEEBALL aus dem Netz

MyServiceMit dubiosen VERSPRECHUNGEN und zahlreichen Seminaren ködert ein virtuelles Unternehmen Promoter für einen Internet-Service, den es gar nicht gibt.

Der Handzettel war gut postiert: In der Online-Halle der Cebit Home, mitten auf dem Microsoft-Stand. „Eröffnen Sie Ihr eigenes Internet-Geschäft – nutzen Sie den „Markt der Zukunft“, hieß es auf dem Packen kopierter Recycling-Blätter, der urplötzlich im Prospektständer lag. Als Kontaktadresse nannte ein gewisser Uwe Tief (Name von der Redaktion geändert) Telefonnummer und E-mail-Anschluss.

Tief, freier Handelsvertreter aus Westfalen, hatte den Gates-Getreuen allerdings ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Die Microsoft-Standbesatzung, die von keinem um Erlaubnis gefragt worden war, zog den Papierstapel aus dem Verkehr – und sparte damit womöglich einigen Messebesuchern eine Menge Zeit und 670 Dollar.

Diesen Betrag – auf dem Handzettel als „minimale Investition“ kaschiert – muß erst einmal hinblättern, wer als Repräsentant der My Service Corporation aktiv werden will. Wie man danach „hohe Verdienstmöglichkeiten“ (Werbeaussage) nutzen kann, obwohl man den Service verschenken soll, erfährt man auf kostenlosen Seminaren, die Tief und einige Kollegen in Hotels in Deutschland, Österreich und der Schweiz abhalten.

My Service lockt Netsurfer mit „Pyramidensystem“

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