Suchmaschinen-Fernsehen

„Es wird wohl irgendwann Suchmaschinen-TV geben, und auch die ARD könnte darauf vorbereitet sein.“

Christopher Keil, Süddeutsche Zeitung, Medienseite vom 20.2.2012

Kollege Keil hat Ex-Regierungssprecher Ulrich Wilhelm besucht, der seit einem Jahr Intendant des Bayerischen Rundfunks ist. Jetzt frage ich mich, was Suchmaschinen-TV ist. Die Google-Tochter Youtube kann er nicht meinen, die gibt es ja schon. Wahrscheinlich kenne ich mich einfach mit Internet- und Medienthemen  nicht aus.

Ja, das muss es sein.

Harnstoffsaures Autofeuilleton

Thomas Steinfeld schreibt oft kluge Sachen – als Feuilletonredakteur bei der SZ. Heute entdeckte ich seinen Namen leider im „Mobilen Leben“, unter einem Luxus-Auto-Test-Text. Es handelt sich hierbei um eine nur mühsam durch Seitenhiebe kaschierte Eloge auf einen 2,2-Tonnen-Daimler des Typs ML350 Bluetec 4Matic. Kollege Steinfeld durfte den mit Sonderausstattung (!) im Listenwert von 34.337,45 Euro (mehr als der Basispreis eines Mercedes C180) ausgestatteten Testwagen durch den verschneiten Appenin steuern – und war so beeindruckt, wie es wohl jeder von uns gewesen wäre, der aufgrund seiner Einkommensklasse sonst ein bescheideneres Automobil lenkt. Das Pech ist, dass der Leser dies merkt.

Wenn eine Zeitung über eine 93.000-Euro-Kutsche überhaupt berichtet, gibt es eigentlich nur zwei Optionen: Entweder man gibt sich ernsthaft sozialkritisch und geißelt konsequent das Dinosaurierhafte  solcher Gefährte. Oder man entscheidet sich dafür, jenen paar Lesern, die in der Lage sind, sich so ein Teil als Dienstwagen zu leisten, Nutzwertjournalismus zu bieten – also zu schauen, ob der Käufer für den Gegenwert eines Einfamilienhauses in der Rhön eine halbwegs angemessene Gegenleistung erhält. Auf Letzteres versteht sich etwa Georg Kacher, ein Kollege, dem man abnimmt, dass er notfalls auch selbst ein Fahrwerk konstruieren und eigenhändig zusammenschweißen würde.

Dass ein Kulturredakteur den naturwissenschaftlich-technischen Anforderungen einer solchen Aufgabe nicht gewachsen ist, merkt man spätestens an folgendem Satz:

„Am Ende kommt dann, trotz Harnstoffsäure, ein Verbrauch von neun bis zehn Litern auf hundert Kilometer heraus.“

Liebe Leute, der Zusatz AdBlue dient nicht der Senkung des Spritverbrauchs, sondern der Schadstoffreduktion. Er ist auch keine „Harnstoffsäure“, nicht einmal Harnsäure, sondern (wie in der Wikipedia nachzulesen) „eine wasserklare, synthetisch hergestellte 32,5-prozentige Lösung von hochreinem Harnstoff in demineralisiertem Wasser, die zur Nachbehandlung von Abgasen in einem SCR-Katalysator benutzt wird“. Zu allem Überfluss steht dann unter dem Artikel noch ein Kästchen „Daten & Preise“, dem zu entnehmen ist, dass die Offroad-Kombilimousine nicht neun bis zehn, sondern sogar 10,9 Liter soff.

Keine Ahnung, womit sich der Feuilletonist verdient hat, ein solches Automobil „testen“ zu dürfen. Jedenfalls warte ich jetzt gespannt auf die Rache des Mobilen Lebens – die große Literaturrezension durch einen Autoredakteur.

Pflichtbesessen

Oh wei oh wei, wer hat bloß DEN Text…

„Anders als Rossmanns GmbH oder die „GmbH & Co. KG“ von dm besaß der Marktführer keine Publikationspflicht.“

…im Handelsblatt redigiert, der sich um Anton Schlecker dreht?

Inhaltlich: Nur weil Schlecker die meisten Läden angemietet hat, ist er noch lange nicht Marktführer. (Außerdem findet man im Elektronischen Bundesanzeiger durchaus eine Menge Zahlen von Schlecker-Firmen, nur halt keine Konzern-Gewinn- und Verlustrechnung.)

Sprachlich (und das ist noch viel schmerzhafter): Eine Pflicht besitzt man nicht. Besitz erwirbt man, und man kann ihn auch wieder verkaufen. Einer Pflicht unterliegt man, oder man wird ihr unterworfen. Anders gesagt: Hier bringt die Redaktion Aktiva und Passiva durcheinander.

 „Laut „FAZ“ soll der nächste Termin für eine ähnliche Zahlung an die Einkaufsgemeinschaft Markant, der auch andere Firmen wie Edeka angehören, dem Vernehmen nach schon in der nächsten Woche anstehen.“

Seit wann gehört bitte Edeka zu Markant?

Handelsblatt zeigt Fitness-Schwäche

Vom Handelsblatt darf man erwarten, dass es dpa-Wirtschaftsmeldungen nicht unbesehen  übernimmt. Es ist aber passiert:

„Die Fitness First Germany GmbH … gehört mit McFit und Health City zu den drei großen Anbietern im Land.“

Tja, das stimmt nicht. McFit ist der Größte von der Mitgliederzahl her, aber Injoy und Kieser haben die meisten Studios. Fitness First (um die es in der Meldung geht) liegt nur auf Rang 4, Health City kommt mit 22 Standorten unter „ferner liefen“.

Lauffs Leviten lesen!

Es ist viiiieeelll Text, den Werner Lauff uns zum Jahreswechsel zumutet, aber jeder Medienmensch sollte sich die Zeit für seinen medienjährlichen Rück- und Ausblick nehmen – vor allem die Führungskräfte der Branche. Lauff hat buchstäblich alles, was in der Medienwelt derzeit abgeht, analysiert, sortiert, strukturiert, in den Zusammenhang gestellt. Die Einzelfakten kennt man, aber hier wird das große Bild sichtbar.

Pflichtlektüre! (bei Kress.de)

„Die Verantwortung spüren

…Ein Ereignis wird binnen Stunden zum dominierenden Thema. Danach bleibt es wochenlang in den Schlagzeilen, wobei jede Sekundärmeldung – eine These, eine Forderung, ein Gerücht – recht zu sein scheint. Von einem Tag auf den anderen verschwindet das Thema dann wieder in der Versenkung, als sei der Fortgang der Angelegenheit kein Wort mehr wert…

…Der Wettbewerb um Nachrichten ist so groß, dass zum Nachdenken kaum Zeit bleibt. Die meisten Redaktionen sind mit zu vielen Themen befasst und können weder Erfahrung noch Expertenwissen abrufen. … Journalisten werden permanent zum Verdichten animiert. Doch viele Hochrechnungen auf tiefere Absichten oder gar Strategien, die auf diesem Weg zustande kommen, liegen weit neben der Sache. Die häufigsten Probleme sind assoziative Fehlschlüsse, Fehlgewichtungen von Anlass oder Äußerungsmodus sowie elementare Unkenntnis über die Historie, die Zusammenhänge und die Interessen der handelnden Personen. …

Viele dieser oberflächlich zustande gekommenen Artikel in Nachricht-Kommentar-Feature-Mischform können fatale Auswirkungen haben. Sie können blutige Reaktionen hervorrufen. Sie können Wirtschaft und Währung in Gefahr bringen. …“