Taschennavigator für Nomaden

Zum elektronischen Fremdenführer für jedermann will die Mobilfunkbranche das Handy aufrüsten. Die ersten Location-based Services sind bereits verfügbar, verlangen aber noch erheblichen Pioniergeist vom Verbraucher.

Praktisch, was T-D1 seinen Kunden bietet: Im WAP-Menü „unterwegs“ auswählen, auf „Taxi“ klicken, und schon erscheint die Rufnummer der zuständigen Funkzentrale auf dem Display. Wo genau er in dieser fremden Stadt gerade im Regen steht, muss der arme Mensch dem Telefonisten aber noch selbst erklären. In Berlin hat er zum Beispiel Auskunft zu geben, ob jene Knesebeckstraße, in der ihn der andere Fahrer abgesetzt hatte, nun in Charlottenburg, Lichterfelde oder Zehlendorf liegt.

Auch Viag Interkom will Reisenden helfen, sich in der Fremde zurecht zu finden. Über den Handydienst M-Kompass kann sich ein Tourist, dem das Bare ausgeht, den Weg zum Geldautomaten weisen lassen. Doch wenn er sein Konto nicht gerade bei der Sparkasse hat, sollte er vorher recherchiert haben, welchem Automatenverbund seine Bank angehört. Sonst landet er bei einem Schein-Werfer, für dessen Benutzung er als Kunde eines Fremdinstituts hohe Gebühren zahlt.

Standortbezogene Infodienste sind der letzte Schrei in der Telekommunikation. Weil sich der Begriff so amtsdeutsch anhört, spricht fast die ganze Branche von Location-based Services (LBS) „Taschennavigator für Nomaden“ weiterlesen

Die Gentlemen bitten zur Kasse

Handymarkt. Wachstumsrückgang und Milliardeninvestitionen in UMTS – die Telefonmanager drücken hohe Schulden. Darum ist nun Schluss mit billig beim Mobilfunk.

Neben der leeren Telefonzelle steht eine junge Frau und redet auf ihr Handy ein. Zehn Minuten, eine Viertelstunde. Drei Wochen später wird sie dieses Gespräch, das von ihrem Festnetzanschluss aus nicht einmal eine Mark gekostet hätte, auf dem Einzelverbindungsnachweis ihrer Mobilfunkrechnung wiederfinden – 14,85 Mark. Viel Geld für ein bisschen frische Luft: In der muffigen Kabine hätte eine Telefonkarte zu sechs Mark genügt.

Im ICE macht ein Notebook-Besitzer Yoga-artige Verrenkungen. Er hat die linke Ferse auf den rechten Oberschenkel gehievt und balanciert auf dem linken Knie sein Handy. Das Telefon muss oberhalb der Fensterkante bleiben – sonst ist der Empfang zu schlecht. Wackeln darf er jetzt nicht, denn die Infrarot-Fensterchen der beiden Geräte müssen ununterbrochen aufeinander weisen. Der Mann versucht gerade, via Handy seine neusten E-Mails in den Computer zu laden. Falls er sich den teuersten Tarif für den neuen Datenfunkstandard GPRS hat andrehen lassen, knöpft ihm der Provider für die Übertragung dieser läppischen 300 Kilobyte 20,70 Mark ab. Aus dem Festnetz hätte er die gleiche Datenmenge für 1,7 Pfennig abrufen können.

Der Wucher hat Methode. In keiner anderen Branche werden gutgläubige Verbraucher derart gnadenlos eingelullt und so hemmungslos abkassiert wie beim Mobilfunk. Die Spannweite zwischen dem billigsten und teuersten Angebot lässt selbst den Preisunterschied zwischen Aldi-Fleischwurst (Kilopreis: 3,98 Mark) und dem Filet Mignon vom Biometzger (99,95 Mark) verblassen: „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ weiterlesen

Porträt: Amazons Lachsalver

E-Commerce-Pionier Jeffrey Bezos lässt sich durch schlechte Nachrichten niemals die Laune verderben. Der fidele Chef des weltgrößten Online-Shops verheizt seit Jahren Milliardenbeträge. Schon oft wurde sein Geschäft totgesagt. Seine Aktionäre brauchen einen langen Atem.

 

Amerikanische Wirtschaftsjournalisten verfallen in Lyrik, wenn ihnen Jeffrey Preston Bezos etwas vorlacht. Um die Geräusche aus dem Zwerchfell des 37-jährigen Internet-Unternehmers in Worte zu fassen, entgleiten ihnen Formulierungen wie „ein Esel, der Hummeln gurgelt“ oder „der Ruf eines Schwarms kanadischer Gänse unter Lachgas“. Mitschnitte von Interviews finden sich im Internet unter Links wie „Hören Sie Jeff lachen“. Fotografen tun sich unendlich schwer damit, Bezos mit grimmiger Miene zu erwischen. Der Gründer von Amazon.com kichert und gluckst, giggelt und grinst auch dann unbeirrbar weiter, wenn alle anderen denken, er hätte nun wirklich nichts mehr zu lachen. Kapiert der Chef des legendären Web-Shops den Ernst seiner Lage nicht? Oder ist sie ihm egal? Er hat mit Amazon 1,7 Milliarden Dollar Verlust fabriziert und zwei Milliarden Dollar Schulden gemacht. Darf jemand, der so viel fremdes und ein bisschen eigenes Kapital verheizt hat, so unverschämt gut drauf sein?

Bezos darf. Von dem Batzen Geld, das ihm mutige Investoren vor der E-Commerce-Baisse anvertraut haben, ist – außergewöhnlich in der New Economy – noch immer etwas da. „Porträt: Amazons Lachsalver“ weiterlesen

Hoffnungen zerfließen

Portale. Der Niedergang von Yahoo reißt viele Wettbewerber mit. Web.de hält dagegen.

Auf den Servern von Yahoo tobt das Leben wie in einem Ameisenhaufen. 185 Millionen Computerbesitzer in aller Welt nutzen die Web-Seiten des größten und bekanntesten Internet-Portals als Startpunkt für Surf-Ausflüge. Da kommt schon mal eine Milliarde Seitenabrufe pro Tag zusammen. Dass die Rechner unter dieser Last nicht zusammenbrechen, ist zwar technisch ein Meisterstück. Börsianer haben den Respekt vor dieser Leistung allerdings verloren. Sie interessiert nur, was bei dem Online-Werbeträger unter dem Strich hängen bleibt. Und das ist nicht viel. Pro Nutzer und Quartal nehmen die Kalifornier nur einen knappen Dollar ein; kaum genug, um die laufenden Kosten zu decken. „Hoffnungen zerfließen“ weiterlesen

Porträt: Großer kleiner Bruder

Steve Case, Chef von AOL Time Warner, ist der mächtigste Medienunternehmer der Welt. Und vielleicht der bescheidenste.

Lustige Spitznamen klingen für die Betroffenen oft ziemlich gemein. Vor allem, wenn sie durch ein Wortspiel aus ihrem Namen gebildet werden. Als der US-Investmentbanker Dan Case III. seinem jüngeren Bruder Steve einen Job im Management des Start-ups Control Video vermittelte, nannten die Mitarbeiter sie bald „Upper Case“ und „Lower Case“ – Großbuchstabe und Kleinbuchstabe. Dann arbeitete sich der Kleine hoch. Seine Gelassenheit und Unbeirrbarkeit in Stress-Situationen trug dem damals 24-Jährigen das Attribut „die Mauer“ ein. Die Fähigkeit zum Zuhören, ohne sich seine Gedanken anmerken zu lassen, den Titel „der Schwamm“. Hätte die Belegschaft geahnt, welchen Medienmoloch Steve bis zur Jahrtausendwende aus der Videospiel-Klitsche machen würde, hätte sie ihm nur einen Spitznamen gegeben: „Citizen Case“.

Der Aufstieg des Stephen M. Case, geboren am 21. August 1958 in Honolulu, ist in der Tat hollywoodreif: Ein junger Bursche, der seine Karriere mit Produkten begann, die niemand brauchte – Pizzas mit exotischen Toppings und mit Haarfestiger getränkte Wegwerftücher – wird dank Internet zum mächtigsten Mann der globalen Informations- und Meinungsindustrie. Verglichen mit seiner Einflusssphäre war sogar das Imperium des Großverlegers William Randolph Hearst überschaubar, der vor 60 Jahren den jungen Orson Welles zur Figur des Charles Foster Kane inspirierte. Als Chairman der AOL Time Warner Inc. kontrolliert Case nicht nur den größten Online-Dienst der Welt mit annähernd 30 Millionen Mitgliedern, sondern auch Magazine wie „Time“, „People“ und „Fortune“ „Porträt: Großer kleiner Bruder“ weiterlesen