Stördaten gegen Hobby-Piraten

Musikindustrie. Mit ihrem Kampf gegen Raubkopierer bestrafen die Platten-Labels ihre ehrliche Kundschaft.

 

Der Multimedia-PC ist eine geniale Erfindung: Computer, Fernseher und CD-Player in einem. Wer sein Notebook auf Reisen mitnimmt, kann den Walkman daheim lassen; ein Kopfhörer genügt.

Aus und vorbei. Ausgerechnet die Musikindustrie dreht das Rad des Fortschritts zurück: Schiebt der Musikfreund heute eine brandneue Silberscheibe ins PC-Laufwerk, hört er entweder gar nichts oder ein ohrenbetäubendes Rauschen. Der Grund: Die Musik-Labels beginnen, auf ihren CDs Stördaten unter die Songs zu mischen – Bit-Folgen, die in einem normalen Audio-Player unhörbar sind, aber CD-ROM-Laufwerke aller Art aus dem Rhythmus bringen.

Was Computerfreunde als unfreundlichen Akt werten – sie zahlen den gleichen Preis für die Ware, haben aber weniger Nutzen davon – ist aus Sicht der Platten-Labels unabwendbare Notwehr. Die Branche leidet unter dramatisch zunehmender Schwarzbrennerei. Mehr als 15 Millionen Deutsche, so eine Studie der GfK Marktforschung in Nürnberg, nutzen Computer mit CD-Writer. Das mit Abstand beliebteste Einsatzgebiet der Geräte: Kopieren von Musik.

CDs nach Hausmacher-Art sind in Deutschland viel populärer als Internet-Tauschbörsen, die bisherigen Hauptfeinde der Plattenbosse. Im vergangenen Jahr luden sich zwar vier Millionen PC-Besitzer bei Napster & Co. Hits aus dem Netz. Aber 13 Millionen Digitalheimwerker füllten mehr als 130 Millionen CD-Rohlinge zum Stückpreis von nur zwei Mark mit Musik. Damit sparten sie mehr als drei Milliarden Mark im Vergleich zum Kauf von Original-CDs im Laden, schätzt Hartrnut Spiesecke, Sprecher des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft (BPW). Der tatsächliche Umsatzausfall liegt dabei nach realistischen Schätzungen im dreistelligen Millionenbereich. Zu regulären Ladenpreisen hätten sich die Abkupferer erheblich weniger Singles und Alben geleistet.

Folge: Seit Jahren sinken die Umsätze der Musik-Branche kontinuierlich, obwohl gleichzeitig mehr Musik konsumiert wird. Unterdessen hält die Nachfrage nach CD-Brennern an: Voriges Jahr hat sich die Zahl der in Deutschland installierten Geräte mehr als verdoppelt. Weltweit rechnet die US-Marktforschungsfirma IDC dieses Jahr mit einem Absatz von fünf Milliarden Leer-CDs – das entspricht aktuellen Nutzungsstatistiken zu Folge fast drei Milliarden plagiierten Musikscheiben. „Es gilt längst als chic, selbst gebrannte CDs zu verschenken“, klagt Spiesecke über das mangelnde Unrechtsbewusstsein der Musikfans.

Die Konsequenz heißt Kopierschutz – und empört die CD-Käufer, die ihren Frust auf die Tonträgerhersteller derzeit massenhaft und vor allem in Web-Foren abladen. Denn die drakonische Kopiersperre verschont auch nicht reine Player, die überhaupt nicht aufnehmen können, und trifft echte wie vermeintliche Piraten gleichermaßen: Längst nicht jeder Kopiervorgang ist ein Akt krimineller Produktpiraterie. In Deutschland hat jeder Käufer eines Tonträgers das Recht zur privaten Überspielung. Er darf von seinen legal erworbenen Musik-Disks Kopien für die Kinder ziehen oder sich aus Alben verschiedener Künstler seinen persönlichen Hit-Mix zusammenstellen. Dabei führt am CD-Brennen oft kein Weg vorbei: Die meisten Autoradios haben heute an der Stelle des Kassettenschachts einen CD-Schlitz. Den Plattenfirmen ist das gewandelte Kundenbedürfnis jedoch gleichgültig. Sie verweisen darauf, dass der Kopierschutz den analogen Kassettenrekorder nicht beeinträchtigt und selbstgemischte Sampler somit weiterhin problemlos möglich sind.

Professionelle Schwarzbrenner und Hobby-Piraten reiben sich derweil die Hände. Die neuen Schutzmaßnahmen sind zwar gegen sie gerichtet, machen ihnen aber am wenigsten aus. Munter tauschen sie im Web Tipps und Tricks, mit denen sich die Stör-Software überlisten lässt. Shareware-Autoren haben CD-Brennprogramme so umgebaut, dass sie kopiergeschützte Musik abspielen und aufzeichnen können. Für technische Laien, die ab und zu eine legitime Kopie ziehen wollen, sind diese Prozeduren zu umständlich. Ihnen bleibt für die Wunsch-CD im Auto nur der nette PC-Freak aus dem Freundeskreis – und der zieht ohne schlechtes Gewissen auch zehn Leuten eine Kopie. Skeptiker fürchten deshalb, dass der Marktanteil der Piratenware eher noch steigt. Es sei denn, eine Schreckensnachricht aus dem Web erweist sich als wahr. Demnach können kopierte CDs empfindliche Lautsprecher so sehr überstrapazieren, dass die Membranen platzen. UJF

Erschienen in BIZZ 10/2001.

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