Rüstungswettlauf verkehrt

Afghanische Kinder laufen hier nach Ansicht der SZ-Redaktion mit einem Marder um die Wette. Das ist der Caption von Reuters-Fotograf Fabrizio Bensch freilich nicht zu entnehmen:

„Afghan children run beside a Marder armoured personnel carrier (APC) of the German Bundeswehr armed forces with the 2nd armored infantryman battalion 261 during a mission in Chahar Dara district in the outskirts of Kunduz, northern Afghanistan, December 16, 2010.“

REUTERS/Fabrizio Bensch

Wer genau hinschaut, bekommt seine Zweifel an der Bildzeile: Rennen die Jungs rückwärts? Es wäre schon seltsam, wenn der Schützenpanzer den Staub VOR sich aufwirbeln würde – und der gut sichtbare Soldat links der Bildmitte gegen die Fahrtrichtung schauen würde. Merke: Auch Kettenfahrzeuge haben (mindestens) einen Rückwärtsgang.

Also: Der Marder stößt gerade zurück, vielleicht bei einem Rangiermanöver; die Kinder laufen an ihm vorbei. Einen Wettlauf hätten sie eh nicht gewinnen können.

Technokratische Nachrichtenverwalter

Bernd Ziesemer war mal Chefredakteur des Handelsblattes, dann ging er zur Hamburger Ganske-Gruppe. Jetzt hat der Ex, der sich hauptberuflich nun mit Firmenheften befasst, ein Gastspiel bei seinem früheren Blatt gegeben – mit einer Rezension des Romans „Die Unperfekten“ von Tom Rachman. Unter der Headline „Tod einer Zeitung“ beschreibt Ziesemer das Werk als…

…kritische Schilderung eines schleichenden Niedergangs, der fälschlicherweise mit dem Wort „Medienkrise“ beschrieben wird, obwohl es im Kern um etwas anderes geht: um die Verdrängung der journalistischen Leidenschaft durch die technokratische Verwaltung von Nachrichten.

Ich weiß nicht, ob man den Roman gelesen haben sollte. Über das obige Zitat sollten jedenfalls einige Medienmacher mal nachdenken.

SZ.de kommentiert anonym

Wer hat's erfunden?

Im Web unter Pseudonym Kommentare abzugeben,  ist ja gang und gäbe bei Leuten, deren Mitteilungsbedürfnis stärker ausgeprägt ist als die Bereitschaft, zu ihrer Meinung auch zu stehen.

Ausgerechnet die Online-Ausgabe der Süddeutschen fügt dem jetzt den völlig anonymen Kommentar hinzu – etwas, was technisch nur der eigenen Redaktion möglich ist.

Worum geht’s? Um die Nachfolge von Wolf-Dieter Ring als Chef der BLM. Der oder die Urheberin ist darin so begeistert von seiner/ihrer an sich vernünftigen Idee, jemanden mit der Kompetenz und dem Auftreten einer Frauke Ancker an die Spitze der Landesmedienanstalt zu wählen, dass er/sie vergisst, dass die Gute seit ein paar Monaten im Ruhestand ist. Nun gut, Ring wird demnächst 70, ist also knapp vier Jahre älter als Ancker, die übermorgen 66 wird. Doch ihm hatte man – ähnlich wie dem früheren VG-Wort-Chef Ferdinand Melichar – den Vertrag verlängert, nachdem er den Job schon eine halbe Ewigkeit gemacht hatte. Die langjährige, oft unbequeme Medienrätin Ancker würde, so sie es denn machen wollte, aus einer kaum vergleichbaren Position starten, und selbst wenn ihre Kontrahenten im Medienrat über ihre Schatten sprängen, wäre spätestens 2015 Schluss.

Ohne die „Anckerin“ fragen zu können (sie ist derzeit im Urlaub) wage ich die Behauptung, dass sie über die sympathische Schnapsidee der SZ-Kollegen herzhaft lachen würde.

(Dank an Thomas Mrazek für den Hinweis.)

Facebook ist keine Internetseite…

…schon gar nicht die meistbesuchte der Welt, liebe Kollegen von der Süddeutschen. Und leider ist noch mehr schief auf der heutigen Aufmacherseite der Wirtschaft.

Richtig ist wohl: Die Website facebook.com/… hat inzwischen eine höhere Besucherfrequenz als Google.

„Site“ heißt nun mal nicht Seite, auch wenn es ähnlich klingt, sondern Standort oder Liegenschaft. Seite heißt „Page“. Den Unterschied kapieren viele digitale Immigranten unter den Journalisten leider auch nach 18 Jahren WWW noch nicht.

Auf der Webseite www.facebook.com, also der Homepage dieser Kommunikationsplattform, landen eigentlich nur Leute, die noch keinen Facebook-Account haben. Der normale Facebook-Nutzer geht gezielt zur eigenen Unter-Seite oder der eines Freundes. Bei Google dagegen steuern alle  Nutzer tatsächlich zuerst eine einzige Seite an, nämlich die Homepage mit dem Suchfeld.

Also noch mal zum Mitdenken: Wenn wir unterstellen, dass Facebook tatsächlich eine halbe Milliarde Nutzer hat, „Facebook ist keine Internetseite…“ weiterlesen

Warngebärden

„Industrielobby warnt vor europäischem Vorstoß zum Klimaschutz“

Was die Kollegen vom gedruckten süddeutschen Wirtschaftsteil mit dieser Unterzeile *) wirklich meinen: BDI-Geschäftsführer Werner Schnappauf droht damit, dass (die ?) Mitglieder seines Verbandes ihre Produktion ins Ausland verlagern, sollte sich die Europäische Union erdreisten, strengere CO2--Regeln einzuführen als der Rest der Welt.

Das Verb „warnen“ ist also nicht im Sinne von „seid auch immer schön vorsichtig, Kinder“ gemeint, sondern im Sinne des Machtworts „ich hab‘ Euch gewarnt“.

Hier die Drohgebärde Warngebärde Schnappaufs, wie sie in der SZ zitiert wird:

„Die EU kann dann ihr Treibhausgas-Reduktionsziel auf 30 Prozent aufstocken, wenn sich auch alle anderen Industrie- und Schwellenländer auf ehrgeizige Reduktionsziele und Emissionsobergrenzen verpflichten. Sonst verlieren wir in Europa und vor allem in Deutschland moderne Produktionsanlagen und Jobs.“

Es braucht also nur ein einziges dieser Länder „nö“ zu sagen, und schon machen die Werke reihenweise dicht. Der besondere Gag daran ist, dass wir dann nur „moderne“ Fabriken & Jobs „verlieren“ werden. Unmoderne, also unzeitgemäß CO2--lastige, bleiben uns erhalten.

*) Die Online-Kollegen, die den Artikel übernommen haben, bringen es übrigens deutlich besser auf den Punkt:

„Zugleich wehrt sich die Industrielobby allerdings weiter gegen einen europäischen Vorstoß beim Klimaschutz.“