LaRoches Erben

Der Journalist, Dozent und Blogger Christian Jakubetz hat Großes vor: Er will im Grassroots-Verfahren ein Lehrbuch für angehende Journalismus produzieren, das in die Zeit passt. So ein Werk fehlt tatsächlich: Walther von LaRoche ist tot, seine „Einführung in den praktischen Journalismus“ antiquiert. Da sonst niemand die Lücke schließt, rafft sich der Kollege aus Niederbayern auf – einer muss es ja tun. Oder eben nicht einer allein, sondern ein virtuelles Team. Einen Verlag, sagt er, braucht man heute nicht mehr dazu.

Ob sich der Idealismus auszahlt? Erste Gedanken dazu habe ich bei Bluelectric gepostet.

Ver-Störer-Anzeige

Kennen Sie Störer? Nein, nicht die Leute, die Veranstaltungen sabotieren und Redner niederbrüllen. Störer sind vergleichsweise billige Kleinanzeigen, mit denen ein Inserent die gleiche Aufmerksamkeit erhascht wie mit einer teuren Großfläche. Der Trick: Man drängt sich in den redaktionellen Text. Wenn man als Störer ein Foto verwendet, denkt der Leser im ersten Moment, es handle sich um das Bild zum Text. Bis im Verstand die Meldung angekommen ist, dass statt einer redaktionellen Bildunterschrift nur die typografisch minimalistische Dachzeile „ANZEIGE“ zu finden ist, hat das Foto die vom Werbetreibenden angepeilten Zielsynapsen längst erreicht.

Der Trick kann aber haarscharf daneben gehen – wie der Schuss eines baskischen Terroristen. Was suggerieren die Reizworte „Eta“, „Waffen…“, „Gewalt“ über diesem Foto? Richtig: Für 500 Millisekunden denkt man, die iberischen Übeltäter hätten einen deutschen Heimwerkermarkt attackiert.

Ich weiß nicht, ob die Platzierung Absicht war. Falls nicht, sollte man der SZ-Redaktion zumindest danken für die unfreiwillige Anregung, wie man die Störer verjagen und die Kundschaft zum Buchen teurerer Anzeigen motivieren könnte.

Bei der nächsten AKW-Panne in Weitweggistan böte sich an, als Störer ein Werbefoto von Vattenfall, RWE oder EnBW einzuklinken, bei einem Bericht über Verbraucherschutz das einer Mobilfunkfirma; und die BASF ist sicher begeistert, wenn ihr Inserätchen eine Story über Gefahren der Genmanipulation illustriert. 😉

Süddeutsche Litfaß-Stelen

Heute irritiert die Münchner Leib- und Magenzeitung wieder mal den gebildeten Teil ihres Publikums mit ein paar sonderbaren Einfällen:

Ein Foto zeigt die dicken fetten Betonpoller, mit denen die Stadt München sicherstellen will, dass etwaige Selbstmordislamisten-Sprengstofflaster wenn überhaupt, dann nur weit vor dem eigentlichen Festgelände detonieren. Es handelt sich, wie man unschwer erkennt, um zwar frei stehende, nicht aber mit einem Relief oder einer Inschrift versehene Säulen – so definiert das Duden-Fremdwörterbuch den griechisch-stämmigen Begriff Stele. Die Wikipedia präzisiert, unter einer Stele verstehe man meist einen hohen, rechteckigen Pfeiler, beispielsweise einen Obelisken. Von einer Plakatierung wie auf dem Foto wissen die Quellen nichts zu berichten. Insofern sagt das SZ-Bild mal wieder mehr als viele Worte: Bei den Objekten handelt es sich – von der städtebaulich-optischen Qualität her – schlicht und banal um ordinäre, etwas zu niedrig geratene Litfaßsäulen. „Stele“ ist nun nicht direkt als deren bildungsbürgerliches Synonym zu verstehen und schon gar nicht als Euphemismus (selbst wenn die Stadtverwaltung dies glauben sollte): Eine typische Stele dient als Grabmal. Und hier beginnt die sprachliche Unsauberkeit endgültig makaber zu werden. „Süddeutsche Litfaß-Stelen“ weiterlesen

Der Troll von der Bundesbank

Soll ich zum Umgang der Medien mit Thilo S. was posten? Diese Frage habe ich mir schon vor ein paar Tagen gestellt — und erst mal nix getan. Dann kam im Jonet, einer Mailingliste meiner Zunft, die Debatte auf, ich gab meinen Senf dazu, und eine Kollegin meinte, ich solle das doch auch öffentlich machen. Die Frage war: Was ist von der Diskussion im Leserforum der taz zu halten? Und: Ist das rassistisch, was der Mann schreibt?

Hier also mein Senf:

Mir fällt es schwer, mich überhaupt mit jemandem auseinanderzusetzen, der die These vertritt, dass Menschen aus überwiegend islamisch geprägten Ländern wie der Türkei grundsätzlich, nun ja, ökonomisch nutzlos für Deutschland seien, christliche Südeuropäer aber natürlich wertvoll. Abgesehen davon, dass nun wirklich nicht alle Türken fromme Muslime sind, atmet solch eine Pauschaleinschätzung den gleichen „Geist“, der auch rassistische Äußerungen prägt.
Mir ist es ehrlich gesagt wurscht, ob jemand ein rassistisches Scheusal ist oder ein pseudoreligiös motiviertes.

Für mich ist das, was dieser Herr von der Bundesbank mit breiter Unterstützung der Medien „Der Troll von der Bundesbank“ weiterlesen

Öko-Billig-Label

Mensch, bin ich naiv. Ich habe immer geglaubt, das Öko-Test-Magazin des SPD-Verlags DDVG befasse sich mit der ökologischen Korrektheit von Waren.

Nein, Öko steht ganz offensichtlich für Ökonomie. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich mal diese Werbung an. Sie stammt aus dem hauseigenen Anzeigenblatt “Tip der Woche” vom Kaufland, einem Unternehmen des Lidl-Konzerns Schwarz. Die roten Tester testen Billigwaren darauf, ob man sich an ihnen den Magen verdirbt. Sind sie gut genug, dass das Gewerbeaufsichtsamt keinen Grund hätte einzuschreiten, gibt es eine tolle Note, mit der das Unternehmen irreführend werben darf.

Na gut, das „irreführend“ nehme ich lieber zurück. Nicht mal der allerdümmste Konsument kann annehmen, dass frisches Hackfleisch für 2,58 Euro pro Kilo wirklich von einem umwelt- und tierschutzgerecht geführten Hof kommt. Dafür gäbe es ja nur eine Erklärung: Der Bauer arbeitet ehrenamtlich und schießt noch Geld zu. Oder verkaufen die Lidls jetzt etwa unter Einkaufspreis, damit sich die armen Verbraucher mit gesundem, umweltfreundlichem Fleisch verantwortungsvoll den Wanst vollschlagen können?