Psychopathenfaktor ≥ 50 Prozent

Ich weiß nicht, ob ich dem Mann widersprechen soll, der da den „Psychopathenfaktor“ im Web erklärt.

„Mindestens die Hälfte aller Leute, die sich im Internet zu Wort melden, sind frustrierte, gelangweilte, zu verbaler Gewalt neigende Soziopathen, die vereinsamt sind und einfach nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen.“

Henryk M. Broder auf Detektor.FM

„Ich finde, so etwas muss man doch dokumentieren. Das sind teilweise wirklich extrem aggressive, wirklich soziopathische/psychopathische Äußerungen – aber auch von einer wahnsinningen Originalität.“

ebenda

Einschreitungen

Da ich aus aktuellem Anlass wieder ständig mit dem Wort „Ausschreitungen“ konfrontiert werde, muss ich jetzt doch mal dagegen einschreiten. Dieser Begriff ist nicht nur furchtbar altertümelnd. Er impliziert auch die Prämisse, es sei Pflicht des Bürgers, wie ein braver Soldat in Reih‘ und Glied voranzuschreiten.  Wehe dem, der aus der Reihe tanzt, der aus ihr herausschreitet!

Wer als Journalist von „Ausschreitungen“ schreibt oder spricht, denkt zu wenig über den Sinn seines Berufs nach. Unsere Maßstäbe sind nicht die des Obrigkeitsstaats, unsere Sprache ist nicht das Amtsdeutsche!

Also nennen wir das, was in England passiert, beim Namen! Es sind Krawalle, Plünderungen, Brandstiftungen, Randale, Gewalttaten.

„Soziale“ Blackberrynetze

„Die Londoner Polizei beklagte, dass die Lage auch deshalb außer Kontrolle geraten sei, weil sich viele Randalierer in sozialen Netzwerken abgesprochen hätten, vor allem mit Hilfe des sogenannten Black Berry Messengers.“

Süddeutsche Zeitung, 10.8.2011, Seite 1

Wie war das noch? Journalisten sind Leute, die anderen einleuchtend Dinge erklären, die sie selber nicht verstanden haben? Zum Glück gibt es die zweite Seite, und dort wurde dann zumindest halbwegs klar, was wirklich los war: Der „Messenger“ alias BBM ist keine Zugangsplattform für Facebook, Myspace oder Google Plus. Der Kurznachrichtenservice BBM ist das „soziale Netzwerk“, das hier gemeint ist. Tatsächlich sind die Blackberry-Smartphones, die bei uns als Manager-Spielzeuge gelten, bei britischen Jugendlichen äußerst populär, weil der BBM günstiger ist als SMS und ganze Gruppen von Empfängern auf einmal erreicht.

Der britische Mobilfunkmarkt unterscheidet sich also erheblich vom deutschen. Wenn man das nicht richtig erklärt, führt man insbesondere die Leser, die sich unter einem „Blackberry“ etwas vorstellen können, in die Irre.

Facebook als Urheberunrechtshehler?

Endlich mal ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich das angelsächsische Copyright vom kontinentaleuropäischen Urheberrecht unterscheidet: Die Daily Mail weist für dieses Foto eines Londoner Plünderers, der seine Beute stolz im Internet zeigt, ein Copyright von Facebook aus – so, als habe das Social Network ein Bild, das ihm nicht gehört (Facebook hat sich lediglich die Nutzungsrechte gesichert), an die Zeitung verkauft.

Bei einer deutschen Zeitung stünde da „Foto: privat/oh“ – oh wie „ohne Honorar“.

Black Berry macht Gefangene

„Blackberry kündigt an, Londoner Plünderer auszuliefern“

 auf Netzpolitik.org 

Demnach hätte eine Handy-Marke des kanadischen Herstellers Research In Motion (RIM) Straftäter in Gewahrsam genommen. Nur jemand, der Gefangene gemacht hat, kann schließlich welche ausliefern. Das ist selbstverständlich höherer Unsinn. Selbst wenn man dem Autor dichterische Freiheit zugesteht, gibt allerdings die Quelle nicht einmal im übertragenen Sinne das her, was er hier insinuiert. Hier das Zitat der britischen Blackberry-Vertriebsniederlassung:

„We have engaged with the authorities to assist in any way we can.“

Zu Deutsch: „Wir haben den Behörden angeboten, ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen.“ Die Fragen von Twiterranern, was mit dieser PR-Floskel wohl konkret gemeint sei, blieben unbeantwortet.

Unterirdische Krisen-PR entschuldigt aber nicht, Locken auf der Glatze zu drehen. Auch – und gerade – wenn man netzpolitik.org heißt.