Datenhamster in der Servicewüste

Der Staat will alle Kommunikationsdaten speichern. Sein Pech ist, dass er dazu die Telefonfirmen braucht.

Die Vorratsdatenspeicherung (VDS) wird mehr informationelle Mosaiksteinehen anhäufen als das MfS dies je vermochte. Im Zeitalter der Petabyte-Plattencluster braucht kein Bürger mehr auffällig zu werden, um sich für vorsorgliche Überwachung zu qualifizieren. Es genügt, per Funk oder Draht Informationen und Meinungen auszutauschen, Tratsch und hohles Geschwätz. Bald dürfen wir uns im Zweifelsfall für jeden unbedachten Mausklick rechtfertigen, der uns vor einem halben Jahr unterlaufen ist, für jede SMS und E-Mail vom und an den falschen Adressaten, für jedes Telefonat. Wehe dem Angerufenen, wenn sich ein böser Bube verwählt: Da leider nicht alles abgehört werden kann, greift bis zum Beweis des Gegenteils die Schuldsvermutung.

So weit die Theorie. In Wahrheit ist die VDS kein Grund zu verzagen. Denn beim Datenhamstern ist die Staatsgewalt abhängig von Firmen, die Grandioses versprechen (wie das „Fernsehen der Zukunft“ per Telefonkabel), aber konsequent das Motto leben: „Wo wir sind, klappt nichts. Darum sind wir überall für Sie da.“ Droht ein Kunde etwa mit einem Auftrag für ein All-you-can-eat-Kommunikationspaket, bekommt er eindrücklich demonstriert, wie gut Geschäftsprozesse an Murphy’s Law ausgerichtet sein können. Die Bestellung via Web versickert ebenso im IT-Nirwana wie ein erneuter Auftrag per Telefon. Nervt er die outgesourcten Hotliner beharrlich mit Nachfragen, bringt ihm der Briefträger eines Tages Zugangsdaten, die das System nicht kennt, sowie eine Auftragsbestätigung für den falschen Tarif. Wählt der Kunde im Callcenter-Dialog „Beschwerde“, hört er 126 Minuten lang, der nächste Berater sei für ihn reserviert. Erreicht er anderntags die Störungsstelle, schalten die Experten nicht etwa um auf Web-TV-Speed, sondern auf das Ur-DSL-Tempo von 1999.

Wer schon als ausdrücklich „willkommen“ geheißener, zahlender Kunde solch systematischen Murks erlebt, bekommt eine Idee davon, welche Servicequalität erst staatliche „Bedarfsträger“ zu gewärtigen haben, die aufgezwungene Geheimdienstleistungen kostenlos verlangen. So erscheint der miserabelste Kundendienst plötzlich im mildesten Licht: Wahrhaft beängstigend sind die Telefonfirmen, bei denen alles klappt wie am Schnürchen. Aber gibt es die überhaupt?

Aus der Technology Review 2/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Grüne Woche in Hannover

Klimaschutz. Die Cebit-Macher haben die Umwelt als Thema entdeckt, auch die IT-Aussteller suchen ein grünes Image. An einer Klimabelastung kann die Messe allerdings wenig ändern: dem CO₂-Ausstoß der Besucherkarawanen.

Text: Ulf J. Froitzheim

Capital 2/2008

Für Besucher der nächsten Cebit gehört das schlechte Gewissen zum guten Ton. Wer Anfang März nach Hannover reist, um sich über die neuesten Trends der Informationstechnik schlau zu machen, wird an der Botschaft kaum vorbeikommen, sein PC sei ein Klimakiller. Denn „Green IT“ ist 2008 Schwerpunktthema.

Den Messemachern scheint es damit wirklich ernst zu sein: Ernst Raue, für die Cebit zuständiges Vorstandsmitglied der Deutschen Messe, warnte, der Betrieb von Computern, Datennetzen und Telefonanlagen produziere inzwischen ähnliche Mengen an Kohlendioxid wie der globale Luftverkehr. „Auf der Suche nach den besten Lösungen zur Verringerung der CO₂–Belastung“, formuliert er es diplomatisch, „hat die ITK-Branche eine Schlüsselfunktion. “

Ganz uneigennützig ist es nicht, wenn sich der Gastgeber stellvertretend für seine Aussteller als reuiger Ökosünder in Szene setzt. Sein vermeintlicher Angriff auf das eigene Lager dient der Verteidigung gleich an zwei Fronten. So steht die traditionell als vergleichsweise sauber geltende IT-Industrie unter ungewohntem Rechtfertigungsdruck, weil sie die Dimension des Problems Energiekosten erst spät erkannt hat. Zudem wird es bei zunehmender Marktsättigung immer schwieriger, überhaupt noch Themen zu finden, von denen sich Hunderttausende angesprochen fühlen. Spektakuläre Innovationen sind rar geworden. Und sie halten sich selten an den Messekalender. Da kommt der Trend zu korrekten Niedrigenergie-Systemen für die Cebit-Produzenten just in time.

Die Hersteller stecken in einem ähnlichen Dilemma wie die Autoindustrie: Einerseits müssen sie schon aus Imagegründen die Verbrauchswerte senken. Andererseits ist „mehr Leistung“ immer noch ein Verkaufsargument, das zieht. Obendrein ist die Bereitschaft der Kunden gering, für sparsame Maschinen mehr zu bezahlen. Hinzu kommt: Je erfolgreicher die Hersteller effizientere Geräte verkaufen, desto größer wird die Schrotthalde. Schon jetzt landen laut Greenpeace pro Jahr mehr als 100.000 Tonnen Informationstechnik bei den Entsorgern.

Zudem kostet die Produktion eines durchschnittlichen PC, wie das Wuppertal-Institut ausgerechnet hat, mehr Energie als sein Betrieb vom Kauf bis zur Ausmusterung. Darum setzen manche grünen Konzepte, über die man in Hannover sprechen wird, schon bei der Frage an, wieviel voll ausgestattete Hardware man überhaupt braucht. Ein Unternehmen, das seine Datenhaltung ökomäßig optimieren will, kann selten benötigte Informationen auf Festplatten auslagern, die per Software erst dann hochgefahren werden, wenn tatsächlich jemand darauf zugreifen will.

Die Cebit verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen

Die grüne Woche in Hannover rückt allerdings unweigerlich ein Umweltproblem in den Blickpunkt, an dem Messechef Raue wenig ändern kann, will er nicht seinen eigenen Job infragestellen: Die Cebit selbst verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen. So kommt die Bad Vilbeler Klimaschutz-Beratungsfirma 3C – The Carbon Credit Company in einer Grobschätzung für Capital zu dem Ergebnis, dass während der Cebit 2007 allein bei der An- und Abreise der Teilnehmer und des Messepersonals mindestens 77.000 Tonnen Kohlendioxid entwichen sind. Gemessen an den 900 Millionen Tonnen, die Deutschland jährlich in die Atmosphäre bläst, wirkt das vielleicht nicht dramatisch. Doch der Moloch Cebit stellt laut Statistik des Branchenverbandes Auma auch nur fünf Prozent der Besucher aller überregionalen Messen im Lande. Angenommen, die Daten zu Hannover wären repräsentativ, ergäbe sich also in der Summe übers Jahr eine CO₂-Wolke in der Größenordnung aller Autoabgase einer Stadt wie Köln.

Die umweltfreundlichste, aber auch radikalste Lösung des Problems läge sicherlich darin, zu Hause zu bleiben und sich – notfalls mit noch nicht ergrüntem Digitalequipment – via Web oder Videokonferenz über die neuesten technischen Errungenschaften zu informieren. Dies scheint, wenn die Statistiken nicht trügen, immer mehr Computer-Anwendern tatsächlich zu genügen. So ist die Systems in München, zu der 2000 noch 147.000 Menschen anreisten, mit zuletzt 42.000 Gästen nur mehr ein schwacher Abglanz ihrer selbst. Auch die Cebit hat schwer gelitten: Seit 2004 kommt die Besucherzahl nicht mehr über die halbe Million hinaus, im Boomjahr 2001 waren es einmal 830.000 Personen.

Für das Bedürfnis der Menschen, sich persönlich zu treffen und Neuheiten vor Ort zu bestaunen, zeigen jedoch sogar die ausgewiesenen Umweltprofis Verständnis. Rainer Lucas, der sich am Wuppertal-Institut mit klimafreundlichen Konzepten für Großveranstaltungen befasst, geht es denn auch nicht darum, den Besuchern die Reise an sich mies zu machen. Ihn interessieren nur mögliche Wege, auf denen man den Mix der Verkehrsmittel beeinflussen könnte. Neben guten Ansätzen wie der Werbung für den Messebahnhof in Hannover-Laatzen, an dem an Ausstellungstagen auch die ICEs halten, sieht Lucas aber auch falsche Signale: „Wenn die Besucher wissen, dass es 40.000 Parkplätze gibt, ist das natürlich ein Anreiz, mit dem eigenen Wagen anzureisen.“ Viel mehr hielte er davon, wenn Messegesellschaften im Web Mitfahrerbörsen einrichten würden. Bei der Cebit eigentlich nicht nötig, beteuert aber deren Sprecher Hartwig von Saß: „In den meisten Autos sitzen heute schon drei Personen.“

Bereits in den 90er Jahren hatte die Deutsche Messe AG der Verschwendung den Kampf angesagt – aus ökologischen wie ökonomischen Gründen, aber auch im Hinblick auf die Weltausstellung Expo 2000. Seither setzen die Planer bei Renovierungen und Neubauten auf Ressourcenschonung.

Die Bahnreisenden werden gegenüber den Autofahrern benachteiligt

Unter anderem investierten sie in ein Lüftungssystem, das natürliche Luftbewegungen ausnutzt und deshalb weniger Strom verschlingt. Spiegellamellen in den Oberlichtern verringerten den Energiebedarf für die Beleuchtung der Stände, Recyclingkonzepte den gigantischen Müllberg, den Aussteller und Besucher hinterließen. Außerdem wurde die Heizung von Öl auf das abgasärmere Erdgas umgestellt. Allerdings fällt ausgerechnet die größte Messe nach wie vor in die Heizperiode: Der Termin Anfang März brachte der Cebit schon mal den Spitznamen „Schneebit“ ein. Doch die Aussteller wollen es angeblich nicht anders.

Solange zudem die Bequemlichkeit der Autofahrer besser bedient wird als die der Bahnfahrgäste, bleibt als Beitrag zur Rettung des Weltklimas nur noch der moderne Ablasshandel, wie ihn 3C und Konkurrenten wie Atmosfair oder Greenmiles vermitteln. Bei Kongressen und großen Sportveranstaltungen ist der Kauf von Klima-Zertifikaten bereits im Kommen. So ließ sich der Münchner Verleger Hubert Burda vom Berliner 3C-Büro im vorigen Januar die Zukunftstagung Digital Life Design (DLD) ökologisch schönrechnen. Da die Consulter dafür geradestehen, dass das gespendete Geld tatsächlich in Projekte investiert wird, die der Umwelt ebenso viel Kohlendioxid ersparen, wie die Teilnehmer verbraten haben, dürfen sich die Veranstalter mit dem Prädikat „klimaneutral“ schmücken.

Doch die bisher entwickelten Freikauf-Konzepte passen nicht auf Mammutveranstaltungen wie die Cebit. Für eine seriöse Kalkulation des CO₂-Fußabdrucks einer Messe müsse eine Vielzahl von Parametern erfasst werden, erklärt Mara Zirnen von 3C: „Wer reist von wo mit welchem Verkehrsmittel an? Wie viele reale Personen verbergen sich hinter den Besucherzahlen, die nur die Summe der Drehkreuz-Betätigungen abbilden? Hinzu kommen Heizkosten, Beleuchtung, Stromverbrauch der Computer, Shuttle-Sprit, Standbau und Catering.“ Wer es bei einem so komplexen Großereignis perfekt machen will, läuft Gefahr, den Aufwand für die Datensammlung auf die Spitze zu treiben, bis er in keinem Verhältnis mehr steht zur überschaubaren Investition in Emissionszertifikate.

So bleibt der Messegänger am Ende doch allein mit seinem schlechten Gewissen – allerdings nicht ohne Chance, Gutes zu tun. Wenn die Ablass-Profis schon nicht dem gesamten Event die Absolution erteilen, kann sich der Besucher via Internet beim Klimadienst seines Vertrauens individuell freikaufen. Sei es für die Fahrt zur Cebit oder zur nächsten Automobilausstellung. Und: Jeder kann dabei ohne Probleme mehr Kilometer angeben, als er wirklich fährt.

Tod an der elektrischen Schnur

Regen Sie sich um Himmels willen am Flughafen nicht auf! Sonst trifft Sie noch der Schlag – mit 50.000 Volt.

Meine Mutter hatte schon in prähysterischer Zeit Angst vorm Fliegen. Was mich auf den Tod ängstigt, sind Flughäfen – nicht etwa, weil mich in der Schalterhalle ein Koransuren rezitierender Assistenzarzt mit seinem brennenden Jeep überfahren könnte. Es ist das Bodenpersonal: Soll ich mein Leben technischen Analphabeten anvertrauen?

Nehmen wir den Fall der MIT-Studentin Star S., die ihren Freund abholen wollte. Am Shirt trug die 19-jährige eine handgelötete Brosche mit grünen LEDs; in der Hand hielt sie ein Werbegeschenk, einen Batzen Knetmasse. Die Schlaumeierin vom Infodesk kombinierte: Zünder, Plastiksprengstoff, was sonst? Flugs war Star umringt von einem Rudel MP-bewehrter Cops. Bei der kleinsten falschen Bewegung, räumte der Polizeichef ein, wäre sie präventiv durchsiebt worden. Sie kam mit einer Strafanzeige davon. Ihr Verbrechen: Tragen einer Bombenattrappe.

Robert D. bewegte sich falsch. Der Pole wollte zu seiner Mutter nach Vancouver, kam aber mangels Sprachkenntnis nicht durch die Einreisekontrolle. Nach zehn Stunden hinter Glas drehte der Unverstandene durch, bis Polizisten ihn mit zwei 50-Kilovolt-Ladungen
aus der Taser-Elektroschockharpune niederstreckten. Exitus.

Die versehentliche Hinrichtung schockte Kanada. Doch der Hersteller beharrt darauf, die Waffe sei nicht tödlich, die Stromstärke zu gering. Im Dementieren hat er ja Routine: Schon manchem Getroffenen blieb – etwa vor Schreck? – einfach das Herz stehen. Und wenn jemand beim Zusammenbrechen mit dem Schädel auf den Marmorboden knallt, kann doch die Waffe nichts dafür.

Auch wir dürfen die Geräte nicht verteufeln. Von ihrem Prinzip – „erst schießen, dann fragen“ – sind auch deutsche Innenminister angetan. Warum sollten sie sich beirren lassen von Meldungen, wonach bereits 300 Menschen den Tod an der elektrischen Schnur gestorben sein sollen? Das heißt doch nur, dass bald sämtliche Risiken, Nebenwirkungen und Kontraindikationen untersucht sind. Dann kann man die Paralysepistolen unbesorgt auch deutschen Airportbeschützern in die Hand geben. Bevor sie abdrücken, müssen sie nur sorgsam den Beipackzettel lesen. Wenn der zornige Passagier schlau ist, nutzt er diese Zeit, um sich wieder abzuregen: Es ist seine beste Chance zu überleben.

Aus der Technology Review 1/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Spin-Off: Edel und hilfreich

Das Starnberger Unternehmen Interactive Wear integriert Elektronik in luxuriöse Kleidung – und wenn alles glattgeht, bald auch in ganz normale Arbeitsanzüge.

Der Backofen ist gefüllt und auch schon heiß, doch von Essensduft keine Spur. Auch der Blick durch das beschlagene Sichtfenster lässt einen rätseln: Seit wann dünstet man Tagliatelle im Ofen? Erst von Nahem betrachtet entpuppen sich die geruchsneutralen Bandnudeln als Textilbänder mit eingewebten Leiterbahnen – Komponenten für das, was in der Modebranche „intelligente Kleidung“ heißt und bei Techies „Wearables“.

Im Konzert mit zwei Waschmaschinen und einem Wäschetrockner macht der zweckentfremdete Herd die Küche der Starnberger Interactive Wear GmbH zum veritablen Forschungslabor. Markus Strecker, im zweiköpfigen Vorstand für Technik zuständig, „Spin-Off: Edel und hilfreich“ weiterlesen

Code like a girl

Beim Stichwort Ästhetik denkt nicht jeder zuerst an Programmcode. Dabei haben erfahrene Software-Architektinnen und Software-Architekten einen sechsten Sinn für verborgene Schönheit. Sie erkennen mangelnde Qualität bereits an Äußerlichem: Was ihnen „hässlich“ erscheint, bewährt sich nicht.

Der Onlineshop „Modern Coder“ hat eine klare Zielgruppe: weibliche IT-Fachkräfte. Der typischen Software-Entwicklerin, die zu viel arbeitet und keine Ruhe hat für einen Einkaufsbummel, liefert der Versender kesse Klamotten frei Haus – T-Shirts und Sweatshirts in schicken Schnitten von gertenschlank bis ernährungstechnisch herausgefordert. Sich schön anzuziehen, ist für die Kundinnen aber nur ein Grund, bei „Modern Coder“ zu ordern. Der Clou an den Textilien ist der applizierte Text: „code like a girl“.

Der neofeministische One-Liner, der auch Accessoires von der Handtasche über Einkaufsbeutel und Kaffeepötte bis zum Bumper Sticker schmückt, wendet ein männliches Vorurteil gegenüber Frauen zum Vorbild: „Girl Code“, das neue Synonym für „schön“ geschriebene Programme, war ursprünglich eine Metapher mit gehässigem Unterton. Wer Code schreibt „wie ein Mädchen“, konzentriert sich nicht aufs Wesentliche, sondern glättet hier und striegelt da, bis auch das letzte Strähnchen richtig sitzt. Echte Männer haben es nicht nötig, auf die Ästhetik ihres Outputs zu achten. Sie sind effizient und pragmatisch, lassen Ecken und Kanten stehen und folgen der Devise: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Wer da die tumben Machos aus Rich Tennants genialem Cartoon-Klassiker „Real Programmers“ vor Augen hat, ist also im richtigen Film. „Code like a girl“ weiterlesen