Durchlauferhitzer gesucht

Wer wissen möchte, welche Anforderungen „die auflagenstärkste überregionale Qualitäts-Tageszeitung Deutschlands mit Sitz in München“ an ihre Mitarbeiter stellt (und welche nicht) und was sie ihnen (nicht) bietet, für den war dieses Inserat in der Wochenendausgabe erhellend:

Für den Ausbau unserer digitalen Produkte suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt

freie Journalistinnen und Journalisten

Ihre Aufgaben:
• in kürzester Zeit auch umfangreiche Texte erfassen, aufbereiten und in Überschriften sowie Teasern interessant ankündigen;
• journalistische Inhalte aus allen Ressorts von Politik bis Sport multimedial anreichern; „Durchlauferhitzer gesucht“ weiterlesen

Bisschen spät, Herr Bissinger!

Schade, dass Manfred Bissinger in seiner aktiven Zeit keine Zeit hatte, über die Dinge nachzudenken, von denen er heute schreibt:

„Und noch etwas dämmerte den Managern zu spät: Dass das Internet ein genialer Marktplatz sein könnte, genialer als alle Rubriken es in ihren Objekten je waren. Warum ist Ebay keinem Verlag eingefallen?“

Manfred Bissinger 2011

Ja, warum eigentlich nicht? Chefredakteure wie Bissinger (dessen Gehalt freilich nicht an Rubrikanzeigen hing) hätten ihre Arbeitgeber vielleicht warnen können – wenn sie denn selbst eine Ahnung gehabt und die 21.-Jahrhundert-Zukunftsstories ihrer Mitarbeiter nicht als Science-fiction abgetan hätten. Eigentlich hätten die Verlagshierarchen aber auch nur die Print-Fachmedien für die IT- oder die Werbebranche zu lesen brauchen. Ohne schlaumeiern zu wollen: Für meine Kollegen bei diesen Magazinen (auch für mich) waren diese Entwicklungen schon im vorigen Jahrhundert ein Thema. Aber den Zeitungsverlegern ging es so gut, dass sie davon nichts wissen wollten. „Bisschen spät, Herr Bissinger!“ weiterlesen

Pfister ist kein Verräter

Es ist schon seltsam, mit welch pathetischem Furor sich Stephanie Nannen über den „Henri“ alias Egon-Erwin-Kisch-Preis für René Pfister ereifert. Die Enkelin, die nach eigenem Bekunden mit ihrem Opa kaum über dessen Arbeit gesprochen hat, schreibt im Hamburger Abendblatt über den „Skandal“:

„Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben.“

Laut Kress-Autor Christian Meier sehen das die Juroren Kurt Kister, Peter-Matthias Gaede, Frank Schirrmacher und Mathias Müller von Blumencron nicht so eng. Wenn man es nüchtern betrachtet, geht es eigentlich nicht um ein Fehlverhalten des Kollegen Pfister, sondern um die grundsätzliche Frage, ob die klassische Reportage nicht längst den heutigen Arbeitsmethoden und -bedingungen zum Opfer gefallen ist. „Pfister ist kein Verräter“ weiterlesen

Wissen wie: Paid Content for free

Die FTD verlangt – was im Prinzip richtig ist – Geld für gute Arbeit. Aber leider müssen nur die Besucher von ftd.de bezahlen. Bei zwei von Kress-Redakteur Marc Bartl als Beispiel genannten Texten…

„Agenda – Letzte Chance für die Genkartoffel von BASF“

„Übernahme von Hochtief – Spanier blamieren BDI-Chef“.

…kann jeder, der das nötige – ähem – Wissen hat, die Zahlschranke umgehen. Hier kostet Amflora Geld, hier nicht. Hier ist Hochtief Premium Content, hier nicht. Bitte nachbessern, Kollegen! So tue ich mich schwer, für Paid Content zu werben.

Science-fiction-Zombie in der SZ: Der Kühlschrank-Füll-Dich

Aus der Süddeutschen Zeitung

Nein, den Kühlschrank-Füll-Dich gab es nicht, gibt es nicht und wird es nicht geben, aus den verschiedensten technischen und psychologischen Gründen. Er ist und bleibt eine Urban Legend, die zurückgeht auf zwei Kühlschränke mit Touchscreen-Monitor in der Tür. Niemand wollte die Dinger haben. Ob der Kühlschrank selbst die Milch bei einem Online-Shop bestellt oder nur seinem Herrchen eine Mail aufs iPhone schickt, ist Nebensache.

Ich habe den Kollegen, dem diese literarische Ausschmückung eines Technik-Themas eingefallen ist, gebeten, solche von Experten als „Running Gag“ klassifizierten Storys künftig für sich zu behalten. So etwas lässt uns Journalisten als Dampfplauderer erscheinen, die einfach irgendwas hinschreiben.

Und ich bitte hiermit die Redaktion der SZ darum, Beiträge von freien Kollegen, in denen derart kühne Behauptungen stehen, nachzurecherchieren, statt aus dem größten Unsinn auch noch Zwischentitel zu bauen.