DOKTOR A.D.

Diese Froitzelei stammt von Anfang März 2011, ist aber nie gedruckt worden, da sich Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg überraschend doch noch zurückzutreten bequemte, während ich – auf seine anhaltende Sturheit spekulierend – bereits an der Kolumne saß. Ich habe den Text noch zu Ende geschrieben; die Redaktion entschied sich aber, das Thema Plagiate nach dem Rücktritt Guttenbergs lieber nicht ins Lächerliche zu ziehen. Aber warum sollen diese Sottisen auf meiner Festplatte vergammeln? In einer satirischen Chronik des Jahres 2011 haben sie ihren Platz.

Was die Akademiker dieser Republik brauchen, ist ein zeitgemäßer Weg zum Titel: innovativ, kreativ und googlesicher.

Wer auf linke Meinungen allergisch reagiert, sollte lieber nicht weiterlesen. Jedenfalls nicht, wenn er „links“ so definiert, wie es sich in den vergangenen Wochen in Foren und auf Leserbriefseiten eingebürgert hat. „DOKTOR A.D.“ weiterlesen

Kein Wort ohne Tasten

Telefonieren ist out, nicht nur bei Handyfans. Wir reden jetzt schriftlich miteinander – und vertrödeln so unser Leben.

Warum haben die Leute Angst vor mir? Wieso will keiner mit mir reden? Ich bin doch ein umgänglicher Mensch, verhökere keine Staubsauger oder Finanzprodukte und gebe mich auch nie als Marktforscher aus. Ja, ich nenne am Telefon sogar meinen Namen! Meine furchterregendste Angewohnheit ist die, dass ich Fernmelde-Endgeräte benutze, um anderen Menschen Informationen zu entlocken. Wenn ich etwas wissen will von einem, befiehlt mir eine innere Stimme: „Ruf‘ doch mal an!“

Natürlich weiß ich, dass sich mein Betragen nicht mehr ziemt. Seine Mitmenschen mit Anrufen zu stören, etwa beim meditativen Überfliegen ihrer Facebook-Nachrichten, verursacht nicht nur Stress, sondern ist „so was von Achtzigerjahre“. „Kein Wort ohne Tasten“ weiterlesen

Beherrschen Sie sich!

Wer nichts Böses tut, hat nichts zu befürchten – vom Big Brother in der Nachbarschaft.

Kätzchen sind süß, solange sie klein und die eigenen sind. Nachbars Katzen sind lästige Biester. Dreist erobern sie fremde Gärten, jagen Vögel, erschrecken die Stallhasen, provozieren den braven Hund, verkratzen mit ihren Krallen die Balkonpfosten und hinterlassen auch noch unliebsame Signaturen in den Beeten. Da darf man doch schon mal handgreiflich werden, nicht wahr? Mary Elizabeth B., Bankkassiererin aus Coventry, hat es gewagt. Hat die Gelegenheit in Gestalt der arglosen Nachbarskatze Lola kurzentschlossen am Schopf gepackt und das perplexe Tier in einer am Straßen- rand stehenden Mülltonne versenkt. Soll das blöde Vieh doch auf der Deponie Ratten fangen!

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Kein Herz für Nerds

Die Computerfreaks hatten ihr Image als Sozialversager fast abgeschüttelt. Dann kam Mr. Assange.

Vorurteile, das lehren uns die Pädagogen vom Kindergarten bis zum Abitur, sind etwas ganz Schlimmes. Aber sie helfen uns, die Welt zu ordnen; sie schaffen wohlige Gewissheit, auch und gerade da, wo nichts gewiss ist. So glaubt jeder Junge früher oder später, dass alle Mädchen doof sind: Die einen sind Streberinnen, weil sie den Lehrern glauben, es komme auf gute Noten an; ansonsten haben sie nur Mode im und Schminke am Kopf. Die anderen haben so ein bescheuertes Kopftuch auf, unter dem sich bekanntlich nie ein Hirn verbirgt. Und die Jungs? Die sind natürlich auch doof, denn sie interessieren sich nur für Technik und Fußball und nicht fürs Haarewaschen, oder sie lachen über Mario Barth. Vielleicht auch beides. Erwachsen zu werden heißt deshalb zweierlei: Erstens zu begreifen, dass nicht alle Jungs/Mädchen so sind, und zweitens anderen klarzumachen, dass man selbst nicht so ist.

Das schwerste Schicksal haben dabei die Nerds, ähm, ich meine natürlich: all jene jungen Männer, die Tag und Nacht auf einer Tastatur hackend vor dem Monitor kleben und oft nur selber wissen, dass sie ihre wertvolle Lebenszeit nicht sinnlos verdaddeln, sondern die Basis dafür legen, später einmal als Internet-Profis eine Familie ernähren zu können. Was haben die PC-Experten seit den Tagen des strähnig unfrisierten Jungunternehmers Bill Gates und seines Zottelfreundes Paul Allen nicht alles für ihre Resozialisation getan: Längst pflegen und kämmen sie sich. Dem Rauchen, Saufen und Hacken haben sie abgeschworen. Sie verschicken keine lustigen E-Mail-Attachments mehr, die den Empfängern die Rechner abschießen. Viele ernähren sich gesund, ja, sie trainieren sogar zwischenmenschliche Fähigkeiten in sozialen Netzwerken. Dabei wissen sie mächtige Politiker hinter sich, die in ihnen die erste Liga des jeweiligen Wirtschaftsstandorts sehen. Und, ja, sie genießen den Zuspruch der Gesellschaft für Informatik, deren Professoren und Funktionäre sich um Nachwuchs sorgen, weil kein Abiturient mehr das Nerd-Image des Informatikers auf sich nehmen will. Treiben die Spötter den Scherz mit Nerds auch noch so weit: Na, wenn schon, trösten die Honoratioren, unsere sozial introvertierten Computerversteher sind die wahren Wunderkinder der Leistungsgesellschaft.

Leider alles für die Katz. Als wäre es nicht schlimm genug, für Spaßkanonen wie den Ich-bin-doch-nicht-blöd-Fernsehclown Mario Barth den Tünnes zu geben, kommt jetzt auch noch Julian Assange daher. Dem früh ergrauten Wikileaks-Guru sieht man den Nerd von außen gar nicht an. Mit seiner geradezu selbstzerstörerischen Angriffslust bestätigt der missionarisch eifrige Australier aber die Vorurteile all jener, denen die introvertierten Internet-Freaks noch nie geheuer waren: Wissen ist Macht, also her mit den Informationen und ungefiltert (?) raus damit ins Netz! Ob Skandal oder banal, legal oder illegal, ist scheißegal.
Mit dieser Attitüde avanciert man zum ersten Welt-Staatsfeind Nummer eins, den zugleich Hunderttausende „Time“-Leser zur Person des Jahres wählen. Dass man für die einen der Held ist, für die anderen aber ein arroganter, autistischer, größenwahnsinniger Soziopath, kann einem natürlich egal sein – wenn man jemand ist, auf den das zweite Vorurteil passt.

ULF J. FROITZHEIM pflegt seine erste Datenleck-Paranoia. Er wartet nur auf den Tag, an dem er seine harmlosen Mails, von Wikileaks verbreitet, in der eigenen Tageszeitung wiederfindet.

Aus der Technology Review 1/2011, Kolumne FROITZELEIEN

Astronautisches Seemannsgarn*

Endlich haben Forscher begriffen, wie sie in die Medien kommen. Wenn nur die Kollegen nicht wären.

Eine grüne Dschungel-Idylle wie in James Camerons Film „Avatar“ war es zwar nicht, was „Gliese 581g“ der Menschheit versprach, und so gab es von Anfang an keine Hoffnung, dass auf dem sechsten Planeten des Sterns Nr. 581 im „Catalogue of Nearby Stars“ des Astronomen Wilhelm Gliese sanftmütige blaue Athleten wohnen. Dennoch galt als – nun ja – wahrscheinlich, dass praktisch in Sichtweite eine Art „Erde 2.0“ ihre Bahnen am Firmament zieht. Wo? Im Sternbild Waage – läppische 20 Lichtjahre von uns entfernt, nicht einmal 200 Billionen Kilometer. Der Schönheitsfehler des „möglicherweiser erdähnlichsten“ aller bisher entdeckten Exoplaneten: Er rotiert nicht, sondern schaut sein Zentralgestirn ständig mit der gleichen Seite an – wie der Mond unsere Erde 1.0.

Ach, wie populär ist doch die Wissenschaft! Gut gefüttert von Forschern des Keck-Observatoriums auf dem hawaiianischen Mauna Kea, wussten Reporter der Wissensshows und -hefte bald mehr über 581g, als wären sie im „Traumschiff Surprise“ von Bully Herbig mit Mops-Geschwindigkeit hingeflogen, um eigenäugig nachzusehen. Selbstverständlich, so versichern seine Entdecker, ist der Planet kugelrund und sieht nicht aus wie eine Pyramide, ein Würfel oder zwei Pobacken. Aufgrund seiner Nicht-Rotation ist die ewige Schattenseite frostiger als unser Nordpol im Januar, während auf der Vorderseite gleißendes Rotlicht permanent für Sonnenbrand, Durst und Schlaflosigkeit sorgt. Da der Trabant aber in der „habitablen Zone“ liegt, zum Roten Zwerg 581 also genau den richtigen Abstand hält, müsste der Lebensquell Wasser – sofern vorhanden – in flüssiger Form anzutreffen sein.

Okay, nur in den temperaturgemäßigten Breiten, also im sturmumtosten Dämmergürtel zwischen Tag und Nacht, aber immerhin. Ach ja: 581g umrundet seine Sonne binnen 36 Tagen und 14 Stunden, ist trotz drei- bis vierfacher Masse kaum dicker als die Erde und hat deshalb eine Anziehungskraft, die uns Erdlinge schier zu Boden zwänge. Welche Kreatur würde das aushalten? Wohl nur der berühmte rote Elefant, den jeder Wissenschaftler kennt, doch keiner je wirklich gesehen hat.

Dumm ist nur, dass neidgeplagte Forscherrivalen das Ganze für pure Science-Fiction halten. Von wegen „eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“! Die Konkurrenten hacken, dass die Federn fliegen. In Wahrheit, so giften sie, sei nicht einmal die Existenz von 581g erwiesen, da nur indirekt abgeleitet aus Messdaten, die man auch ganz anders deuten könne. Jetzt hauen sie die schöne Story kaputt, lassen all die wunderbaren Details als wild gesponnenes Astronautengarn erscheinen. Dabei waren auch sie noch nicht dort und können daher gar nicht wissen, ob da nicht doch etwas Irdisches ist.

Die kecken Sterngucker auf Hawaiis Weißem Berg sollten sich dadurch nicht entmutigen lassen. Früher haben die Medien immer gemeckert, dass man den Forschern jedes Wurmloch einzeln aus dem Ohr quatschen muss. Jetzt klappern sie endlich wie die Handwerker, und es ist wieder nicht recht. Wie sollen denn bitte die Politiker erfahren, wem sie ihre Fördermillionen überweisen sollen, wenn nicht aus plakativen Schlagzeilen?

ULF J. FROITZHEIM (52), eigentlich auch ein skeptischer Mensch, ist sich sicher, dass es rote Elefanten gibt. Im Advent schaut er mal im Spielzeugladen nach.

Aus der Technology Review 12/2010, Kolumne FROITZELEIEN

* erschienen unter der Überschrift „Wahr oder nicht wahr?“