Wie kommt das Neue in die Welt?

Deutschland gilt als Land der Erfinder – doch viele Geistesblitze werden kommerziell gar nicht genutzt. Das sollen Patentmarktplätze nach dem Vorbild der USA ein Stück weit ändern.

Text: Ulf J. Froitzheim

Professor Bruno van Pottelsberghe de la Potterie steht im Salon Baltschug des Kempinski Hotels am Münchner Flughafen und wirft eine sonderbare Weltkarte an die Wand. In dem ausgefransten blauen Luftballon links oben macht sich Nordamerika breit. Wenn aber der herzförmige violette Klumpen in der Mitte Europa darstellen soll, wo sind dann Spanien, Italien oder Deutschland abgeblieben? Ganze Kontinente scheinen im Nirwana des blassblauen Ozeans versunken: Afrika, Australien und Lateinamerika, der Nahe, Mittlere und Ferne Osten.

Die Worldmapper-Weltkarte von Prof. Bruno van Pottelsberghe de la Potterie

Der belgische Wissenschaftler mit dem wohlklingenden Namen referiert nicht etwa über die Folgen abschmelzender Polkappen, sondern über Erfindungen und deren Schutz. Sein Worldmapper-Kartogramm lässt Länder auf das Maß ihres statistischen Stellenwertes wachsen oder schrumpfen. Kriterium: das Export-Import-Saldo rund um Lizenzen und sonstige Nutzungsrechte. Damit veranschaulicht der Chefvolkswirt des Europäischen Patentamtes das eklatante Übergewicht der Amerikaner auf dem Weltmarkt für geistiges Eigentum. Keine andere Nation exportiert derart erfolgreich Lizenzen und Nutzungsrechte aller Art wie das Heimatland von Windows und iTunes, Gentechmais und Hollywood.

Außer den USA weist nur eine Handvoll Industriestaaten überhaupt eine positive Rechtehandelsbilanz vor: Europas lila Herz setzt sich zusammen aus Schweden, Großbritannien und Frankreich, mit Luxemburg als i-Tüpfelchen. Deutschland fehlt tatsächlich. Es zählt im globalen Austausch von Intellectual Property (IP) zu den Importnationen: Pro Kopf der Bevölkerung zahlen die Deutschen 16 Euro drauf, die Amerikaner erwirtschaften 86 Dollar Überschuss.

Verlierer im Milliardenmarkt

2010 soll allein der internationale Handel mit Patentlizenzen rund 500 Milliarden Dollar erreichen, prophezeit die Deutsche Bank. Deutschland – mit fast 50 000 nationalen Patentanmeldungen im vergangenen Jahr und bei europaweiten Rechten Spitzenreiter – spielt dabei keine Rolle. Denn hier liegt jeder vierte Geistesblitz brach. Den Wert der ungenutzten Patente schätzen Experten auf mindestens acht Milliarden Euro.

Diese Schieflage war für Manfred Petri eine willkommene Herausforderung. Im August 2006 meldete der 52-jährige Geschäftsmann aus Hof eine Firma an, die deutschen Konzernen und Forschungseinrichtungen helfen will, aus gewerblichen Schutzrechten Kapital zu schlagen: IP Auctions. Auf die Idee, Marken und Patente oder Lizenzen daran zu versteigern, hat Petri zwar kein Copyright, sie stammt aus den USA. Doch er ist der Erste, der sie in Europa umgesetzt hat – mit Teilnehmern wie Bayer, der Fraunhofer-Gesellschaft oder Rolls-Royce Deutschland. Um gut zwei Wochen ist das bayrische Start-up dem amerikanischen Branchenpionier Ocean Tomo zuvorgekommen -am 15. Mai kamen im Münchner Airport-Hotel 210 Patentfamilien und mehr als 400 Einzelpatente unter den Hammer, der Rivale schlägt erst am I. Juni in London zu. Dass er Konkurrenz hat, bestätigt Petri in seiner Einschätzung, dass die Zeit reif ist für solche Marktplätze.

Ihm war aber auch klar, dass das Konzept kein Selbstläufer sein würde: Über die Nutzung von Patenten wird traditionell hinter verschlossenen Türen verhandelt, der Rechteinhaber beäugt den Interessenten kritisch, bevor er alle Karten auf den Tisch legt. Preise sind reine Verhandlungssache, viele Deals eine Frage des Vertrauens.

Bei der Patentauktion in München geht die Diskretion so weit, dass selbst die Verkäufer im Tagungshotel anonyme Teilnehmerschildchen um den Hals gehängt bekommen – was bereits in den vorgeschalteten Workshops mit van Pottelsberghe und anderen hochkarätigen Insidern der IP-Branche zu einem regen Austausch von Visitenkarten führt. Man möchte ja doch wissen, mit wem man gerade plaudert – nicht, dass man einen „Patent-Troll“ vor sich hat. So heißen im Fachjargon jene Geschäftemacher, für die Patente nur dann wertvoll sind, wenn sie damit erfolgreiche Unternehmen wegen angeblicher Rechtsverletzungen auf Schadenersatz verklagen können.

Als der von Petri engagierte Profiauktionator Michael Perlick schließlich den Hammer hebt, zeigt sich rasch, dass die Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz heimlicher Aufkäufer etwas übertrieben waren. Schon beim ersten Durchgang, einer Holländischen (also Abwärts- )Auktion um einen Hydraulikmotor, muss der Inhaber einer Firma für Industrieauktionen den Alleinunterhalter spielen. „Seven-hundredandfiftythousand Euro?“ Keine Reaktion. „Sixhundredthousand?“ Alle Hände bleiben in den Schößen, die mit Interessenten verbundenen Telefonisten schauen gelangweilt drein. 550. 400. 390. Bei 300.000 verspricht Perlick, niemanden zu beißen, der bietet. Bei 100.000 sagt er schließlich: „That’s it.“ Weiter runtergehen dürfe er nicht.

Eine gefühlte Ewigkeit lang hebt und senkt Perlick seine Stimme, schöpft sein rhetorisches Repertoire aus, macht ein Späßchen nach dem anderen, spielt den billigen Jakob. Erst beim Angebot A08 geht an den Telefonistentischen ein Schild hoch: Es hat sich ein Fernbieter erbarmt, er zahlt für die Patentrechte an einem Hochdruckverdichter 11000 Euro. Applaus.

Doch schon bald weicht die Erleichterung in den Gesichtern wieder aufkeimender Verzweiflung: Alle weiteren Patente aus dem Maschinen- und Anlagenbau erweisen sich als Ladenhüter, auch die Rechte des ABB-Konzerns an Verfahren oder Geräten aus der Prozessautomation will niemand haben. Perlick witzelt: „Bitte ein Bid!“ und singt dann auch noch: „You can get it if you really want, but you must try!“

Für Petri ist die Bilanz des ersten Versuchs recht mau: Gesamtumsatz 423000 Euro plus Mehrwertsteuer, 70 Prozent der sorgfältig auf Vermarktbarkeit geprüften Innovationen noch unverkauft, kaum ein Patent hat mehr erlöst als den Gegenwert eines gebrauchten Golfs. Selbst die Fraunhofer-Gesellschaft, die als eindeutiger Tagessieger aus dem Rahmen sticht, muss sich bei den meisten Offerten mit Beträgen um die 15000 Euro begnügen.

Große Patenthalter für Auktionen gewinnen

Doch die Stimmung unter den Teilnehmern ist gut. Etwa bei Bernhard Smandek, der als Technologietransfer-Beauftragter der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt vergeblich versucht hat, Lizenzen für ein Qualitätssicherungssystem für Solarzellen an den Mann zu bringen. „Ich habe ja auch nicht unbedingt mit einem Käufer gerechnet.“

Auch Ralf Dujardin von der Bayer Innovation nimmt das Desinteresse der Bieter an Elektrochromen Farbdisplays – einer Technik für Strom sparende Großflächenanzeigen, die der Chemiekonzern wegen der damit verbunden teuren Elektronikentwicklung nicht selbst kommerzialisieren kann – sportlich. „Wir waren ja anderweitig erfolgreich“, verrät er. An der Sunyx Surface Nanotechnologies GmbH, für deren patentierte Oberflächenbeschichtung ein schriftliches Gebot über 50.000 Euro vorlag, ist Bayer beteiligt.

Dass bei den erzielten 423000 Euro bereits Schluss ist, glaubt Marktplatzgründer Petri nicht. „In den USA wird der größere Teil des Geschäfts im Aftersales-Markt gemacht“, gibt er sich optimistisch. Er will auf jeden Fall weitermachen und auch die fleißigsten deutschen PatentanmeIder – wie Siemens, Bosch und. Daimler – für spätere Auktionen gewinnen.

Klar ist aber auch, dass einige der Patente, mit denen sich Konzerne ihre Stammplätze in imageträchtigen Rankings sichern, nicht viel Geld wert wären. „Die Zahl der Anmeldungen steigt exponenziell“, gibt Chefvolkswirt van Pottelsberghe zu bedenken, „die volkswirtschaftlichen Gesamtaufwendungen für Forschung und Entwicklung aber nicht.“ Die Investitionen deutscher Unternehmen etwa dümpeIn bei knapp 40 Milliarden Euro im Jahr.

Des Professors Erklärung: Viele Patente hätten gar nicht den Zweck, innovative Produkte zu schützen, sondern beispielsweise Konkurrenten auf falsche Fährten zu locken oder Investoren zu beeindrucken. „Smoke Screen“, heißt unter Fachleuten der Trick, Patente aus taktischen Gründen anzumelden. Auf Deutsch wäre das „Nebelkerzen werfen“.

 

Erschienen in Capital 13/2007

Gelegenheit macht Ziele

Goethe irrte: Zum Golde drängt nicht alles, manchmal ist es genau umgekehrt. Der Reichtum kam zu Klaus Tschira, ohne dass der danach gegiert hätte. Der SAP-Mitbegründer ist nicht auf Ziele fixiert – doch findet er immer wieder Dinge, nach denen zu streben ihm sehr viel wert ist. Wir haben ihn besucht.

 

Klaus Tschira, geboren am 7. Dezember 1940 in Freiburg, hat an der Technischen Hochschule Karlsruhe Physik studiert. Von 1966 bis März 1972 arbeitete er als Systemberater in der Mannheimer Niederlassung der IBM.

Tschira war Gründungsgesellschafter der Firma Systemanalyse und Programmentwicklung GbR, aus der 1976 die SAP Systeme Anwendungen und Programme GmbH und 1988 die SAP AG hervorging. Bei der SAP gehörte er bis 1998 dem Vorstand an, seitdem sitzt er im Aufsichtsrat, aus dem er sich dieses Jahr zurückziehen wird.

1995 errichtete er eine nach ihm benannte Stiftung, die sich für die Förderung der Naturwissenschaften, der Informatik und der Mathematik sowie für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Themen in der Öffentlichkeit einsetzt.

Er war gerade 31 Jahre alt geworden, da musste Klaus Tschira seine Frau Gerda überzeugen, dass er sehr wohl noch alle seine fünf Sinne beisammen hatte. Der junge Physiker aus dem Badischen hatte beim Weltkonzern IBM einen Job, um den sich andere reißen würden – anständig bezahlt und, wie es schien, zukunftssicher. Und den wollte er jetzt aufgeben, wollte beruflich ein neues Leben beginnen, wollte sich gemeinsam mit ein paar Kollegen, die ebenfalls keinerlei unternehmerische Erfahrung mitbrachten, selbstständig machen. Seine Angetraute konnte es nicht fassen: „Ja spinnscht jetzt du?“ „Gelegenheit macht Ziele“ weiterlesen

Mit gutem Beispiel voran

Einst half Michael Kölsch im Autrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), das öffentliche Bewusstsein für die Infektionskrankheit AIDS zu schärfen. Als Kommunikationschef des Impfstoff-Spezialisten Sanofi Pasteur MSD tut er im Grunde nichts anderes.

Journalisten, die seine Glaubwürdigkeit testen wollen, begegnet Michael Kölsch mit entwaffnender Offenheit. »Gegen Gelbfieber und Tollwut bin ich nicht geimpft«, gesteht ihnen der Sprecher des Impfstoff-Herstellers. Wem die kurze Aufzählung dessen, wogegen er sich (noch) nicht hat immunisieren lassen, nicht genügt, dem zeigt Kölsch bereitwillig seinen Impfausweis – eine beeindruckende Sammlung von Stempeln, die belegen, dass der gelernte Journalist sich gegen zwei Sorten Hepatitis gewappnet hat, gegen Keuchhusten, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, gegen Kinderlähmung, Tetanus sowie Diphtherie und Lungenentzündung durch Pneumokokken sowie (»natürlich jährlich«) gegen Grippe. Ganz abgesehen davon, dass es peinlich wäre, läge ausgerechnet er mit echter Influenza im Bett: Michael Kölsch könnte seinen Job nicht machen, wenn er nicht völlig davon überzeugt wäre, dass Impfungen objektiv der beste Weg sind, das Immunsystem fit zu machen gegen bedrohliche Krankheitserreger. „Mit gutem Beispiel voran“ weiterlesen

Der Kaizen-Professor

Er ist der Mann, der so gut wie alles über die Produktionsweise Toyotas weiß, ohne in dem Unternehmen zu arbeiten: Jeffrey K. Liker, AUtor des weltweiten Bestsellers „Der Toyota-Weg“.

Der Erfolgsautor entspricht in seiner ganzen Erscheinung dem Klischee des Wissenschaftlers: eher unauffällig und zurückhaltend, gleichzeitig offen und neugierig. Jeffrey Liker ist keiner jener Managementgurus, die mit ihrem Charisma Hallen füllen. Der freundliche Mann mit den grauen Schläfen und dem dezenten Vollbart braucht weder die große Geste noch den rhetorischen Showeffekt; er hat etwas zu sagen, will überzeugen, nicht überreden. So spricht Liker, so schreibt er auch – unaufgeregt, aber immer prägnant. Vielleicht kommt er gerade deshalb so gut an bei seinem Publikum: Nur selten gelingt es Professoren, mit Management-Literatur Auflagen zu erzielen, von denen die meisten Romanautoren nur träumen können.

Liker ist nicht eitel, aber schon ein bisschen stolz. „Der Kaizen-Professor“ weiterlesen

Das Piep-Ei des Columbus

Was Konzerne als technischen Fortschritt bejubeln, ist manchmal so lachhaft, dass man heulen könnte.

Kennen Sie Detlef, Hartmut und Schantall? Nein? Dann haben Sie wohl auch noch nichts gehört von der „Stiftung Innovation“? Macht nichts. Also: Detlef ist der ideale Gefährte für Weicheier, Hartmut ist zuständig für Hartgesottenes, und die rheinische Chantal eiert halbgar zwischen den beiden herum. Alle drei sind sogenannte Piep-Eier aus Plastik, die dank kochfester Sensoren lospiepsen, sobald die Frühstücksproteine im Topf rare, medium oder well-done sind. Besagter Stiftung war diese epochale Erfindung eine gläserne Trophäe wert, die sinnigerweise „Ei des Columbus“ heißt.

Es wäre müßig zu ergründen, was ein paar (Ex-)Professoren dazu trieb, ein recht primitives Küchenutensil derart auszuzeichnen. Schon spannender ist die Frage, warum namhafte Markenartikler den Bochumer Kleinverein hofieren: Dankbar lassen sich Gardena, Leitz, Bayer oder Villeroy & Boch bejubeln für Daniel-Düsentrieb-haftes wie das nasenfreundliche Pur Air WC, lenkbare Rasenmäher, die wasserlose Brausetablette gegen Kopfweh oder den Aktenordner mit 180-Grad-Mechanik. Nett, aber ähnlich patente Ideen mit höchst überschaubarem Marktpotenzial verkauft das Erfinder-Versandhaus Pro Idee seit Jahrzehnten.

Ins Tragikomische driftet die eitle Lobhudelei auf den Webseiten von Siemens. Der um seine Reputation kämpfende Konzern strunzt hier mit dem „Ei des Columbus“ für seinen „Dressman“ – eine mannshohe aufblasbare Bügelpuppe für Hemden und Sakkos, Preisempfehlung 999 Euro. Auch das gehört zur Bilanz der von-Pierer-Ägide: Während der einstige Fernmeldegigant trotz finanzieller Nachhilfen bei Telekommunikation und IT den Anschluss verlor, durften Ingenieure anderer Sparten ungestört an Nischenprodukten tüfteln. Pech, dass sich auch die Zielgruppe der bügelfaulen Besserverdiener als klein erwies: Das stromfressende Ungetüm, seit 2004 im Angebot, wird mittlerweile verramscht.

Vielleicht ist die Zeit ja nun reif für die Erkenntnis, dass ein global agierender Technologiekonzern keinen Dressman braucht, sondern einen hartgesottenen Chef, der Forschung und Entwicklung eine klare Richtung gibt – und um nutzlose Trophäen einen ebenso großen Bogen macht wie um technikverliebte Bereichsleiter, die stolz sind auf patentierte Ladenhüter Made in Germany.

Aus der Technology Review 1/2007, Kolumne FROITZELEIEN