Zeitungsverleger: Ja, wir beuten einen Teil der Zusteller aus

Derzeit ist es schwer, ein Zeitungsabo zu kündigen. Die Funke-Gruppe (WAZ) macht zum Beispiel sogar den Angehörigen alter Abonnenten Stress, wenn diese ins Pflegeheim müssen. Dann verlangt der Verlag ein ärztliches Attest oder den Pflegeheimvertrag, obwohl ihn beides nichts angeht.

Bald wird man Abos vermutlich leichter los. Zwei Millionen Abonnenten deutscher Tageszeitungen müssen damit rechnen, dass der Verlag ihnen kündigt. So zumindest stellt es der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) laut dpa (Quelle: Handelsblatt) dar: Der frisch beschlossene gesetzliche Mindestlohn bewirke eine jährliche Mehrbelastung von 220 Millionen Euro. „Das führt dazu, dass zwei Millionen Haushalte in Deutschland nicht mehr betriebswirtschaftlich sinnvoll mit Zeitungen beliefert werden können,“ so BDZV-Geschäftsführer Dietmar Wolff. 

Angeblicher Grund ist die Umstellung der Zustellervergütung auf das Stundenlohn-Prinzip. Die Arbeit der Zeitungsboten ist den Verlagen bei fairem Stundenlohn aber offensichtlich nur in Ausnahmefällen zu teuer. „Zeitungsverleger: Ja, wir beuten einen Teil der Zusteller aus“ weiterlesen

Rübenreporter

Kraut & Rüben ist eine Zeitschrift für Hobby-Biogärtner. Aber dort arbeiten die Krautreporter nicht, über die in diesen Tagen viel zu lesen ist. Der erste, ältere Markenname ist witzig, der zweite, neuere nur albern und damit für ein ambitioniertes Projekt eher unpassend. „Krautreporter“ ist die Sorte Kantinenkalauer, die man besser nicht an die Öffentlichkeit lässt. Schließlich handelt es sich um die Homophonie eines Ausdrucks, der seinerseits ungelenk, ja schlichtweg irreführend und – schlimmer noch – immanent abwertend bis beleidigend für die Zielgruppe ist: „Crowd Reporter.“ Eine Crowd ist eine Horde beliebiger Menschen, bei der das Individuum irrelevant ist. Tja, schon seltsam, dass sich ein so verächtlicher Terminus im Englischen durchgesetzt hat – siehe Crowd Sourcing und Crowd Funding. Sich zur Crowd zu zählen, ist in etwa so, als würde ein Journalist sich „Schreiberling“ nennen, zur „Journaille“ zählen und „Content“ produzieren.

Überdies bezieht sich der an die „Krauts“ erinnernde englische Ausdruck nicht einmal auf die Reporter, sondern auf die Art, wie sie das Geld auftreiben, von dem sie beim Reportieren leben. Die diffuse Masse ist also gerade gut genug als Sponsorenheer für den Journalismus, soll ihn aber bitte nicht selbst betreiben, wie das bei den Leserreportern der Bild-Zeitung der Fall ist?

Nein, es ist nicht lustig, wenn Reporter in einem Atemzug sich selbst und ihre Leser mit dem Klischee des Sauerkraut mampfenden Wehrmachtsinfanteristen identifizieren. Was beim „Krautrock“ noch originell und selbstironisch war, ist vierzig Jahre später nur noch peinlich.

Deshalb ist es wirklich schade, dass die Kollegen, die bei dem Projekt des notorisch umtriebigen Sebastian Esser mitmachen, kein Veto gegen den unsäglichen Namen eingelegt haben – „Rübenreporter“ weiterlesen

Wieviele Eier ist eine Bild-Zeitung wert?

Kleines Recherche-Abfallprodukt: Die Fernsehgebühr ist heute fünfmal so hoch wie 1960. Damals bezahlte man sieben Mark im Monat – nur für ARD und regionalen Hörfunk.

Wäre alles heute fünfmal so teuer wie vor 53 Jahren, müssten wir heute folgendes bezahlen:

für eine Bildzeitung 26 Cent (und nicht 70)

für einen Liter Sprit  1,53 € (passt)

für ein Ei 54 Cent (und nicht 22)

für ein Päckchen Butter 4,15 Euro (und nicht 1,19)

für ein Kilo Schweinefleisch 16,57 € (und nicht 5,98)

für eine Wiesnmaß 4,86 Euro (und nicht 9,90)

für ein geräumiges Oberklasse-Auto wie den Opel Kapitän 26.203 Euro.

Wenden wir indes nicht den ARD-ZDF-Faktor an, sondern den BILD-Index, sind die Zahlen noch viel erschreckender. Die Bildzeitung kostete 10 Pfennig. Die TV-Gebühr lag also bei 70 Bildzeitungen. Wäre das heute noch so, betrüge sie 49 Euro im Monat. Weitere Kosten:

Liter Sprit 4,19 € (5,98 Bildzeitungen)

Ei 1,47 € (2,1 Bildzeitungen)

Päckchen Butter 11,38 € (16,25 Bildzeitungen)

Kilo Schwein 45,36 € (64,8 Bildzeitungen)

Wiesnmaß 13,30 € (19 Bildzeitungen)

 

Fliesen-Verleger

Thomas Koch, Grandseigneur emeritus der deutschen Mediaplaner, „Mr. Media“ der w&v und ein besserer Kenner des Zeitschriftenhandwerks als die allermeisten Chefredakteure, teilt sehr zu recht aus. Eigentlich müsste man den ganzen Text mit dem Textmarker hervorheben, denn jedes Wort ist wahr und klug, richtig und wichtig.

Ich beginne das Zitat mit der Stelle, wo er aus dem Mut der Verzweiflung geborene suizidale Blödheit geißelt:

„Ganz Mutige – wie ein Großverlag in Hamburg – bemühen sich nicht einmal mehr, ihr Angebot zu verschlüsseln: Für zwei bis drei Anzeigenseiten gibt es eine redaktionelle Seite gratis. Basta.

Wenn diese Zeitschriften eingehen, werden wir ihnen nicht nachtrauern. Ich würde nicht einmal auf ihre Beerdigung gehen.

Aus Verlagen werden Fliesenleger

Das sind keine Verlage mehr. Denn Verlag kommt von Verlegen. Verleger waren früher Journalisten, die ihre redaktionelle Hoheit beschützten wie Jeanne d’Arc die Freiheit. Heute sind sie wie Fliesenleger, die schwarz arbeiten – ohne Mehrwertsteuer und ohne Qualitätsversprechen. Ihnen fehlt sogar die strategische Intelligenz zu begreifen, dass sie mit dem Geschäft „Redaktion gegen Anzeigen“ ihre wertvollsten Leser verlieren: Die einzigen, die sie in Zukunft noch zu Werbeerlösen machen könnten. Alle anderen Leser sind billig zu haben – bei den bekannten Gammel-Medien an jeder Straßenecke.“

Diesen Absatz fette ich aber jetzt wirklich, weil er mich stolz macht, schon Anfang 1998 erkannt zu haben, dass da im fernen Hamburg eine Chefredakteurin sitzt, die man eigentlich sofort klonen müsste.

„Der letzte Ausweg wäre für manche Verleger ein einstündiges Seminar bei einer in diesen Fragen fachkundigen Expertin, zum Beispiel bei Gabriele Fischer von „Brand eins“. Sie kann trefflich referieren über Positionierung, über Differenzierung, wie man den unmoralischen Rabattforderungen der Agenturen begegnet, über Nachhaltigkeit. Rechnen Sie bitte damit, dass sie ein moderates Honorar verlangt.“

Tragikomik

OldScientist