Nie war die Auswahl an Supercomputern größer als heute – und nie verwirrender für die Kunden. Für einige Hersteller wird jetzt die Luft dünn.
Top/Business 10/1993
Eben noch ganz tief unten im Jammertal, will James G. Treybig schon wieder ganz hoch hinaus. Nach einem verheerenden Quartal, in dem der Verlust seiner Firma mit über einer halben Milliarde Dollar größer ausfiel als der Umsatz, denkt der Chef der Tandem Computers Inc. nur noch ans Dach der Welt: „Himalaya“, die neueste Rechnergeneration, soll dem gebeutelten Silicon-Valley-Unternehmen wieder den nötigen Auftrieb verschaffen. „Es gibt kein System mehr auf dem Markt“, behauptet „Jimmy“ Treybig keck, „mit dem Tandem nicht konkurrieren könnte.“
Des Gipfelstürmers Optimismus scheint berechtigt. Die neuen Maschinen stoßen nämlich in Leistungsregionen vor, die mit herkömmlichen Großrechnern kaum zu erreichen sind, kosten aber nur einen Bruchteil. „Hochleistungscomputer: Konkurrenz der Parallelen“ weiterlesen
Die ARD bremst den UKW-Nachfolger DAS. Das störungsfreie Radio kommt trotzdem.
Fast hätte der digitale Fortschritt nach dem Plattenspieler auch noch das UKW-Radio dahingerafft. Allein in Europa, so sah es der kühne Zeitplan des 125 Millionen Mark teuren EG-Forschungsprojekts Eureka 147 vor, wären bis zum Jahr 2010 mehr als 600 Millionen konventionelle Autoradios, Tuner, Kompaktanlagen und Kofferradios reif für die Wertstofftonne gewesen. Zu jenem Termin nämlich sollte das neue Hörfunksystem Digital Audio Broadcasting (DAB) endgültig das aus den fünfziger Jahren stammende UKW ablösen.
So rasch wird auf der klassischen Ultrakurzwelle nun doch keine Funkstille herrschen. Die Zwangsbeglückung des Publikums mit dem CD-Radio ist im Ansatz gescheitert. Und damit ist auch der Traum der Unterhaltungselektronikmanager geplatzt, binnen 15 Jahren nahezu jedem Bewohner des Kontinents mindestens einen neuen Apparat verkaufen zu können.
Auslöser der Vollbremsung waren die Intendanten der ARD, deren hauseigenes Institut für Rundfunktechnik GmbH (IRT) in München bisher unter den Verfechtern des neuen Super-Hörfunks in der ersten Reihe gekämpft hatte. Auf einer Sitzung Anfang Mai in Köln beschlossen die Anstaltsleiter, den vermeintlichen UKW-Nachfolger, dessen binäre Signale ab der Internationalen Funkausstellung (IFA) 1995 den Äther bereichern sollten, „nicht vor 1997“ einzuführen. Offizielle Begründung: Geldmangel.
Der Aufbau eines Digitalnetzes parallel zur UKW-Senderkette ist nicht aus der Portokasse zu finanzieren. Auf 500 Millionen Mark taxiert Dieter Hoff, Technischer Direktor des WDR in Köln, den Investitionsbedarf: „Es steht außer Zweifel, daß wir uns das mit den jetzigen Rundfunkgebühren, die bis Ende 1996 festgeschrieben sind, nicht leisten können.“
Buchstäblich im letzten Moment haben die Intendanten ein technisches Konzept auf Eis gelegt, das nicht einmal ansatzweise mit der real existierenden Medienszene Deutschlands und seiner Nachbarländer harmoniert. So gibt auch Frank Müller-Römer, Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks und Vorstandsvorsitzender des Vereins DAB-Plattform, unumwunden zu, daß die „Programmkollegen und Intendanten noch zu wenig darüber nachgedacht haben, wie DAB die Rundfunklandschaft verändern wird“.
Selbst die Medienpolitiker hatten eines übersehen: Ohne eine gründliche Überarbeitung würde DAB vielen kleinen Privatsendern die Existenzgrundlage entziehen. Zwar ist für landesweite Privatsender wie Radio Schleswig-Holstein (RSH) oder Antenne Bayern das neue Digitalsystem recht attraktiv. Denn die zu Sechserpacks gebündelten Bitströme garantieren eine Übertragungsqualität, die an jedem Ort mit der des ARD-Programms identisch ist.
Doch viel zu verlieren haben die Stadtradios. Als Gleichwellennetz ist DAB darauf ausgelegt, daß ein Autofahrer nicht mehr hinter jeder Bergkuppe am Frequenzknöpfchen drehen muß. Diese Technik mag für Rundfunkstationen mit großen Einzugsgebieten das Nonplusultra sein. Für lokale Programmanbieter ist sie eine Katastrophe: Allein in Nordrhein-Westfalen mit seinen 45 lokalen Stationen wären acht separate Übertragtmgsblöcke erforderlich, damit jeder zum Zug käme. Selbst wenn genügend Frequenzraum bereitstünde, müßten die Lokalfunker eine maßlos übertriebene technische Reichweite finanzieren, ohne diese Mehrkosten auf ihre Werbekunden umlegen zu können. Ein Einzelhändler aus Bielefeld bezahlt schließlich nicht dafür, daß man seinen Spot auch in Leverkusen hören kann.
Trotz allem ist die Einführung des digitalen Radios nicht endgültig passe. Die Gefahr, daß die Europäer ihren technischen Vorsprung gegenüber den Amerikanern verlieren könnten, macht sogar der deutschen Verteidigungsbürokratie Beine. So bekam Horst Stumkat, Fachbereichsleiter für Rundfunksender bei der Telekom, plötzlich vom Bundespostminister grünes Licht für Testreihen mit dem von Frankreich favorisierten „L-Band“ (1452 bis 1492 Megahertz), obwohl dieses hierzulande noch teilweise für militärische Zwecke genutzt wird. Ein Teil dieser Frequenzen kann kurzfristig geräumt werden.
Untersuchungen des kanadischen Rundfunks CBC geben dem L-Band wesentlich bessere Noten als den vom Fernsehen abgeknapsten VHF-Kanälen – zumal der L-Bereich ab 2007 sowieso weltweit für den Empfang ziviler Radiosender reserviert ist. Damit gäbe es – wie heute bei UKW – einen einheitlichen Weltmarkt für Empfangsgeräte.
Selbst die Infrastruktur für die Einführung von DAB im L-Band ließe sich leicht bereitstellen. Nach kanadischen Messungen muß mindestens alle 60 bis 70 Kilometer ein Sender stehen. Die Antennenmasten der digitalen Mobilfunksysteme D 1 und D2 stünden demnach bereits heute in vielen Regionen dicht genug beieinander, um das Rückgrat eines solchen Netzes zu bilden.
Nur für die ARD-Anstalten wäre diese Lösung fatal: Ihre Sendernetze sind viel zu weitmaschig. Und der milliardenteure Aufbau eines eigenen Netzes für das L-Band wäre aus den Rundfunkgebühren erst recht nicht zu finanzieren. Die Folge: Auch die ARD müßte sich an die Funktürme von Telekom, Mannesmann Mobilfunk oder des neuen – von Thyssen und Veba geplanten – E1-Netzes anhängen. Die geheiligte ARD-Autarkie wäre dahin.
Für den Verbraucher hätte das L-Band auf jeden Fall Vorteile: Weil es zwischen den Frequenzen von D- und E-Netz liegt, könnten die Hersteller von Autotelefonen ohne großen Aufwand die Radiofunktion in ihre künftigen Geräte mit einbauen und sogar beide Komponenten über dieselbe Antenne versorgen. Und weil DAB nicht auf Audiosignale beschränkt ist, könnten auch tragbare Computer und „digitale Assistenten“ auf diesem Weg Informationen empfangen.
Eine neue Anwendung ist bereits erfunden – die drahtlose Übermittlung brandaktueller Kreditkarten-Sperrlisten an den Handel.
Multimedia schafft eine neue Branche. Die Abkehr vom Papier ist vorgezeichnet.
WirtschaftsWoche 28/1993
Bewerber haben bei Hartmut Pütterich schlechte Karten. Der Ex-Unternehmensberater, heute Geschäftsführer der SKU Repro GmbH in München, ist im Gegenteil froh, wenn einer seiner Mitarbeiter geht. Das Unternehmen, das aus Originalfotos und Grafiken Druckvorlagen für Verlage und Werbeagenturen herstellt, befindet sich auf einem strammen Konsolidierungskurs. Vor drei Jahren beschäftigte Pütterich noch knapp 100 Mitarbeiter, derzeit sind es 80, Ende des Jahres werden es nur noch 70 sein.
Damit steht SKU im Vergleich noch sehr robust da. Lutz Kredel, geschäftsführender Gesellschafter der Pre Print Publishing Consulting GmbH in Berlin, kennt Reprobetriebe und Setzereien, die ihre Belegschaft mehr als halbieren mußten. „Von denen hat nie einer an Innovationen gedacht“, stöhnt der Berater, „viel zu wenige in dieser Branche wissen, wo es langgeht.“
Die Misere der Unternehmen, die früher ehrfürchtig als Repro-, Litho- und Satz-Anstalten tituliert wurden, hängt eng zusammen mit dem rasanten technischen Fortschritt, der die sogenannte Druckvorstufe obsolet macht. Seit den siebziger Jahren, als der Fotosatz den Bleisatz verdrängte, löschen Computer und Software ein handwerkliches Berufsbild nach dem anderen aus.
Setzer wurden überflüssig, weil Redaktionen und Anzeigenabteilungen ihre Texte nur noch elektronisch anliefern. Metteure mußten erst lernen, mit dem Skalpell Fotosatzfilme zu umbrechen. Heute haben sie nur noch eine Chance, wenn sie Desktop-Publishing-(DTP-) Software am Bildschirm beherrschen. Als nächstes kam der Bildscanner, der die Lithographen arbeitslos machte. Von den vielen Berufen der Druckvorstufe bleibt lediglich der Druckvorlagenhersteller übrig, der alle Arbeitsgänge beherrschen muß.
Mit Hardware und Software der neuesten Generation verschwinden nun die letzten nichtelektronischen Glieder aus der Verarbeitungskette: Die Bildvorlagen werden bereits digitalisiert angeliefert – etwa auf einer Photo-CD – und direkt ins Layoutprogramm eingespielt; der Computer speist die Daten der fertig gestalteten Seite in ein Gerät, das alle Texte und Bilder mit Hilfe eines Laserstrahls unmittelbar in die Druckplatten fräst. Der chemische Film und mehrere Arbeitsschritte entfallen.
Um die wenigen verbleibenden Arbeiten ist mittlerweile ein Verteilungskampf ausgebrochen. Die Satzstudios, die immer öfter nur noch zum Umbrechen und Gestalten bereits erfaßter Texte gebraucht werden, versuchen, mit elektronischer Bildverarbeitung Boden gutzumachen. Doch hier treffen sie bereits auf Fotolabors, die derartige Dienstleistungen ebenfalls als zukunftsträchtig erkannt haben. Die Druckereien wiederum sehen in der technischen Integration der Arbeitsschritte eine Chance, Unteraufträge auf ein Minimum zu reduzieren und alles selber zu machen.
Tuncay Genceller, Mitinhaber der Reproline Offsetreproduktionen in München, glaubt aber, daß Spezialbetriebe mit Qualitätsanspruch ihren Erfahrungsvorsprung nutzen können. Die Newcomer würden bei anspruchsvolleren Aufträgen erst mal ins Schleudern geraten. „Wenn’s bei denen schiefgeht, dürfen wir die heißen Kartoffeln aus dem Ofen holen“, so die Erfahrung von Genceller.
Auch der Berliner Berater Kredel prophezeit eine Renaissance der Qualität. Doch in der Ferne sieht er bereits eine Entwicklung auf die Branche zurollen, gegen die alles bisher Dagewesene harmlos wäre: „Aus dem technologischen Zusammenwachsen der Sektoren Computer, Verlag, Film und Telekommunikation wird eine völlig neue Medienindustrie entstehen.“ In diesem Multimedia-Zeitalter geht der Trend – so Kredel – klar weg vom Papier. Der Berliner rechnet sogar mit einer Neuauflage der längst totgesagten Bildschirmzeitung.
Obwohl diese Veränderungen nicht blitzartig hereinbrechen werden, befaßt sich SKU-Geschäftsführer Pütterich bereits mit den denkbaren Optionen. „Wir haben Riesenchancen, mit unserem Potential neue Dinge anzugehen“, glaubt der Münchner. Zu diesen Ideen gehört , die Pflege elektronischer Bildkataloge, die per Datenleitung zugänglich sind. Was den papiernahen Bereich betrifft, ist Pütterich jedoch Pessimist. Wenn der Preisdruck anhalte, komme die elektronische Arbeitsteilung mit Billiglohnlandern wie der Türkei oder Tschechischen Republik. Das koste zwar Jobs, doch die Qualität müsse darunter nicht leiden: „Die Leute sind ja auch nicht dümmer als wir.“
Ulf J. Froitzheim
Printing on Demand: Immer frisch gedruckt
Es ist immer wieder der gleiche Balanceakt bei Druckwerken, die häufig aktualisiert werden müssen: Wenn die Auflage zu klein ist, muß nachgeordert werden, ist sie zu groß, landet der Überschuß im Altpapiercontainer. Doch jetzt können Fachverlage und Unternehmen, die Preislisten und technische Anleitungen herausgeben, beliebig kleine Auflagen nach dem aktuellen Bedarf drucken. „Printing on Demand“ (PoD) wird durch neue leistungsstarke Laserdrucker möglich, die bis zu 340 Seiten pro Minute – fast sechs Seiten pro Sekunde – ausspucken. Sogar doppelseitiger DIN-A3-Druck und Farbdrucke sind möglich, und zum Schluß wird alles noch vollautomatisch gefalzt und ordentlich zusammengeheftet. Im Angebot haben derartige Drucker Siemens-Nixdorf, Kodak und Rank Xerox.
Die Oracle Corp., einer der größten Anbieter von Datenbankprogrammen, gehört zu den ersten Nutzern von PoD. Sie druckt zu jeder erdenklichen Konfiguration das exakt passende Handbuch in der gewünschten Länderversion. Nur die Manuals für das Standardprogramm werden noch auf Vorrat gedruckt.
Auch der auf Patentschriften spezialisierte Wila Verlag W. Lampl GmbH in München macht sich das Potential der neuen Technik bereits zunutze. Wila beliefert Unternehmen wie Mannesmann, Thyssen, VW und Opel regelmäßig mit sauber gedruckten Kurzfassungen aller neuen Patentanmeldungen aus den jeweils abonnierten Fachgebieten. Hätten die Universitätsbibliotheken etwas üppigere Etats, könnten demnächst auch Studenten vom Printing on Demand profitieren.
Technisch ist es überhaupt kein Problem, ganze Fachbücher und Dissertationen PoD-gerecht zu speichern; an der Universität Dortmund gibt es bereits eine Pilotinstallation. Beim dezentralen Drucken aus dem Speicher des Bibliothekscomputers gehen die Verlage nicht leer aus: Sie bekommen für jedes ausgedruckte Stück ihren Obolus. UJF
Eine Flut von Chipkarten rollt auf uns zu – als Ersatz für Kleingeld und Krankenschein, Ausweis und Arztrezept. Einige Anbieter ziehen die Notbremse: Per „Multifunktionskarte“ wollen sie die Inflation stoppen.
Wenn noch ein Symbol für den endgültigen Triumph der Plastikkarte gefehlt hatte, dann dieses: Die Pastoren der fünf evangelischen Hauptkirchen in der Hamburger City erwägen ernsthaft die Einführung einer „Church Card“.
Top Business 7/1993
Mit dem analytischen Geist gewiefter Marketingexperten haben die Gottesmänner eine Offerte für die kühl rechnenden hanseatischen Kaufleute maßgeschneidert, die im Schatten des Michel längst die alteingesessenen Gemeindebürger verdrängt haben. „Die Kirche muß sich dem Wettbewerb stellen“, propagiert Hauptpastor Lutz Mohaupt ein konsequent marktwirtschaftliches Christentum. Wer stets brav seine Kirchensteuer zahlt, soll auch etwas davon haben – sei es der verbilligte Eintritt beim Kirchenkonzert oder die Vorzugsbehandlung bei der Kindergarten-Warteliste. „Hochwürden auf dem Kartentrip“ weiterlesen
Zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz entwickelt sich langsam eine neue industrielle Infrastruktur. Westkonzerne testen in Sachsen innovative Konzepte – und sind sehr angetan von ihren Werktätigen.
Capital 6/1993 (Fotos: UJF)
Das obligatorische Honecker-Porträt fehlt, und die Gardinen sind frisch gewaschen. Ansonsten entspricht der muffig-spießige Konferenzraum, in dem der Manager Wolfgang Neef seine Besucher empfangen muß, noch voll und ganz dem aus DDR-Tagen gewohnten Bild: ringsum abgewetzte, durchgesessene Polsterelemente in den Farben Orange und Oliv, holzvertäfelte Wände in klassischer Politbüro-Optik, der Blick aus dem Fenster fällt auf eine düstere Kulisse aus größtenteils abbruchreifen Fabrikbauten.
Dennoch ist es nicht das trostlose Ambiente, das den Geschäftsführer der traditionsreichen Sachsenring Automobilwerke GmbH in Zwickau bedrückt. Es sind jene fünf „Profitcenters“, aus denen das Treuhand-Unternehmen heute besteht. Separat, sagt der Nachlaßverwalter der ehemaligen Trabi-Fabrik, könne er die Firmenteile – so unterschiedliche Sparten wie Fahrzeugbau, Ersatzteilhandel, Ingenieurbüro, Autorecycling und Bau von Fertigungsmitteln – privaten Investoren gewiß schmackhaft machen. Doch die IG Metall sperre sich, und darum stehe die GmbH leider nur en bloc zum Verkauf.
„Den Leuten in unserer Region“, stöhnt Neef, der seit seiner Lehre vier Jahrzehnte beim Sachsenring verbracht hat, „wäre doch mit fünf kleinen Betrieben zu je 150 Arbeitsplätzen besser gedient als mit einem großen, bei dem vielleicht 400 Arbeitsplätze übrigbleiben.“ Noch stehen freilich 1700 Menschen auf der Lohnliste, darunter alleine 300 Lehrlinge.
Wie die industrielle Zukunft des Sachsenrings aussehen könnte, ist in der unmittelbaren Nachbarschaft zu besichtigen. Dort hat sich – in einem verwitterten Bau, der einst den berühmten Horch-Werken gehörte – die Siemens Automobiltechnik GmbH (AT) mit ihrer Bordnetz-Fertigung eingemietet. Wie Klöpplerinnen hantieren einige Dutzend Frauen ungemein fix mit bunten Kabeln, bis daraus dicke Stränge werden: die Elektrik für den Golf, den VW hier ganz in der Nähe baut. Weil es Hunderte von Varianten gibt, ist das jeweilige Schema exakt auf der mannshohen Arbeitstafel vorgezeichnet.
Obwohl die Zwickauer Manufaktur mit einem Investitionsvolumen von zehn Millionen Mark zu den kleinsten Flecken auf der Sachsen-Karte der Siemens AG zählt, ist sie bereits zum Vorzeigebetrieb geworden. Nach anfänglicher Skepsis sind die AT-Geschäftsführer Gerhard Sander und Peter Schmitt von ihren 290 sächsischen Werktätigen regelrecht begeistert. „Wir sind sehr rasch eines Guten belehrt worden“, strahlt Sander, „die Motivation unserer Mitarbeiter ist hervorragend.“
Zum Beleg verweisen die zwei Westmanager auf das frische Computerdiagramm, das für jeden sichtbar am schwarzen Brett prangt. Danach hat die Belegschaft in den ersten Apriltagen die vorgegebene Norm um durchschnittlich 15 Prozent übererfüllt: Die Frauen haben schneller geklöppelt, als geplant war. Auch bei Krankenstand und Qualität halten die Kurven großen Abstand von der markierten Schmerzgrenze – die kapitalistische Planwirtschaft funktioniert.
Mit ihrer Kabelbaum-Produktion ist die Siemens AG nur einer von vielen Auto-Zulieferern, die sich auf einen ehrgeizigen Großversuch eingelassen haben: den Umbau einer traditionellen Autoregion zum modernsten Produktionsstandort Europas. Wo früher unter Regie des volkseigenen IFA-Konzerns mit einer Fertigungstiefe von 100 Prozent der Trabi montiert wurde, wächst jetzt um das VW-Werk Mosel herum ein enges Geflecht von selbständigen Unternehmen, die – quasi integriert in ein privatwirtschaftlich organisiertes Kombinat – gemeinsam und höchst rationell des Deutschen liebstes Auto produzieren.
Die Fertigungstiefe der eigentlichen VW-Fabrik sinkt dabei auf bescheidene 30 Prozent, ergo kann der Konzern auch einen Teil der Investitionen auf die Lieferanten abwälzen. Die extreme räumliche Nähe zwischen den Partnerbetrieben – im Westen in diesem Maß überhaupt nicht realisierbar – drückt die Reaktionszeiten der Just-in-time-Lieferanten auf ein absolutes Minimum.
Gegen ein Problem sind die Chefs der Zulieferbetriebe, zu denen neben Siemens auch Ableger von Hella, VDO und Allibert zählen, freilich machtlos – gegen den drastischen Sparkurs ihres Kunden Volkswagen. Die Niedersachsen, die ursprünglich bis 1994 rund 4,6 Milliarden Mark in Sachsen investieren wollten, haben den Endausbau des Standorts Zwickau-Mosel auf 1997 verschoben. Statt 1200 laufen deshalb vorerst nur 400 Exemplare des Golf pro Tag vom Band.
Während die Autobranche auf die Stotterbremse tritt, geben weniger konjunkturanfällige Wirtschaftszweige neuerdings in Sachsen kräftig Gas:
❏ Die Getränkeindustrie, allen voran Coca-Cola und die Bierkonzerne Binding und Holsten, steckt dreistellige Millionenbeträge in supermoderne Braustätten und Abfüllereien in Radeberg und Dresden.
❏ Der Fürther Schickedanz-Gruppe ist ein neues Quelle-Großversandhaus bei Leipzig fast eine Milliarde Mark wert; die fünf gigantischen Hallen, zusammen so groß wie zwölf Fußballfelder, sind für 25 Millionen Pakete pro Jahr ausgelegt.
❏ Die Degussa-Tochter Asta verordnete sich eine moderne Tablettenfabrik in Dresden für 325 Millionen Mark; produziert werden allerdings nur Generika, also Standard-Pillen ohne neuentwickelte Wirkstoffe.
❏ Die Frankfurter Investmentfirma Advanta trieb 250 Millionen Mark auf, mit denen das denkmalgeschützte Taschenbergpalais zum „Steigenberger Hotel Dresden“ umgebaut wird.
❏ Der Aretsrieder Milchgigant Müller, bereits Pächter mehrerer sächsischer Molkereien, greift nach der Devise „Alles Müller oder was?“ nach der Marktführerschaft in ostdeutschen Kühltheken; dazu bauen die Allgäuer südlich von Leipzig eine Großmolkerei samt Käsefabrik für 180 Millionen Mark.
Um ein großes Technologie-Unternehmen, in das noch vor Jahresfrist viele Sachsen große Hoffnungen gesetzt hatte, ist es hingegen sehr, sehr still geworden: das Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD). Die ehemalige DDR-Chipfabrik sei gerettet, hatte Wirtschaftsminister Kajo Schommer im vergangenen Oktober verkündet. Dresdner Bank und Commerzbank würden in Kürze die Gesellschafteranteile von der Treuhandanstalt übernehmen, das Halbleiter-Know-how stelle die Siemens AG. Ein halbes Jahr später sagt eine Commerzbank-Sprecherin nichts anderes: „Das ist auch heute Stand der Dinge.“
Ulf J. Froitzheim
Dieser Text erschien im Juni 1993 – gekürzt und vermischt mit dem Beitrag einer Kollegin – unter der Überschrift „Testfall für Ostdeutschland“ in der Haupt- und der Ostausgabe von Capital.
Willkommen in meiner Wortpresse. Ich muss Sie gemäß Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) warnen – nicht vor mir, sondern vor allem vor Google (s.u.), aber auch vor zwei Kleinigkeiten. Zuerst zu diesen: Ich setze auf diesen Seiten zwei Software-Komponenten (Wordpress-Plugins) ein, die Cookies setzen. Das eine kommt witzigerweise just von dem Plugin, das Sie gerade sehen, weil es Sie über Cookies informiert. Dieses Cookie dokumentiert die Tatsache, dass Sie den Cookie-Hinweis angezeigt bekommen haben; es hat eine Lebensdauer von nur einer Stunde, weniger kann ich nicht einstellen.
Diesen Aufwand muss ich aufgrund der DSGVO leider treiben, denn ich setze harmlose Session-Cookies ein, die es der Verwertungsgesesellschaft Wort erlauben, die Zugriffe auf Texte zu zählen; wenn genügend unterschiedliche Personen dieselbe Seite lesen, bekomme ich von der VG Wort Tantiemen. Das macht mich nicht reich, aber warum sollte ich auf Geld verzichten, das mir von Gesetz wegen zusteht?
Und was passiert da genau? Also: Session-Cookies sind kleine Informationseinheiten, die vollautomatisch im Arbeitsspeicher Ihres Computers abgelegt werden. Sie enthalten eine zufällig erzeugte eindeutige Identifikationsnummer, eine sogenannte Session-ID. Wie alle Cookies enthalten sie Angaben zu ihrer Herkunft und Speicherfrist. Session-Cookies können keine anderen Daten speichern.
Diese Zugrifssmessungen werden von der INFOnline GmbH nach dem Skalierbaren Zentralen Messverfahren (SZM) durchgeführt. Sie helfen dabei, die Kopierwahrscheinlichkeit einzelner Texte zur Vergütung von gesetzlichen Ansprüchen von Autoren und Verlagen zu ermitteln. Über diese Cookies werden keine personenbezogenen Daten erfasst.
Eine Nutzung meiner Seiten ist auch ohne Cookies möglich, sofern Sie Ihren Browser so einstellen, dass er keinerlei Cookies automatisch akzeptiert. Alternativ können Sie Ihren Browser so einstellen, dass er Sie benachrichtigt, sobald Cookies gesendet werden, und sich dann im Einzelfall dafür oder dagegen entscheiden.
Das größere Problem sind Google und Wordpress, also das Redaktionssystem für Blogs, mit dem ich diese Seiten baue. Entgegen einigen Veröffentlichungen holt sich Wordpress immer noch Schriften ("Fonts") von Google, und höchstwahrscheinlich landen deshalb immer noch IP-Adressen von Besuchern bei Google.
Falls Sie also zu den Wenigen gehören sollten, die Google aus Prinzip boykottieren, wäre das eine schlechte Nachricht für Sie. In dem Fall rate ich Ihnen, nicht weiterzulesen und Ihren Cache, Ihren Browserverlauf und das Cookie fonts.googleapis.com sofort zu löschen.
Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen, indem du den den Button „Zustimmung widerrufen“ klickst.