Netzpolitik und Lobbyismus

Wie ich heute auf Twitter erfuhr, gibt es tatsächlich Leute, die Markus Beckedahl kennen, aber sich wundern, dass er Lobbyist sein soll. Im Netz findet man tatsächlich Hinweise darauf, dass er, der sich (auch) als Autor und Journalist sieht, dieses Etikett als Vorwurf empfindet – vermutlich deshalb, weil es dann schwerer wird, es anderen als Vorwurf anzuhängen.

„Oft wurde mir vorgeworfen ich sei Lobbyist, weil ich für freies Internet und Netzneutralität einstehe. Deshalb wurde mir auch die Akkreditierung für den Bundestag verwehrt.“ Aber nach einigem Geplänkel habe er sie doch bekommen. Beckedahl ist eben einer, der immer einen Weg findet.

Allerdings hat er es oft genug akzeptiert, als solcher einem Publikum vorgestellt zu werden, und er hat sogar schon selbst darüber gesprochen, dass dies einer der Hüte sei, die er abwechselnd trägt. Hier eine kleine Auswahl an Fundstellen. Die jeweilige Quelle ergibt sich aus dem Link im Zitat. „Netzpolitik und Lobbyismus“ weiterlesen

Ein Rant zum Stichwort „Lügenpresse“

Wie oft habe ich in den letzten Tagen oder Wochen etwas von „Staatsmedien“ und „Lügenpresse“ gehört oder gelesen? Nur mal fürs Protokoll, falls sich ein Pegidist hierher verirrt: Russia Today ist ein Staatsmedium – nur halt keines von unserem Staat, sondern von einem Staat, in dem kritische Journalisten Angst haben müssen, wenn sie sich mit der Staatsgewalt anlegen.

Hierzulande gäbe es die Deutsche Welle und das Deutschlandradio. Gemeint sind aber auch die normalerweise nicht. Die Skandierer hören und schauen doch wohl eher andere Programme.

Womit wir bei ARD und ZDF sowie den ebenfalls verunglimpften Printmedien SZ, FAZ, Zeit und Spiegel wären (warum werden eigentlich Welt und Bild eher selten als Staatsmedien kategorisiert?). Die Anstalten mögen immer wieder unter Parteieneinfluss leiden, aber auf Beispiele für solchen Machtmissbrauch warten die besagten Zeitungen und Magazine nur. Im ZDF, sogar im Bayerischen Rundfunk können sich diverse Redaktionen inzwischen leisten, beide Berliner Regierungsfraktionen sowie die bayerische Staatsregierung nicht offen nur zu kritisieren, sondern nach allen (oder selbst gegen alle) Regeln der Kunst zu verhöhnen, ohne dass die Sendung abgesetzt würde oder dem Verantwortlichen das EdeKa droht. Das war noch vor wenigen Jahren anders.

Ruft die Staatskanzlei im Sender an, steht es am nächsten Morgen als Skandal in der Zeitung. Sieht so Staatsfunk aus?

Ich habe in den vergangenen 40 Jahren selten weniger um die verfassungsmäßige Staatsferne der Anstalten bangen müssen als heute. Wer sich aufregt, ist entweder zu jung, um die Zeiten miterlebt zu haben, als viele Westbürger nicht wussten, dass die Tagesschau nicht vom Regierungssprecher gesprochen wird – oder er lebte im Tal der Ahnungslosen, wie das gegenüber den Westfernseh-Sendemasten abgeschattete sächsische Elbtal einst hieß. Wo liegt nochmal Dresden? Und wo sind die größten Aufmärsche?

Ja, und die Zeitungen: Woher wissen denn die neunmalklugen Spaziergänger überhaupt von den Missetaten der Geheimdienste und der Vorzeigeeuropäer wie Jean-Claude Juncker? Wenn die Presse löge, wäre Juncker doch ein kleiner Unschuldsbengel und in Brüssel, Straß- und Luxemburg alles okay. Eon würde nicht dem Steuerzahler seine Schrott-AKWs aufs Auge drücken, der ADAC wäre ein sauberer Verein, Gustl Mollath noch im Knast, Uli Hoeneß eher nicht, bayerische Abgeordnete würden noch ihre Familien auf unsere Kosten alimentieren, Christine Haderthauer in München weiter staatskanzleiern und Sigmar Gabriel nicht der Braunkohle Vorrang vor Erneuerbaren geben.

Und die Berichte, dass überhaupt Flüchtlinge nach Deutschland kommen, wären natürlich auch unwahr, wenn die Presse eine Lügenpresse wäre.

Und die Pegidioten lachen sich ins Fäustchen

Leute, ich finde es beschämend, dass meine lieben Kollegen von der Nachrichtensparte heute morgen nichts Besseres zu tun hatten, als ihr Nichtwissen über das, was in Sydney passiert, in aufgeregte Meldungen zu pressen. Ich habe selten so unprofessionelle Arbeit erlebt wie in den Frühnachrichten im Bayerischen Rundfunk. Bekannt war lediglich, dass ein einzelner Täter Geiseln genommen hat und das irgendeinen arabischen oder vielleicht islam/ist/ischen Hintergrund haben soll; außerdem waren mehrere Geiseln freigekommen, nur gab es von denen und über sie nullkommanull Infos. (Und bei den Kollegen einen Reflex, ungeachtet der Recherchelage berichten zu müssen.)
Das ist, sorry, erst mal etwas für die Lokalnachrichten in Sydney. Es hat keinerlei globale Relevanz, es sei denn, man will partout die allgegenwärtige Gefahr beschwören, die die Gegenwart von Muslimen in einem christlichen Land angeblich mit sich bringt. Wenn man den Pegidisten (Pegidioten?) und Brandstiftern Rechtfertigungen für ihr Tun liefern und ihnen Zulauf verschaffen will, muss man es genau so anstellen. Eine mediale Deeskalation wäre geboten. Man kann erst mal abwarten, ob etwas Schlimmes passiert oder ob das ein durchgeknallter Einzelgänger ist und ob die örtliche Polizei mit ihm fertig wird. Statt dessen benehmen sich vermeintlich gestandene Nachrichtenleute wie aufgescheuchte Hühner.
Über das, was in Westafrika los ist, habe ich übrigens nichts gehört. Da sind Täter am Werk, die sich mit Geiselnahmen nicht aufhalten, sondern gleich morden. Aber mental ist Nigeria ja weiter weg als Australien.

Management by helicopter

Heute zitiere ich ausnahmsweise mal die „Bild“, denn Nachrichten wie diese gehören einfach auf den Boulevard.

 „Ich habe in den Jahren bei Arcandor 200 von 625 Flügen selbst bezahlt und dafür rund 2,5 Millionen Euro aufgewendet. Ich kenne keinen Vorstandschef, der sich in diesem Umfang privat an Kosten beteiligt hat. Schon das widerlegt das Bild der Staatsanwaltschaft, dass ich systematisch in die Kassen des Unternehmens gegriffen hätte.“

Na gut, dann hat er halt ohne System hineingelangt. Aber wo er Recht hat, hat er Recht: Auch ich kenne keinen anderen angestellten Topmanager, der so gerne fliegt, dass er am Freitagabend von den ganzen Geschäftsflügen noch immer nicht genug hat, sondern in seiner kargen (?) Freizeit noch mal fast die Hälfte zusätzlich um die Welt düst und dafür in weniger als fünf Jahren den Inhalt eines mittelgroßen Lotto-Jackpots raushaut.

Ich kenne auch keinen Boss diesseits von Wall Street, dem ich es zutrauen würde, in vier Jahren und acht Monaten hochgerechnet 7,8 Millionen Euro zu verfliegen. Ich kenne keinen, der sich nicht schämen würde, wenn herauskäme, dass er durchschnittlich 12500 Euro pro Flug verjubelt, während seine Läden vergammeln und die Verkäuferinnen um ihre Jobs bangen, weil kein Geld für Investitionen übrig ist. Ich will solche Leute auch gar nicht kennen. Ich weiß nur: Die gehören nicht in den Knast, die gehören in die Therapie.

Verschwendungssucht ist eine Krankheit, und wer unter ihr leidet, braucht eine Entziehungskur – am besten, wenn es so etwas gäbe, in einer Geldentziehungsanstalt. Nach der obligatorischen Eingangsenteignung müsste der Patient von früh bis spät schuften. Sobald man ihm den Lohn ausbezahlt hätte, käme ein Beamter und knöpfte es ihm wieder ab. Eines Tages dürfte er jeden Abend einen Cent behalten, ein paar Monate später ein Zehnerl, nach einem Jahr einen Euro. Auf Bewährung. Nach zwei Jahren käme er in den Genuss des Hartz-Regelsatzes, müsste davon der Klinik aber Kost und Logis bezahlen. Nach der Entlassung aus seiner dreijährigen Kur wüsste er mit Geld vermutlich besser, sprich: verantwortungsbewusster umzugehen als ein Arcandor-Chef.

Leider hat unser Strafrecht nur Gefängnisse zu bieten, und was die zur Resozialisierung abgehobener Überflieger beitragen können oder nicht, kann das Volk in Landsberg am Beispiel eines bekannten fränkischen Wurstfabrikanten studieren.

Zweimal bin ich Thomas Middelhoff begegnet – einmal in den Neunzigern, als er bei Bertelsmann als Rechte Hand von Mark Wössner jobbte. „Big T“ hielt auf einem Medienkongress in Nürnberg einen derart hölzernen Vortrag, als hätten die Mohns den Etat für Rhetorikseminare gestrichen. Ich war schwer unterwältigt. Als ich ihm das zweite Mal begegnete, war er quasi mein Oberboß. Das war in Köln, bei der G+J Wirtschaftspresse. Wössner-Nachfolger Middelhoff ließ sich mit der Belegschaft ablichten – grinsend mit einer „BIZZ“-Schirmmütze auf dem Kopf. Einige Wochen später fiel BIZZ einer Sparrunde zum Opfer.

Heute frage ich mich unwillkürlich, welches Spesenbudget ihm zu seiner Bertelsmann-Zeit zur Verfügung stand. Es wäre vermutlich eine hübsche Kabarettnummer gewesen, seine Ticketkosten den typisch Grunerschen Sparkonzepten à la „CAP“ („Costs and Processes“) gegenüberzustellen, in denen nicht nur geregelt wurde, dass statt 0,2-Liter-Wasserflaschen die vom Literpreis her günstigeren 0,7-Liter-Flaschen zu ordern seien, sondern auch lustige Reiseregeln: Eines Tages wurde die Fahrtkostenpauschale ab dem 201. Kilometer von 30 auf 15 Cent gaCAPt. Schon früher hatte ich Ärger bekommen, weil ich mich erdreistet hatte, als freier Mitarbeiter einen Vectra zu mieten, der nach dem Sixt-Großkundentarif elf Mark pro Tag teurer war als ein Golf. Diese Klasse stehe nur Ressortleitern zu.

Zurück zu Big T. Der hätte nach seinem Wechsel von Bertelsmann (wo er mit mehr Glück als Verstand sein toxisches Fehlinvestment in AOL noch rechtzeitig mit Gewinn weiterverscherbeln konnte) zu Karstadt eigentlich merken müssen, dass in Essen nicht so viel Kapital herumlag wie in Gütersloh. Und dass auch diese Firma ihm nicht gehörte. Wie schreibt die Bild so unnachahmlich:

„Es ging aber auch um vergleichsweise billige Hubschrauberflüge zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Arcandor-Zentrale in Essen zum Stückpreis von etwas mehr als 3000 Euro, mit denen Middelhoff auf dem Weg zur Arbeit dem Stau am Kamener Kreuz entgehen wollte.“

 

Science-fiction im stern

Es gibt Interviews, bei denen fragt man sich, warum sie überhaupt abgedruckt werden. Ist es, weil die Redakteure den Inhalt wirklich für relevant halten, oder eher, weil der Verlag schon Arbeitszeit und Reisekosten bezahlt hat und dann eben auch die eingeplanten Seiten zu füllen sind? Oder geht es nur darum, dem Befragten reißerische Aussagen zu entlocken, die dem leichtgläubigen Laien die Ohren schlackern lassen?
Diese Woche irritiert der stern seine Leser mit so einem Text zum Thema „Selbstfahrende Autos“. Die Redakteure Frank Janßen und Harald Kaiser kennen sich mit Autos eigentlich sehr gut aus. Ihr Gesprächspartner war jemand, den autointeressierte Menschen in Deutschland eher nicht kennen, der im kalifornischen Santa Clara lebende Deutsche Thilo Koslowski. Laut stern arbeitet er als „Strategieberater“ bei Gartner, einem Consultingunternehmen aus Stamford (Connecticut), das für seine Analysen zu „Hype Cycles“ zur IT-Industrie bekannt ist, nicht aber dafür, selbst den Hype aufzublähen. Dennoch kam am Ende etwas dabei heraus, das eigentlich nur unter „Science-fiction-Märchenstunde“ rubriziert werden kann. Schauen wir’s uns mal näher an:

„Thilo Koslowski hält es für möglich, dass Softwarefirmen bald Autohersteller aufkaufen.“ „Science-fiction im stern“ weiterlesen