„…es wäre fatal, zu früh auf die falschen Leute zu setzen.“
Fazit des Kommentars „Syriens undurchsichtiger Aufstand“, Süddeutsche Zeitung, 16. Juli 2011
Die netten Versicherungskonzerne
Die Nachdenkseiten widmen sich einem Stück in der SZ von gestern, das zeigt, wie naiv manche Jungkräfte in der Redaktion zu Werke gehen oder sich zu Werke treiben lassen, und dass es im Wirtschaftsteil zumindest an Qualitätsbewusstsein mangelt. Ich möchte nicht so weit gehen, den „schlimmsten Fall“ anzunehmen, den Jens Berger skizziert:
„Im schlimmsten Fall handelt es sich hierbei um ein sogenanntes „Advertorial“, also einer Mischung aus Werbung und redaktionellem Inhalt, für den ein Kunde gezahlt hat. Im besten Fall versucht die SZ „lediglich“ das zu erreichen, was in den Hochglanzprospekten für potentielle Anzeigenkunden gerne als „werbefreundliches Umfeld“ beschrieben wird. Kritik zählt zweifelsohne nicht dazu. Verlierer ist in beiden Fällen die Glaubwürdigkeit der Zeitung. Dabei hätte sich Frau Fichter nur bei ihrer SZ-Kollegin Herta Paulus erkundigen müssen. Paulus Artikel „Berufsunfähigkeitsversicherung – Schutz gibt es nur für gesunde Reiche“ erfüllt die Ansprüche, die man an eine Qualitätszeitung stellen muss. Der Unterschied zwischen Paulus Artikel aus dem Jahre 2008 und Fichters Artikel von heute ist dabei nur ein Beispiel für den zunehmenden Qualitätsverlust der Printmedien.“
via KNMD/Google+
Sprung in der Schüssel
Wahrscheinlich stammt der Bildtext auf Seite 1 „Hunger in Somalia“ nicht auch noch von Timofey Neshitov. Aber wenn dem so wäre, könnte man dem jungen Kollegen kaum einen Vorwurf machen. Es ist zwar gut zu sehen, dass man in dieser Waschschüssel nun wirklich kein Kind mehr baden kann, nicht einmal notdürftig. Bei dem Pensum, das der sehr gut (auch an der DJS) ausgebildete Neshitov gestern wegzuschaffen hatte, wäre aber unmöglich
mehr drin gewesen, als die unbeholfen getextete Caption (eingebetteter Agenturtext) der Associated-Press-Fotoreporterin Rebecca Blackwell flugs sinngemäß zu übersetzen und mit einem Verweis auf seinen Text auf Seite 7 zu versehen. Neben diesem
❏ Dreispalter fürs Ausland zum Hunger in Kenia (dort ist das überfüllte Lager, in dem die geflüchteten Somalier darben), verfasste er einen
Jede/s vierte, also 60 Prozent
„Jedes vierte Hotel wird im Internet gebucht.“
Unterzeile von „Zimmer mit Mausklick“, SZ vom 9. Juli 2011
„…sind Hotelreservierungen ohne Internet nicht mehr vorstellbar.“
Aus dem Lauftext von „Zimmer mit Mausklick“
Demnach sind also drei Viertel der realen Buchungen unvorstellbar? Interessant.
„…werden fast 60 Prozent der Zimmer hierzulande übers Netz gebucht.“
Aus dem Lauftext von „Zimmer mit Mausklick“
Ja, was denn nun?
„Fast jede vierte Reservierungen läuft mittlerweile über Internetportale.“
Aus dem Lauftext von „Zimmer mit Mausklick“ (buchstabengetreu)
Tatort dieser Leserverwirrung ist übrigens der Wirtschaftsteil, die Heimatbasis der Leute, die bekanntlich von allen Redakteuren noch am besten rechnen können.
Momentum mal
Der altphilologisch versierte Kollege Hermann Unterstöger nimmt sich in seinem Sprachlabor (Süddeutsche von heute, Forum) auf Leserwunsch des Begriffs „Momentum“ an, der sich in zweifacher Ausführung in einen Beitrag über US-Truppen in Afghanistan eingeschlichen hatte. Der hochgeschätzte Sprachpfleger Unterstöger sucht die Erklärung im Lateinischen, und wenn da nichts trefflich Passendes zu finden ist, so mag dies daran liegen, dass es sich um einen neulateinisch daherkommenden Anglizismus handelt, mit dem bereits das mit der Eindeutschung der amerikanischen Nachrichtenquelle betraute Redaktionsmitglied offensichtlich nichts hatte anfangen können.
Momentum ist seit einigen Jahren ein Modewort in den USA, es leitet sich ab vom sächlichen Moment (wie in „das Drehmoment“) und bedeutet ursprünglich Wucht oder Schwung, ist aber auch ein beliebtes Synonym für Dynamik, Vortrieb, Schmackes.
Das klingt alles leider nicht halb so hochtrabend, weswegen ich die Prognose wage, dass wir von Momenta (hoffentlich kommt keiner auf die weitere Missverständnisse provozierende Idee, den Plural „Momenten“ zu bilden!) noch viel lesen und hören werden.

