Tief gesunkenes Lexikon

Es gibt Anlass, das Aktuelle Lexikon der Süddeutschen Zeitung (Print, heute) durch den Kakao zu ziehen –  quasi nachträglich, denn tief gesunken ist es schon.

Eigentlich ist über Bohne und Getränk alles hunderttausendmal geschrieben worden. Aber gerade wird der Rohstoff teurer, weil es an der Elfenbeinküste drüber und drunter geht, also darf der Kakao mal wieder als lexikalisches Stichwort herhalten.

Um die Zeilen vollzukriegen, bemüht das Redaktionsmitglied vom Sonntagsdienst den berühmten Erich-Kästner-Spruch – und behauptet wider alle Logik, Kästner habe das Durch-den-Kakao-Ziehen erfunden. Nein, der Aphorismus hätte nicht funktioniert, wenn es die Redewendung nicht längst gegeben hätte. Kästner setzte nur gekonnt eins drauf, indem er den Durchgezogenen riet, die Plörre nicht auch noch zu trinken – wohl wissend, dass Kakao ein Euphemismus für ein ähnlich klingendes Wort aus dem Fäkalbereich war.

Popeye und die 14 Radfahrer

Wissenschaftsjournalisten müssen Komplexität reduzieren, auf Deutsch: vereinfachen. Das ist ihr Job. Die Frage ist aber: In welchem Maße sollen und dürfen sie das tun?

„Her mit dem Salat“, fordert die Kollegin Christina B. von der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung (26.2.2011). Kürzer und bündiger geht’s kaum. Auch die Unterzeile versteht man ohne Abitur:

„Lange warnten Fachleute vor zu viel Nitrat im Wintergemüse, dabei ist das sogar gut für die Gesundheit.“

Muss ich da noch weiterlesen? Zeit für die Lektüre eines ganzen Vierspalters verplempern? Es ist doch auch so schon alles klar. Fachleute sind Idioten, auf die muss man nicht hören. In seinem Vorurteil bestärkt, kann Klein-Fritzchen ab sofort hemmungslos drauflos futtern. Nächstes Thema…

Stopp! Noch mal zurück auf Anfang und den Logik-Detektor eingeschaltet. Also: Wer behauptet hier, dass Fachleute irren? Fachleute können es nicht sein, sonst würden sie wohl kaum so pauschal Fachleute angreifen. Also müssen es Laien sein. Aber ist das, was Laien sagen, von Belang? Ist es einen Vierspalter auf einer Seite wert, über der „WISSEN“ steht und nicht „MUTMASSUNGEN“? „Popeye und die 14 Radfahrer“ weiterlesen

Gut-, besser-, Summa-cum-Laudtenberg

Schon erstaunlich, wie viele Menschen ungeniert die akademische Arbeitsweise von Dr. cut. paste. Karl-Theodor usw. Freiherr von und zu Guttenberg bagatellisieren! Beispielhaft sei (neben Franz Josef Wagner) der tagesthemen-Kommentator Sigmund Gottlieb genannt, der vermutlich von Plagiatoren in seinem bisherigen Berufsleben verschont geblieben ist.

Des Ministers publizistische Verteidigungstruppe vertritt also den interessanten Standpunkt, für den Beschuldigten gelte die Unschuldsvermutung. Dieser Terminus stammt aus dem Strafrecht und spielt normalerweise nur bei Offizialdelikten eine Rolle: Erst wenn der Strafrichter jemanden abgeurteilt hat, darf diese Person als Täter bezeichnet werden. Niemand hat das Recht, sie „vorzuverurteilen“.

Nun fallen Urheberrechtsverstöße wie im Fall Guttenberg lediglich in die Kategorie der Antragsdelikte. Nach meinem Kenntnisstand fordern die Urheber, die sich unfreiwillig als Co-Autoren der unrühmlichen Dissertation wiederfanden, lediglich eine Entschuldigung, aber niemand hat bisher Anzeige erstattet.

Folgt man der Logik der Verharmloser, dürfte Guttenberg niemals als Plagiator bezeichnet werden, weil sich ohne Kläger kein Richter seiner annehmen wird.

Halten wir also noch einmal fest:

1. KT ist höchstpersönlich für den Inhalt der Doktorarbeit verantwortlich, da niemand anders sie für ihn hätte schreiben dürfen.

2. Es befinden sich reichlich Textpassagen darin, die nachweislich, vollkommen unzweifelhaft von anderen Autoren stammen.

3. Gerade die Einleitung einer wissenschaftlichen Arbeit kann per definitionem nicht schon absätzeweise in der Zeitung gestanden haben, schon gar nicht unter dem Namen einer anderen, real existierenden Person. Sinn und Zweck der Einleitung ist ja zu begründen, was den Neuheits- und Originalitätswert des Werks ausmacht. Bereits von anderen gedachte und sogar dokumentierte Gedanken als Dissertation einzureichen ist das Gleiche, als würde man eine Erfindung Dritter, die längst Stand der Technik ist, zum Patent anmelden.

3. Der Autor der Dissertation, von dem ich zu Gunsten (!) Guttenbergs annehme, dass er es selbst war, hat sogar Passagen leicht redigiert, was bei einem Zitat, dem nur aufgrund eines Versehens die Gänsefüßchen fehlen, überhaupt nicht möglich wäre. Ein Zitat ist immer wörtlich, man kann höchstens etwas Nebensächliches weglassen und durch … ersetzen, aber nie eigene Worte einfügen, und sei es nur ein „womöglich“.

4. Der Minister wurde zwar auf nicht mehr ganz so frischer Tat – indes mit rauchendem Colt – ertappt, aber er hat Geschmack bewiesen. Sein Ragout vom Axolotl ist nur mit besten Zutaten, äh, Zitaten gewürzt, denn sonst wäre am Ende der Küchenschlacht kein Summa cum laude dabei herausgesprungen, sondern angesichts der Zahl der ohne ihr Wissen involvierten Textköche ein verdorbener akademischer Brei.

1000 Kilowatt pro Stunde…

…seien heute kein hoher Verbrauch, meint ein Verbraucherschutzschreiber der Süddeutschen (im heutigen Wirtschaftsteil, Print S. 25).

Vermutlich wollte er uns mit diesem Nonsens-Satz sagen, ein Pro-Kopf-Verbrauch von 1000 Kilowattstunden im Jahr sei nicht hoch. Wer aber 1000 Kilowatt verbraucht, egal ob eine Stunde oder länger, braucht während dieser Zeit ein ganzes Atomkraftwerk für sich allein.

Das Seltsame ist, dass der Autor im selben Text dann noch eine „Kilowatt-Stunde“ auftreten lässt, mit Binde-Strich. Er kennt die physikalische Einheit also zumindest vom Hörensagen. Vermutlich hält er sie für eine Zeiteinheit.

Nun gut, hypothetisch wäre es denkbar, dass der Kollege den Stuss gar nicht so geschrieben hat. Vielleicht hat ihm ja ein diensthabender Redaktor dieses rufschädigend dumme Zeug ins Manus gefummelt. Dann wäre es allerdings Mobbing der allerfiesesten Art.

Was auch immer dahintersteckt: Der Redakteur, der diesen blamablen Text freigegeben hat, gehört fristlos in ein Ressort versetzt, in dem er keinen Zugang zu Zahlen, Naturwissenschaft und Technik hat.

SZ gibt 20 % Rabatt auf MX-5

„…der japanische Autobauer Mazda gewährt 20 Prozent auf Sportwagen…“

Eine Ente in der Süddeutschen von heute, erschienen im Wirtschaftsteil unter der Subhead „Das soziale Netzwerk Facebook startet seinen Schnäppchendienst nun auch in Deutschland„. (Richtig ist: Die britische Mazda-Niederlassung bietet den besagten Facebook-Deal für ein Modell – den MX-5 – an. Münchner Mazda-Händler wunderten sich heute früh vermutlich über die plötzliche Nachfrage.)

P.S.: Facebook ist keine Sozialeinrichtung, demnach auch kein soziales Netzwerk. Sondern ein kommerzielles Unternehmen, dessen Geschäftsmodell es ist, zu Marketingzwecken ein Online-Kontaktnetz zu betreiben. Wortpingelei? Mitnichten. Das ist kein feiner Unterschied, sondern ein ziemlich grober.