Wie arbeiten eigentlich Anzeigenblatt-Redaktionen?

Als ich vor langer Zeit meinen Beruf erlernte, gab es ein schönes Wort für die lästige Pflicht der bürgernahen Berichterstattung über die kleinen, unspektakulären Ereignisse aus der Lebenswelt der Bürger: Leser-Blatt-Bindung. Die Abonnenten liebten ihre Zeitung auch deshalb, weil sie darin Menschen fanden, die sie kannten – und dann und wann sich selbst. Als Lokaljournalist klapperte man die Termine der Vereine oder Kirchenchöre ab, knipste ein Bild und schrieb ein paar Zeilen für ein lausiges Honorar. Dann erfanden die Verleger das kostenlose Anzeigenblatt – und damit überhaupt jemand die Werbezeitungen durchblätterte, verfrachteten sie die kleinen Fotos und Meldungen zwischen deren Inserate. Da aber die Zeitungsverleger seit der Erfindung des Internets zu bettelarmen Menschen geworden sind, die sich keine Dienstboten mehr leisten können, schickten sie eines Tages keine Reporter mehr vorbei, sondern boten den Vereinen an, die Texte doch gleich selbst zu schreiben und die Fotos selbst zu schießen. So kam immer mehr User Generated Content aufs Papier.

Dass selbst in einem Anzeigenblatt eigentlich nicht ausschließlich PR den redaktionellen Teil füllen sollte: geschenkt. Daran stirbt die Leser-Blatt-Bindung nicht, und immerhin sind dann alle Namen richtig geschrieben und stehen an der richtigen Stelle. Dennoch frage ich mich inzwischen, was die Pressebeauftragten von Vereinen, Feuerwehren oder Chören denn noch alles leisten müssen, damit die Redaktion keine Fehler hineinbringt – und sei es „nur“ bei der Person des Fotografen. In Landsberg am Lech, so meine Erfahrung, kann man zum Beispiel gar nichts auf den Namen geben, der hinter „Text:“ oder „Foto:“ steht. Hier steht zum Beispiel „FKN“. Keine Ahnung, wer das sein soll, aber er oder sie hat weder den Text geschrieben noch das Foto gemacht.ggFKN „Wie arbeiten eigentlich Anzeigenblatt-Redaktionen?“ weiterlesen

Die Freiheit, die ich meine

Mein Kölner Kollege Timo Stoppacher sammelt gerade Meinungen zum Thema Freiberuflichkeit und hat eine „Blogparade“ gestartet: Warum ich gerne freier Journalist bin #darumfrei.

Nun denn, hier ist mein Senf dazu. Ich kann bei dem Thema mitreden, weil ich mich vor gut 23 Jahren selbständig gemacht habe. Wer erwartet, dass ich deshalb ein Loblied auf die Freiberuflichkeit singe, wird allerdings enttäuscht sein. Deutschland ist nämlich ein Angestelltenland, dem die Angestelltenmentalität ganz tief in den Knochen steckt. Wissen über oder Verständnis für meine Form der Berufstätigkeit ist nicht allzu weit verbreitet in der Gesellschaft. Wer sich eine Existenz als Freiberufler aufbauen möchte, muss bedenken, dass wir Kleinunternehmer für die Mehrheit der Bevölkerung und auch für unsere Politiker immer noch Exoten sind – wie ich es hier einmal beleuchtet habe. Für die mehr oder minder sozialdemokratischen Parteien, aus denen sich sämtliche Mitglieder unseres Bundestags rekrutieren, ist das Arbeitnehmertum ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Annahme, „die Wirtschaft“ sei ein Synonym für „die großen Konzerne“. Dass es in diesen Fraktionen auch ein paar Selbständige gibt, ändert nichts an den Parteilinien.

Was heißt es denn nun, Angestellter zu sein oder Freier? „Die Freiheit, die ich meine“ weiterlesen

ZDF verrechnet sich gewaltig

Warum macht das ZDF den Händler Amazon größer und mächtiger, als er ist? Die Sendung „Die Macht von Amazon“ (Mittwoch abend) wird heute so beworben:

„Schon heute organisiert der US-amerikanische Online-Versandhändler mit Sitz in Seattle etwa ein Viertel des gesamten deutschen Handels. …

2014 hat der US-Konzern in Deutschland einen Umsatz von 11,9 Milliarden Dollar erzielt – 1,5 Milliarden mehr als im Vorjahr.“

Zur Einordnung: Der deutsche Einzelhandel setzt mehr als 450 Milliarden Euro pro Jahr um. Anders gesagt: 2,6 Prozent sind kein Viertel. Da ist wohl das Komma um eine Stelle verrutscht.

 

 

Sack FMCG im asiatischen Netz umgefallen

HB-FMCG

Eine bemerkenswert absurde Überschrift hat sich soeben die Handelsblatt-Online-Redaktion aus den Fingern gesogen: „Asien hängt Europa beim Lebensmittel-Onlinekauf ab“. Das liest sich erstens so, als sei es in irgendeiner Weise ein sinnvolles Ziel für eine Volkswirtschaft, dass die Menschen nicht mehr einkaufen gehen, sondern sich alles vom Postboten liefern lassen, und zweitens so, als gebe es ein Wettrennen europäischer und asiatischer Handelsunternehmen um die Weltmarktführerschaft in der Mini-Mini-Nische des Online-Lebensmittelvertriebs.

Bei genauerem Lesen kommt man dann dahinter, dass in Wirklichkeit gar nicht von Lebensmitteln die Rede ist, sondern von den FMCG, den Fast Moving Consumer Goods, auf gut Altmodisch-Deutsch auch „Güter des täglichen Bedarfs“ genannt (nicht „Dinge“, wie das HB meint). Dazu gehören auch Drogerieartikel wie Seife, Windeln, Waschmittel und Kosmetik, die sich im Gegensatz zu verderblicher und auf eine durchgängige Kühlkette angewiesener Frischware sehr gut im Paket verschicken lassen. Es werden also nicht Äpfel und Birnen in einen Topf geworfen – das ginge ja noch – sondern ungenießbarerweise Äpfel und Nagellackentferner.

Dass in Asien 37 Prozent der Onliner zumindest gelegentlich FMCG im Netz ordern, ist in dieser Oberflächlichkeit – man verzeihe mir die Platitüde, hier passt sie wirklich – so interessant für die Handelsblatt-Leser wie der Sack Reis, der im Befragungsgebiet umfällt.

 

Piratensender Beckedahl

Anfang der Achtziger, vor der Zulassung des Privatrundfunks in Deutschland, gab es so genannte Piratensender. Sie kaperten Funkwellen und wurden von Werbetreibenden finanziert.

Als Piratensender einer neuen Art – nämlich als Haussender von Menschen mit piratistischer Gesinnung – präsentiert sich mehr denn je das Blog des Berliner Unternehmers Markus Beckedahl. Dieses heißt irreführenderweise netzpolitik.org, als handele es sich um eine NGO und nicht um das Hobby eines Mannes mit großem Sendungsbewusstsein, der sich anmaßt, für alle Menschen mit Netzanschluss zu sprechen.

Darüber, dass Beckedahl nicht an einem Diskurs mit anders Denkenden interessiert ist, braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Er hat sich einen Namen gemacht als über jeden Selbstzweifel erhabenes Alphatier. Seine Website ist und bleibt trotz des pseudo-überparteilichen Namens und putziger Spendenaufrufe* ein knallhartes, gelegentlich auch mäßig witziges Propagandainstrument, das gegen alles in Stellung gebracht wird, was nicht des Meisters Vorstellungen entspricht.

Deshalb haben Leute aus seiner Gefolgschaft wie der 34-jährige Nachwuchsprof „Leonido“ Dobusch (ein Doppelabsolvent in Jura und BWL, der sich gerne zu vermeintlichen Urheberrechtsthemen auslässt, dabei aber nichts als vergütungsfreie Nutzerrechte wie ein „Recht auf Remix“ im Sinn hat) Narrenfreiheit in Form eines Schreibzugangs. Im Selbstdarstellungsvideo der Netzpolitik-Crew erklärt Beckedahl, dass er Dobusch & Co. eine Bühne bietet – sprich: Sie erreichen über ihn die Zielgruppe ihrer Botschaften, er füllt mühelos seine Seiten und spart sich das Honorar für den Content.

Inzwischen begnügt sich Monsieur „Netzpolitik c’est moi“ aber nicht mehr damit, nur seine ganz persönlichen Wahrheiten zu verbreiten, die – trotz der Arbeit seiner Kommunikationsagentur newthinking für Gliederungen der Grünen – piratistisch geprägt sind. Er garniert die Seiten auch mit Eigenwerbebannern im Stil von Sixt-Reklame. Die Fotos dürfen aber nichts kosten – wozu gibt es CC-Lizenzen und Quellen wie den Wikimedia-Server?

Der Urheberhinweis wird mal vergessen…NP Ötti

…mal so angebracht, dass man nicht nur als Brillenträger nach der Bildschirmlupe für Sehbehinderte sucht: „Piratensender Beckedahl“ weiterlesen