Online-Dienste: Total blockiert

Das Internet stellt den Erfolg der neuen Angebote schon jetzt in Frage. Denn: Wer will freiwillig die Gebühren zahlen?

WirtschaftsWoche Nr. 42/1995

Der Ort der Party war mit Bedacht gewählt. Nirgendwo hätte Apple den Neustart seines bislang glücklosen Online-Dienstes eWorld besser zelebrieren können als im Cybersmith Café, dem trendigen Treffpunkt computerbesessener Harvard-Studenten. Doch wer erwartet hatte, der kalifornische Computerkonzern werde an diesem Abend in Cambridge ein Füllhorn raffinierter Interaktiv-Dienste öffnen, sah sich getäuscht. Marketingvorstand Daniel Eilers hält es nämlich für sinnvoller, dem Publikum den bislang ziemlich steinigen Weg ins World Wide Web (WWW), den wichtigsten Dienst im Internet, zu ebnen, als sich selbst mit der aufwendigen Entwicklung von Inhalten abzumühen: „In einem Jahr wird der Name Apple ein Synonym fürs Internet sein.“

An solchen Synonymen wird es im kommenden Jahr gewiß nicht mangeln. Ohne Internet-Zugang traut sich nämlich kein Online-Dienst mehr auf den Markt. Weil dieses Netz mit weitem Abstand die meisten Nutzer hat. Die beiden Hauptrivalen auf dem internationalen Parkett, America Online (AOL) und Compuserve, machten den Anfang: Sie bieten ihren jeweils etwa dreieinhalb Millionen Mitgliedern seit ein paar Monaten kostenlosen Zutritt zum WWW.

Vor wenigen Wochen zog die Deutsche Telekom nach: Eine Million CD-ROMs mit der neuen, internet-tauglichen T-Online-Decodersoftware (T-Online ist der neue Name für Datex-J, ehemals Btx-Bildschirmtext) will das Staatsunternehmen allein in Deutschland unter die Leute bringen. Auch bei den Newcomern Microsoft Network und Europe Online sind WWW-Zubringer in Vorbereitung.

Ob diese Strategie den Anbietern wirklich mehr nützt als schadet, ist noch keineswegs sicher. Immerhin signalisieren sie mit der Öffnung ins Internet, daß nicht einmal sie selbst die eigenen Angebote für genügend attraktiv halten. Derzeit ist diese versteckte Botschaft bei den Nutzern allerdings noch nicht angekommen. Die Nutzungsrate bei den drei etablierten Diensten ist so groß, daß aus den Modems zu Spitzenzeiten immer öfter das Besetztzeichen tutet.

Eigentlich dürfte das struppige, schwer zu erschließende Datendickicht des Internet für einen klar gegliederten, professionell auf Nutzwert getrimmten Dienst überhaupt keine Konkurrenz darstellen. Doch weit gefehlt: Am Streit über die Frage einer Öffnung zum Internet droht die luxemburgische Holding Europe Online S.A. (EO) zu zerbrechen. Arnaud Lagardère, Generaldirektor des französischen Teilhabers Matra-Hachette-Multimedia, hatte sich schon Anfang des Jahres auf der Medienmesse Milia in Cannes als Internet-Enthusiast geoutet. Jetzt gestand er dem Wirtschaftsblatt „Les Echos“, daß er das Joint Venture seines Hauses mit dem deutschen Burda-Verlag im nachhinein für eine Schnapsidee hält: „Es ist töricht, einen geschlossenen Online-Dienst aufzubauen.“ Lieber heute als morgen würde der Unternehmer, Sproß des Pariser Rüstungsmagnaten Jean-Luc Lagardère, seinen Anteil an EO wieder loswerden. Arnauds neuestes Projekt ist ein eigenes Netz von Internet-Einwählknoten in Frankreich.

Auch der britische Partner bei Europe Online sucht das Weite. Die Verlagsgruppe Pearson Plc., zu der unter anderem die „Financial Times“, der Buchverlag Penguin und diverse Fernsehanteile gehören, kündigte jetzt eine „plattformneutrale“ Entwicklung ihrer multimedialen Inhalte an. Im Klartext heißt das: Die geplante interaktive Ausgabe der „Financial Times“ wird auch im Microsoft Network und im Internet vertreten sein. Ableger Penguin tut ein übriges und baut in England ein Netz von Internet-Zugängen, sogenannten Points of Presence, auf. Damit ist die ursprüngliche Idee, mit Europe Online ein multikulturelles Netz mit exklusiven Inhalten zu etablieren, endgültig gestorben.

Während Burdas New-Media-Manager Oskar ((Prinz)) von Preußen im Schulterschluß mit dem Axel Springer Verlag versucht, Europe Online als rein deutschen Dienst zu retten, kämpft das amerikanische Vorbild derzeit mit Problemen ganz anderer Art. America Online, dessen deutsche Version der Medienmulti Bertelsmann rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft präsentieren will, muß sich des Vorwurfs erwehren, ein Tummelplatz für Sittenstrolche zu sein. Seit das FBI ein Dutzend AOL-Teilnehmer unter dem Vorwurf verhaftet hat, online Kinderpornos verbreitet und Sex mit Minderjährigen vermittelt zu haben, tobt in den USA ein erbitterter Meinungsstreit darüber, ob der Betreiber eines Datennetzes für solche kriminellen Machenschaften seiner Kunden geradestehen muß.

Setzen sich die Hardliner durch, müßte AOL die digitalen Nachrichten seiner Mitglieder lückenlos überwachen, den heute üblichen Gebrauch von Pseudonymen verbieten und jedem die Leitung kappen, der Schweinkram durchs Modem schickt – dazu müßte allerdings ein Zensurgremium eingeführt werden.

Der scheinbar skurrile Konflikt könnte ernste wirtschaftliche Konsequenzen haben. Wenn die Kunden  nicht mehr unerkannt und ungestraft ihre Meinung über Gott und die Welt verbreiten können, ist das AOL-Netz für viele nicht mehr interessant. Chairman Steve Case beruft sich deshalb wacker auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Wenn die Post einen Erpresserbrief befördere, ließ er verbreiten, werde ja auch nicht der Postminister verhaftet.

Angesichts solcher Streßfaktoren kommen die Online-Manager kaum noch zu ihrer wichtigsten Aufgabe: ihrem jeweiligen Dienst ein unverwechselbares Profil zu verschaffen. Wenn die Inhalte austauschbar werden und auch ein billiger Internet-Zugang zum normalen Lieferumfang gehört, bleibt zur Differenzierung nur noch das Instrumentarium der Waschmittelwerber: Nicht der Beste gewinnt, sondern derjenige, der bei seiner Zielgruppe das beste Image aufbaut – und der seine Ware am auffälligsten anpreist.

Spätestens zur Weihnachtszeit dürfte die Werbeschlacht um neue Online-Kunden voll losbrechen. Die Telekom nutzt die Zeit bis dahin aus, um ihren Vorsprung auszubauen: Die angriffslustige Marketingagentur 1&1 Direkt GmbH aus Montabaur soll T-Online jetzt als Internet-Zugang für jedermann anpreisen. Ab acht Mark im Monat ist er zu haben.

Als einziger Dienste-Anbieter kann sich die Deutsche Telekom eine solche Niedrigpreispolitik leisten, denn bei jedem Ausflug ins Netz läuft der Telefongebührenzähler mit. Und damit sich das Geschäft noch mehr lohnt, wird der Ortstarif zum 1. Januar an die neuen Anforderungen angepaßt. Wer nur kurz telefoniert, zahlt ebensoviel wie heute. Wer dagegen, wie es üblich ist, länger durch das Netz der Telekom oder anderer Anbieter surft, wird dann kräftig zur Kasse gebeten. Ein einstündiger Ausflug, heute für höchstens 2,30 Mark zu haben, kann dann bis zu 4,80 Mark kosten.

Ulf J. Froitzheim

Dreißig Kanäle voll

Redaktion und Druckerei sind örtlich entzerrt. Doch der Datentransfer hat noch Tücken.

Im traditionsreichen Münchner Pressehaus Bayerstraße, einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, ging unlängst eine Ära zu Ende. Eine Abbruchkolonne rückte an, um die alten Rotationsmaschinen abzuwracken, auf denen jahrzehntelang der „Münchner Merkur“ und das Boulevardblatt „tz“ gedruckt worden waren. Jetzt bekommen die Käufer und Abonnenten ihre Morgenlektüre aus einer modernen Druckerei im Norden der Stadt. Wie bei den Konkurrenzblättern „Süddeutsche Zeitung“ und „Abendzeitung“, die bereits seit Mitte der achtziger Jahre am Stadtrand produziert werden, dürfen Journalisten und Anzeigenverkäufer in der City bleiben.

Die Auslagerung der Druckereien von teuren Innenstadtlagen in verkehrsgünstig gelegene Gewerbegebiete ist bei Großstadtzeitungen mittlerweile fast die Regel. Die räumliche Nähe zur Produktion ist unnötig geworden, weil die Druckerei ohnehin keinen nennenswerten Einfluß mehr auf das Endprodukt hat: Die Zeitungsseiten entstehen komplett am Redaktionscomputer und werden per Datenleitung, Richtfunk oder Satellit druckfertig an die Rotation gebeamt.

Nur auf diese Weise konnte jetzt etwa die „Neue Zürcher Zeitung“ mit einer aktuellen internationalen Ausgabe ein Replacement in Deutschland starten. Die fertigen Seiten werden abends per Satellit von Zürich nach Passau übertragen, gedruckt und versandt. Auch der Heidelberger Springer Verlag hat seine Produktion per Satellit entkoppelt: Satzarbeiten für die meisten Bücher und Zeitschriften erledigen Niedriglohnarbeiter im indischen Bangalore, die erfaßten Texte landen auf dem Umweg übers Weltall zur Weiterbearbeitung in den Springer-Rechnern.

Die vergleichsweise preiswerte ISDN-Technik, das in Europa bevorzugte Übertragungsmedium für digitale Daten, hat allerdings ihre Tücken. So ist das Digitalnetz, das die Telekom auf herkömmlichen Telefonleitungen betreibt, mit seiner Bandbreite von 64 Kilobit pro Sekunde den Datenmengen des Verlagsgewerbes kaum gewachsen. Ohne Kunstgriffe würde das Senden einer durchschnittlich bebilderten Zeitungsseite – etwa fünf Megabyte – über zehn Minuten dauern, und das lediglich in Schwarzweiß. Eine üppig illustrierte Vierfarbseite wäre mehr als eine Stunde unterwegs.

Um die Übermittlungszeit zu reduzieren, komprimieren die Verlage ihre Dateien für den Versand. Im Idealfall läßt sich damit die Transferzeit um 85 bis 90 Prozent verkürzen. Zusätzlich Tempo gewinnen die digitalisierten Seiten durch die Parallelschaltung mehrerer ISDN-Kanäle. Wer sich von der Telekom einen sogenannten Primärmultiplex-Anschluß mit 32 Kanälen installieren lässt, kann auf dieser Datenautobahn die Breite der Fahrspuren nach Gusto variieren – also beispielsweise vier Datenpakete auf je acht Kanäle aufteilen und simultan verschicken.

Der Axel Springer Verlag AG reicht selbst das noch nicht. Weil Telefonnetze manchmal überlastet sind und sehr viel Geld auf dem Spiel steht, verläßt sich der Hamburger Medienkonzern lieber auf eine Kombination aus dem neuen Telekom-Dienst Datex-M und fest angemieteten Transponder-Kapazitäten auf dem Fernmeldesatelliten Kopernikus. „ISDN“, so Ono Grudzinski, bei Springer zuständig für die technische Planung im Bereich Druckvorstufe, „ist für uns sekundär.“

Dabei ist das schnelle Datex-M, die deutsche Adaption der „Metropolitan Area Network“-Technologie mit maximal 140 Megabit pro Sekunde, den Regionalredaktionen der „Bild-Zeitung“ vorbehalten, die schon den elektronischen Ganzseitenumbruch eingeführt haben. Seiten mit großflächigen Inseraten funken die Hamburger als Faksimile per Satellit an die verschiedenen Druckorte. ISDN spielt im Springerschen Datenübertragungskonzept nur die Rolle der Rückversicherung: Sollte Kopernikus versagen oder ein Bagger ein Datex-M-Kabel zerfetzen, stellt das digitale Telefonnetz sicher, daß des Deutschen liebste Kaufzeitung doch noch an die Kioske kommt. Allein für diese Backup-Lösung hat sich Springer vom Berliner Systemhaus Teles GmbH vier Multiplex-Anlagen mit je 30 Nutzkanälen installieren lassen. Dennoch lassen diese 120 Datengleise, die ursprünglich für Videokonferenzen vorgesehen waren, insgesamt nur etwa 6,4 Megabit Daten pro Sekunde passieren.

Die Anbieter von ISDN-Lösungen für das Verlagswesen sehen trotz solcher technischen Beschränkungen optimistisch in die Zukunft. Denn die Aufrüstung auf die schnelle Glasfasertechnik ATM (asynchroner Transfermodus) ist Experten zu folge kein Problem. „Schmalband-ISDN mit 64 Kilobit ist lediglich der Anfang“, weiß Hansjörg Troebner, Geschäftsführer des Softwarehauses High Soft Tech (HST) aus Bremerhaven, „es kann künftig nahtlos in Datenautobahnen wie Breitband-ISDN auf ATM-Basis integriert werden.“

Zudem werden über kurz oder lang auch die Anzeigen nicht mehr als Filmvorlage, sondern elektronisch angeliefert werden. „Von der volldigitalen Zeitschriftenproduktion“, glaubt Karl-Heinz Stehle, technischer Leiter beim Systemhaus Audiocom GmbH in Augsburg, sind wir nur noch ein Jahr entfernt.“

Hinzu kommt eine europaweite Verzahnung der Verlags- und Druckindustrie. Druckaufträge für Zeitschriften, Kataloge und Broschüren werden schon heute grenzüberschreitend vergeben. Konzerne wie Burda, Bauer oder Gruner & Jahr lassen längst nicht mehr alle Objekte in Deutschland drucken. Speziell in Holland und Frankreich läuft viel deutschsprachige Ware durch die Druckmaschinen. Und wenn schon das Fertigprodukt über weite Strecken mit dem Lkw transportiert werden muß, reduziert der Druckdatenversand per ISDN wenigstens die Vorlaufzeit. Die entspricht nämlich bei so manchem Hochglanzmonatstitel noch längst nicht den Maßstäben der multimedialen lnformationsgesellschaft: Vom Anzeigen- und Redaktionsschluß bis zum Erscheinen vergehen mitunter noch sechs Wochen.

Ulf J. Froitzheim

aus der WirtschaftsWoche 19/1995

SOFTWARE-MONOPOLY: IBM ist am Zug

Der Champion im SOFTWARE-MONOPOLY hat schlecht gewürfelt. Microsoft muß eine Runde aussetzen. Konkurrenten wie IBM nutzen die Zeit, um wenigstens die Schloßallee vor dem Zugriff des Bill Gates zu sichern.

Top Business 3/1995

Wer den Adrenalinspiegel von Christian Wedell in die Höhe jagen will, braucht nur den Namen „Lieven“ zu nennen, und stante pede fährt der Europa-Chef der Microsoft Corp. aus der Haut. Theo Lieven, Chef von Deutschlands führendem Computerdiscounter Vobis und derzeit Microsofts rebellischster Kunde, gilt als Wedells Lieblingsfeind – noch vor Richard Seibt, der bei der deutschen IBM eine Großattacke gegen den Softwareriesen koordiniert.

Aber auch Andreas Zeitler kann sich rühmen, für den Microsoft-Mann ein rotes Tuch zu sein. Der neue Statthalter der US-Softwarefirma Novell in Deutschland läßt nämlich ebenfalls den gebotenen Respekt vor der Führungsmacht der Branche vermissen. Vor einem großem Aufgebot an Fachjournalisten machte sich Netzwerk-Verkäufer Zeitler kürzlich unverblümt über „Microsofts Netzwerk-Vision“ lustig.

Die Fälle von Majestätsbeleidigung häufen sich. „SOFTWARE-MONOPOLY: IBM ist am Zug“ weiterlesen

SES Astra: Himmlischer Krach

Auch nach dem Abdanken ihres absoluten Herrschers Pierre Meyrat bleibt die LUXEMBURGER SATELLITENFIRMA SES auf Expansionskurs. Doch hinter den Kulissen bahnt sich Streit um Macht und Einfluß an.

Top/Business 1/1995

Seit dem 20. Oktober ist im Chateau de Betzdorf nichts, wie es einmal war. An diesem Tag erhielt Pierre Meyrat, bis dato Generaldirektor des Luxemburger Satellitenkonsortiums Société Européenne des Satellites (SES), völlig überraschend den Laufpaß – der Verwaltungsrat hatte fristlos den Mann gefeuert, der mit seinen cleveren Schachzügen die SES zur Großmacht in Europas Fernsehlandschaft gemacht hatte.

Meyrat tauchte nach dem Eklat mit den Konzernaufsehern spurlos unter. Langjährige Weggefährten schworen noch Wochen nach seinem Abgang, nicht zu wissen, wo der von den Medien früher nur „Mister Astra“ genannte Topmanager steckt. Und die Verwaltungsräte rotierten, um für Meyrat einen geeigneten Nachfolger zu finden, der die Gewinnquelle SES sprudeln lassen kann wie bisher gewohnt. Denn für den Betreiber der Astra-Satelliten stehen astronomische Renditen auf dem Spiel: 1993 wies das Unternehmen bei 326 Millionen Mark Umsatz ein Betriebsergebnis von 141 Millionen Mark aus. Der Grund: Fast alle deutschen und viele internationale TV-Programme werden über die Luxemburger Himmelskörper Astra 1A bis Astra 1C ausgestrahlt, die Vergabe der Sendeplätze für Astra 1D läuft gerade. „SES Astra: Himmlischer Krach“ weiterlesen

Kampf dem Kabel

Infrarot statt Funk oder Kabel – das war Anfang/Mitte der Neunziger der große Hype. Hier ein weiteres Beispiel aus der Technik-Sackgasse.

connect! 3/1993

Produkte

Mit Rotlicht zum Erfolg

Mit preisgünstigen Infrarot-Telefonen will ein branchenfremder Geschäftsmann aus Neuss den Markt für schnurlose Apparate in Bewegung bringen.

Sorry. Manchmal müssen Anglizismen sein. Im Deutschen gibt es keinen Ausdruck, der für diesen Menschen so treffend wäre wie der amerikanische Vielzweckbegriff „Developer“. In diesem Wort steckt alles drin, was Axel Fischer charakterisiert: Ständig etwas Neues zu entwickeln, ist sein Lebenszweck. Das können Gewerbeparks sein. Oder ein politisch günstiges Klima für seine Geschäfte. Ein kleiner Konzern mit ihm an der Schaltstelle. Oder ein neuartiges Telefon, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Infraphone heißt das derzeitige Lieblingsprojekt des 44jährigen Neusser Developers, der als gelernter Bankkaufmann unumwunden von sich behauptet: „Meine technischen Kenntnisse tendieren gegen Null.“ Nie hat Axel Fischer in der Fernmeldebranche gearbeitet, nicht einmal als Verkäufer, das Telefon kennt er eigentlich nur als Führungsinstrument, mit dem er sein Mini-Imperium von 14 kleinen und mittelgroßen Firmen unter Kontrolle hält. Doch das alles hält ihn nicht davon ab, mit seiner soeben gegründeten Infraphone Ges.m.b.H. (Sitz Wien) und deren gleichnamigem Produkt jetzt Siemens, Panasonic und Konsorten auf dem Markt für schnurlose Telefone herauszufordern.

Daß Fischer so siegessicher zum Kampf mit den Titanen antritt, hat mit der Technik zu tun, die dem Infraphone seinen Namen gegeben hat: Über diffuses Infrarotlicht kommunizieren da Hörer und Tischgerät, garantiert sicher vor Lauschangriffen, Störgeräuschen und Elektrosmog, so harmlos wie eine TV-Fernbedienung, nur wesentlich ausgefeilter. Etwas Vergleichbares ist bei der berühmten Konkurrenz noch lange nicht in Sicht. Fischer steht auf dem vorläufigen Höhepunkt einer bemerkenswerten Unternehmerkarriere – er hat eine Marktlücke entwickelt, in der er sich bis auf Widerruf als Monopolist fühlen kann.

Die wundersame Geschichte des Außenseiters vom Niederrhein beginnt vor Jahr und Tag in Fischers Heimatstadt Hattingen, einer alten Kleinstadt am Südrand des Ruhrreviers. Während viele Kohlenpott-Politiker Anfang der achtziger Jahre den unabwendbaren Niedergang der notleidenden Stahlindustrie immer noch nicht wahrhaben wollen, hat der Mittdreißiger andere Pläne mit den reihenweise entstehenden Industriebrachen. Als Bankkaufmann weiß Fischer, „daß es einen Haufen Leute gibt, die sich selbständig machen wollen“ – und betätigt sich als Developer im klassischen Sinn des Wortes: Er kauft aufgelassene Grundstücke billig auf und verwandelt sie in Gewerbeparks, in denen Firmengründer bezahlbare Werkstätten und Büros finden. Um das nötige Geld aufzutreiben, ist er mit seinem beruflichen Hintergrund genau der Richtige.

Das Konzept kommt an, Fischer verkauft bald die ersten Zentren an Kapitalanleger aus Dänemark und Schweden und baut mit dem Erlös wieder neue Gewerbegebiete. Nur zu Hause in Hattingen muß der Jungunternehmer ein wenig nachhelfen, um sein Ziel zu erreichen. Denn der meinungsmachende Zeitungsverlag, der am Ort das Monopol auf die Lokalberichterstattung hat, steht nun einmal der Mehrheitsfraktion deutlich näher als der von

ihm bevorzugten Oppositionspartei. Damit seine Ideen dennoch Gehör finden, gründet Fischer kurzerhand seinen eigenen Verlag.

Mit einem Anzeigenblatt, das er an jedem Wochenende in ganz Hattingen verteilen läßt, macht der Volldampf-Geschäftsmann gut Wetter für sein Vorhaben. Der Köder für die Leser: aktuelle Bildberichte von den wichtigsten Bundesligaspielen, samstags um 19 Uhr frisch aus der Druckerpresse. „Die ganze Branche hat sich gewundert, wie solch ein kleines, lausiges Anzeigenblatt mit 40000 Exemplaren Auflage das fertigbrachte“, erinnert sich Fischer mit unverhohlener Genugtuung, „bald wurde mit uns nicht mehr so umgesprungen wie früher.“ Mit seinem verlegerischen Engagement verschaffte sich der Unternehmer nicht nur den Respekt der Hattinger Honoratioren, sondern auch ein Objekt, das bis heute Gewinn abwirft.

Daß er aber 1988 schließlich – nach so profanen Investitionen wie denen in eine Stahlhärterei oder eine Gummiwarenfirma – zu einem Betrieb kam, der mit High-Tech sein Geld verdient, verdankt der rührige Amateurpublizist seinen vorzüglichen Beziehungen nach Bonn, genauer gesagt zu Mitgliedern der einflußreichen Industriellendynastie Murmann. Im Besitz dieser Familie, der auch die Brüder Klaus (Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) und Dieter Murmann (Vorsitzender des Wirtschaftsrats der CDU) angehören, befand sich ein Unternehmen namens Navsat AG, Solothurn/Neuss, welches sich vor allem mit militärischer Elektronik wie Infrarotsensoren befaßte und den Eignern keine rechte Freude mehr machte. Nachdem Fischer – zunächst nur um freundschaftlichen Rat gefragt – sich Navsat gründlich angesehen hatte, griff er schließlich selbst zu und kaufte das Unternehmen.

Nicht daß der Developer plötzlich Ambitionen bekommen hätte, in die Rüstungsbranche zu wechseln – sein untrügliches Gespür für Chancen hatte Alarm geschlagen. „Ich bin ein ganz simpel strukturierter Mensch – bei mir kommt eine Menge aus dem Bauch“, kokettiert der Mittelständler, dem seine Mitarbeiter viel mehr technisches Verständnis zugestehen als er sich selbst. Was Fischers scharfer Blick erspäht hatte, war vielmehr das zivile Potential, das in dem Infrarot-Know-how der Navsat-Spezialisten steckte. Anfang 1989 gab er den verblüfften Entwicklern ein Jahr Zeit, sich kommerzielle Anwendungen auszudenken, und leitete über die neue Zürcher Holdingfirma Sensys AG („Sensorsysteme“) den Verkauf der Militärtechnik in die Wege.

Die Neusser Ingenieurstruppe nahm den Einsatzbefehl freudig entgegen und legte prompt ein enormes Marschtempo hin. Beim Rapport Anfang 1990 präsentierten die Gruppenleiter Marco Heck und Curt Reichert ihrem neuen Kommandeur schließlich Konzepte für eine Datenübertragung per Infrarot – die seit eineinhalb Jahren unter dem Namen Infralink weltweit vertrieben wird – und für jenes drahtlose Fernsprechgerät, das 1993 als Infraphone in Serie gehen soll. Die militärische Herkunft der Firma kann der im März 1992 vorgestellte Prototyp nicht verleugnen: Trotz des schnieken Stylings wirkt der Apparat so robust, als könne man mit dem Hörer erst einen Einbrecher niederschlagen und anschließend damit noch für ihn den Sanka rufen.

Bis zur diesjährigen Cebit will Fischer sein Sortiment fertig haben (siehe Kasten), spätestens ab Sommer soll die Produktion bei einem Lohnfertiger auf Hochtouren laufen, im Weihnachtsgeschäft soll jedes Kaufhaus die Neusser Designertelefone im Regal haben. Doch um die Details der Vermarktung kümmert sich der Chef schon kaum mehr selbst. Das ist jetzt Sache von Udo Braster, einem ehemaligen Nixdorf-Vertriebsmann, der die Geschäftsführung der neuen Fischer-Firma Infraphone übernommen hat. Der Boß hat Wichtigeres im Kopf, schließlich war beim einjährigen Brainstorming der Entwicklertruppe noch ein ganzer Rattenschwanz von anderen Infrarotanwendungen gewachsen – vom automatischen Maut- Abrechnungssystem, bei dem die Autos nicht mehr am Kassenhäuschen anhalten müssen, über interessante Lösungen für den Einzelhandel (elektronische Preisschilder an den Regalen und mobile Kassen) bis zu kabellosen Stereoanlagen. Das Marktpotential dieser Ideen will Fischer in den nächsten zwei, drei Jahren ausloten, während seine Getreuen für ihn mit Infralink und Infraphone das Geld hereinholen sollen.

Wer mit dem unternehmerischen Energiebündel zusammenarbeiten will, muß sich freilich darauf einstellen, mit Haut und Haaren vereinnahmt zu werden: Wenn er vom Geschäft redet, gibt es selten ein „Ich“, meist sagt er „Wir“. Kategorisch be~findet der Unermüdliche, der Entspannung vor allem auf Dienstreisen findet („ich bin kein Urlaubstyp“), daß die Arbeit „uns“ Spaß macht. Damit scheint er sogar recht zu haben, denn keiner seiner wichtigen Know-how- Träger ist bisher der Versuchung erlegen, sein Wissen der mächtigen Konkurrenz anzudienen. Fischer läßt die Leine locker, um die Mannschaft bei der Stange zu halten.

Sich als krasser Außenseiter auf den Turf der Telekomindustrie zu wagen und hart verdiente Millionen dafür aufs Spiel zu setzen, bereitet dem Mann aus dem Kohlenpott sichtlich Vergnügen. Hätte er sein Geld festverzinslich angelegt, bräuchte er zwar nicht mehr zu arbeiten, würde aber sicher vor Langeweile sterben. Sein Mittelständler-Ehrgeiz besteht darin, es den unflexiblen Großkonzernen zu zeigen: „Ich bin stolz darauf, daß wir mit einer Technologie auf den Markt kommen, die die Japaner oder Amerikaner noch nicht haben“, rüffelt Axel Fischer die Zukauf-Mentalität der großen Konkurrenten, „es kommt sonst nämlich nicht mehr sehr viel wirkliche Innovation aus Deutschland.“

connect! 11/1994

Trend

Ein PC sieht rot

Jetzt werden Computer richtig mobil: Infrarot-Datenübertragung macht Modem- und Druckerkabel überflüssig.

Las Vegas lädt ein zum großen »Beam-Fest«. Die Veranstalter sind keine spleenigen Trekkies, die in Enterprise-Kostümen von Captain Kirk und Scotty schwärmen, sondern ernstzunehmende Manager aus dem Silicon Valley. Mit einem Special Event auf der Computermesse Comdex (14. bis 18. 10.) wollen sie beweisen, daß man mit heutiger Technik zwar keine Menschen durch die Gegend beamen kann, wohl aber Bytes und Bits. ((Die Bits hat die Redaktion gemeint hinzufügen zu müssen. Nun ja.))

Der Datenfunk per Infrarotstrahl, um den es bei der Light-Show geht, galt noch vor kurzem als recht utopischer Ansatz. Mit mäßigem Erfolg versuchten mehrere Einzelkämpfer unabhängig voneinander, die Idee zu kommerzialisieren. So brachte 1991 der deutsche Hersteller Infratec Datentechnik seine »Infralink«-Geräte auf den Markt, die eine drahtlose Verbindung zwischen PC und Drucker herstellten. Trotz guter Kritiken kamen die Produkte aus der Marktnische nie heraus, weil die etablierte Konkurrenz das Thema ignorierte.

Nicht nur der mutige kleine Newcomer aus dem Rheinland scheiterte mit dem Versuch, einen Weltstandard zu setzen. Auch die Elektronik-Multis Apple und Sharp langten kräftig daneben, als sie voriges Jahr ihren gemeinsam entwickelten »Newton« vorstellten. Er konnte über sein Infrarot-Interface zwar mit seinesgleichen Informationen austauschen, aber nicht einmal mit Macintosh-Computern im Büro. Einzig der Drucker- und Computerhersteller Hewlett-Packard (HP) verknüpfte konsequent Tisch-PCs, (Sub-) Notebooks und kleine elektronische Organizer über eine einheitliche serielle Infrarot-Schnittstelle (SIR). Dabei war den Vertriebsstrategen im HP-Hauptquartier in Palo Alto frühzeitig klar, daß nicht einmal sie sich einen Alleingang leisten konnten. Kaum ein Kunde, so ihre Überlegung, würde sich als Zubehör zum elektronischen Notizbuch für über 2000 Dollar den passenden HP-Bürorechner kaufen.

Doch plötzlich interessierte sich die ganze Branche für die Technik, schließlich war sie der Konstruktion von Sharp und Apple weit überlegen. So arbeitet SIR mit 115,2 Kilobit pro Sekunde, also zwölfmal so schnell, und erzielt damit akzeptable Übertragungszeiten auch bei normalen PC-Dateien. Dieser Artikel wäre zum Beispiel in einer halben statt in sechs Sekunden durch. Für Eng T. Tan, den Infrarot-Experten im HP-Labor Bristol, und seine amerikanischen Kollegen stand fest: Das SIR-Interface mußte zur internationalen Norm werden. Deshalb trommelten die Kalifornier ihre Geschäftspartner und Konkurrenten zusammen und gründeten eine »Infrared Data Association« (IrDA). In diesem Zirkel bilden inzwischen IBM, Intel, Microsoft, Apple, Sharp und die Daimler-Benz-Tochter Temic neben HP den harten Kern. Zu den Mitstreitern zählen Notebook-Spezialisten von Compaq über Toshiba bis Olivetti, der Organizer-Produzent Psion, diverse Chip- und Softwareproduzenten sowie die Telekommunikationsriesen AT&T, BT, Siemens, Northern Telecom und Nokia.

Inzwischen sind die Entwicklungsarbeiten so weit gediehen, daß die Infrarot-Clique sich an die Öffentlichkeit wagt. Nach einer Generalprobe, die vorsichtshalber unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, werden in Las Vegas unsichtbare Rotlichtblitze zwischen PCs, Printern und Telefonen hin- und  herzucken. Danach geht es Schlag auf Schlag: Noch vor Weihnachten sollen erste Serienmodelle im amerikanischen Handel auftauchen. Bis zur CeBIT im nächsten März wollen die Mitglieder des Clubs ein ansehnliches Sortiment an Rechnern und Peripheriegeräten mit dem IrDA-Logo »ir Data certified« beisammen haben.

Das Emblem wird als Gütesiegel einen reibungslosen Datenversand garantieren. Möglichst viele Telefongesellschaften sollen motiviert werden, Infrarot-Schnittstellen in ihre öffentlichen Fernsprecher einzubauen. »Uns geht es um eine globale Akzeptanz«, erklärt IrDA-Vizepräsident Mike Watson. Die Zielgruppe, die der Verkaufsstratege als erste anpeilt, ist der Jetset unter den Geschäftsreisenden. Wo die Männer mit dem Laptop-Köfferchen auch landen, sie sollen überall einen Apparat
finden, über den sie Kontakt zum heimischen Computer knüpfen können.

»Die nächste Generation der deutschen Kartentelefone wird bereits mit Infrarot-SchnittsteIle ausgerüstet sein«, orakelt Mark Müller-Eberstein vom HP-Marketing in Böblingen. Tatsächlich hat die Deutsche Telekom inzwischen die Entwicklung eines IrDA-kompatiblen Apparates ausgeschrieben; Ingenieure beim IrDA-Mitglied Siemens in München tüfteln eifrig an der Umsetzung. Mit ersten Installationen rechnen Insider bereits für Ende 1995.

Ulf J. Froitzheim