Ich kriege zeitgleich eine Gänsehaut

Redakteuren der Süddeutschen, aber wohl auch der dpa und etlicher anderer Redaktionen ist es bei Prügelstrafe nicht unter zehn Schlägen aufs Gesäß verboten, das Wort „gleichzeitig“ zu verwenden. Damit sie das verpönte Tabuwort gar nicht erst verwenden und die Planstelle des hauseigenen Folterknechts eingespart werden kann, ist die Autokorrektur der führenden Redaktionssysteme inzwischen so eingestellt, dass „gleichzeitig“ schon während des Tippens durch das Modewort „zeitgleich“ ersetzt wird.  „Ich kriege zeitgleich eine Gänsehaut“ weiterlesen

Tonnenweise – na was sonst? Grammweise etwa?

„Tonnenweise“ sind laut einer Überschrift auf der „Panorama“-Seite der Süddeutschen gefälschte Bio-Futtermittel aus Italien nach Deutschland importiert worden. Ja sicher, denn den Nachrichtenwert eines grammweise oder kilogrammweise begangenen Agrarbetrugs müsste man in Milligramm messen. „Tonnenweise – na was sonst? Grammweise etwa?“ weiterlesen

Bengalische Weihnacht

Komisch, Kilometer und Stundenkilometer bringt niemand durcheinander. Nur mit Kilowatt und Kilowattstunden kriegen es viele Menschen, insbesondere unter meinen Journalistenkollegen, einfach nicht gebacken:

„Mit den 500 Millionen Kilowatt Strom, der durch Weihnachtsbeleuchtung zusätzlich benötigt werde, könnte man 141.000 Durchschnittshaushalte ein ganzes Jahr lang mit Energie versorgen.“ 

Süddeutsche Zeitung, Modernes Leben, 19.12.2011

500 Millionen Kilowatt, also 500 Gigawatt, wären ein Vielfaches der Leistung aller deutschen Kraftwerke. 500 Gigawattstunden (um die geht es natürlich) sind hingegen nur 0,8 Promille des deutschen Stromverbrauchs, wie die SZ witzigerweise im unmittelbar anschließenden Satz selbst ganz richtig erklärt.

Es liest halt keiner mehr gegen heutzutage.

Eine Lanze für den Leserbriefredakteur

Wenn in einer großen Zeitungsredaktion jemand einen wirklich undankbaren Job hatte, war es der Leserbriefredakteur. Er fischte aus dem Eingangskorb die Texte heraus, die interessante Gedanken enthielten, und filterte Hassreden, Wichtigtuerei und dummes Zeug weg. Er kürzte bei Bedarf Redundantes und verdichtete die Pro- und Contra-Äußerungen auf verdauliche Länge. Dafür hassten ihn alle, die sich nicht 1:1 (oder gar nicht) im Blatt wiederfanden, und auch sein Sozialprestige innerhalb der Redaktion war meist eher bescheiden.

Wie wertvoll die Arbeit eines Gatekeepers bei Leserbriefen war/ist, erkennt man, wenn man den Fehler macht, im falschen Online-Forum seine Meinung abzugeben – etwa bei welt.de, einer Website, die für solche Zwecke den Dienst disqus nutzt.

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Schwuler Landrat: SZ hat recht

Liebe SZ-Leserbriefschreiber Hülbig (Ergolding) und Wiesenberger (München),

wenn in Niederbayern ein junger, roter, evangelischer Landrat gewählt wird, der kein Geheimnis daraus macht, dass er schwul ist, dann ist es gut so, wenn die SZ das auch schreibt.

Das ist nämlich in diesem Fall keine Verletzung der Privatsphäre des Nachwuchspolitikers, sondern eine Nachricht über bemerkenswerte gesellschaftspolitische Veränderungen.

Früher wäre es in dieser Gegend schlimm genug gewesen, dass der Mann in der SPD ist, um nicht gewählt zu werden. Jung ging ja vielleicht gerade noch, evangelisch eher nicht. Aber schwul? Nie und nimmer wäre das toleriert worden.

Dass die Niederbayern jetzt so tolerant sind, dass ihnen alle vier Kontraindikationen nichts mehr ausmachen, ist eine Sensation, und die würde man schmälern, wenn man dieses eine Faktum dem Publikum unterschlüge.