Menschen unter Strom

Wehrhafte Deutsche machen mobil. Die Feinde stehen im eigenen Land. Von Geldgier getrieben überziehen sie Stadt und Dorf mit der Pest des 21. Jahrhunderts. Sie bringen mittels flächendeckender Mikrowellenstrahlung Krankheit, Tod und Verderben über Mensch und Vieh.

Weit über 50 Millionen Mitbürger sind schon hereingefallen auf die Propaganda der Missetäter und ihrer Komplizen in den Behörden – und fördern durch Benutzung eines digitalen Funktelefons das gemeingefährliche Treiben von Telekom und Vodafone, E-Plus und Viag Interkom. So weit die Propaganda der Rebellen.

Der Konflikt zwischen Mobilfunkgegnern und Netzbetreibern trägt längst Züge eines Glaubenskrieges – ein Handy-Dschihad, mit hohem Adrenalinpegel, ausgetragen in Bürgersälen, auf Leserbriefseiten und im Netz. Zum Einsatz kommen alle Waffen der modernen psychologischen Kriegsführung: Demagogie, Desinformation, elektronische Pranger für mutmaßliche Verdächtige, lokale Wirtschaftsembargos, Public-Relations, Werbung, Sponsoring. In manchen Gemeinden, speziell in Süddeutschland, fehlt mittlerweile zum echten Bürgerkrieg nur noch die physische Gewalt: Geschäftsleute, die Dächer oder Grundstücke als Standorte für Basisstationen an Telefonfirmen verpachten wollen, werden mit Boykottaufrufen zur Räson gebracht. Wer schon unterschrieben hat, wird massiv bedrängt, den Pachtvertrag anzufechten. Die in die Defensive gedrängten Firmen reagieren, indem sie sich auf baugenehmigungsfreie Standorte konzentrieren, in aller Heimlichkeit verhandeln und ihre Sendeantennen mit erstaunlicher Raffinesse vor den Blicken der Handygegner tarnen – was ihnen wiederum den wenig überraschenden Vorwurf der arglistigen Täuschung einträgt. „Menschen unter Strom“ weiterlesen

Stördaten gegen Hobby-Piraten

Musikindustrie. Mit ihrem Kampf gegen Raubkopierer bestrafen die Platten-Labels ihre ehrliche Kundschaft.

 

Der Multimedia-PC ist eine geniale Erfindung: Computer, Fernseher und CD-Player in einem. Wer sein Notebook auf Reisen mitnimmt, kann den Walkman daheim lassen; ein Kopfhörer genügt.

Aus und vorbei. Ausgerechnet die Musikindustrie dreht das Rad des Fortschritts zurück: Schiebt der Musikfreund heute eine brandneue Silberscheibe ins PC-Laufwerk, hört er entweder gar nichts oder ein ohrenbetäubendes Rauschen. Der Grund: Die Musik-Labels beginnen, auf ihren CDs Stördaten unter die Songs zu mischen – Bit-Folgen, die in einem normalen Audio-Player unhörbar sind, aber CD-ROM-Laufwerke aller Art aus dem Rhythmus bringen.

Was Computerfreunde als unfreundlichen Akt werten – sie zahlen den gleichen Preis für die Ware, haben aber weniger Nutzen davon – ist aus Sicht der Platten-Labels unabwendbare Notwehr. Die Branche leidet unter dramatisch zunehmender Schwarzbrennerei. Mehr als 15 Millionen Deutsche, so eine Studie der GfK Marktforschung in Nürnberg, nutzen Computer mit CD-Writer. Das mit Abstand beliebteste Einsatzgebiet der Geräte: Kopieren von Musik.

CDs nach Hausmacher-Art sind in Deutschland viel populärer als Internet-Tauschbörsen, die bisherigen Hauptfeinde der Plattenbosse. Im vergangenen Jahr luden sich zwar vier Millionen PC-Besitzer bei Napster & Co. Hits aus dem Netz. Aber 13 Millionen Digitalheimwerker füllten mehr als 130 Millionen CD-Rohlinge zum Stückpreis von nur zwei Mark mit Musik. Damit sparten sie mehr als drei Milliarden Mark im Vergleich zum Kauf von Original-CDs im Laden, „Stördaten gegen Hobby-Piraten“ weiterlesen

Porträt: Der Bär von Redmond

Microsoft-Chef Steve Ballmer macht sich nie wichtig. Warum auch? Seit 20 Jahren ist er unersetzlich beim Software-Weltmarktführer.

Connie Ballmer hätte allen Grund zur Eifersucht. Steve, ihr Göttergatte, liebt nicht nur sie und ihre drei Söhne. Er hat noch eine Flamme nebenher. Seit die Kinder auf der Welt sind, verbringt er zwar ein Drittel weniger Zeit bei dieser – so etwa 60 Stunden pro Woche. Aber bis er 50 wird, also 2006, hat Steve Ballmer keinerlei Absicht, an dieser intensiven Liaison etwas zu ändern. Steves Gefühle sind so stark, dass er sie manchmal vor versammelter Mannschaft, sprich: vor seinen Untergebenen bei Microsoft, hinausposaunt: „Ich liebe diese Firma!!!!“ Wobei vier Ausrufezeichen nötig sind, um nur ansatzweise einen Eindruck von der Stimmgewalt zu vermitteln, die diesem massigen Gefühlspaket von einem Mann zu Eigen ist.

Beklagen kann sich Mrs. Ballmer wegen ihrer Konkurrentin nicht. Als frühere PR-Expertin bei Microsoft musste Sie schon von Berufs wegen wissen, worauf sie sich – abgesehen von einer ultimativen finanziellen Sicherheit – einließ, als ihr der Top-Manager und drittgrößte Aktionär des mächtigsten IT-Unternehmens der Welt die Ehe antrug. „Porträt: Der Bär von Redmond“ weiterlesen

Nepp als Meterware

Faxkriminalität. Lücken im Telekommunikationsgesetz machen Bauernfängern die Arbeit leicht.

Nachts um zwei, wenn das Telefonieren am billigsten ist, gehen die Halunken auf Dummenfang. „Kostenlos: Heißeste Erotik im Internet!“, rattert es aus dem Faxgerät. „Bis zu 72 Prozent beim Telefonieren sparen!“ Oder: „Essen Sie fett, bleiben Sie dünn!“
Wer naiv genug ist, die angepriesenen 01908-Faxabruf-Nummern zu wählen, entdeckt den Schaden spätestens auf der nächsten Telefonrechnung. Eine halbe Stunde und länger quillt bisweilen Seite um Seite aus dem Fax – wertlose Allerweltsinformationen für 3,63 Mark pro Minute; 150 Mark für eine Rolle Altpapier.

Der Fleiß der schwarzen Schafe macht inzwischen selbst den Funktionären der traditionell toleranten 0190er-Branche zu schaffen. „Unser Beschwerdeausschuss hat immer mehr zu tun“, klagt Hans-Joachim Kruse, Vorsitzender des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste (FST). Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Beschwerden von 300 auf 1000 geschnellt; allein in den ersten vier Monaten 2001 seien es 400 gewesen.

Mehr als einen Ausschluss aus dem Club der Seriösen haben die anonymen Abzocker freilich nicht zu befürchten. Juristisch ist ihnen kaum beizukommen. Zwar ist bereits das unaufgeforderte Zusenden von Werbefaxen in Deutschland verboten, doch die Absender verstecken sich hinter erfundenen oder fremden Adressen im Ausland. Den eigentlichen Täter zu ermitteln, erfordert aufwändige Detektivarbeit. So kennt die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) nur die Vermieter der 0190er-Nummern – Firmen wie InTelegence in Köln oder Extracom in München. Deren Mitarbeiter verweisen an einen Mieter, dieser – per Anrufbeantworter – an einen Untermieter. Dessen Mitarbeiter wiederum schützt einen Unter-Untermieter vor, dessen Identität er ebenso wenig verraten dürfe wie die seines Chefs.

RegTP-Chef Matthias Kurth ist machtlos gegen derlei Machenschaften: Unlauterer Wettbewerb, arglistige Täuschung oder Betrug verstoßen nicht gegen das Telekommunikationsgesetz. Eine Gesetzeslücke, die die Bauernfänger schamlos ausnutzen: Klagen eines einzelnen Geschädigten sind schon allein deshalb aussichtslos, weil der Aufwand für die Verfolgung höher wäre als der Schaden.

Nur die Verbraucherverbände schreiben fleißig Abmahnungen. Dieter Lang, Jurist beim Verbraucherschutzverein Berlin, hat jedoch nach Dutzenden von Unterlassungsklagen gegen 01908-Anbieter den juristischen Kleinkrieg gegen die Unteruntermieter satt. „Es wird Zeit“, stöhnt er, „dass die Netzbetreiber etwas mehr Engagement an den Tag legen.“ Das wird allerdings erst passieren , wenn die Gesetzeslücken gestopft sind: Telekom, Talkline & Co. sind an den sittenwidrig erzielten Umsätzen der Nepper prozentual beteiligt. UJF

Erschienen in BIZZ 7/2001.

Porträt: Dr. Sommers Beisitzer

Thomas Holtrop leitet ganz leise Europas größten Internet-Provider T-Online.

Neun mal „klick!“. Nicht mal ein Film. Nach zwei Minuten hat das Motiv vom Posieren genug. Ohne weiter auf den Mann hinter der Kamera zu achten, macht sich Thomas Holtrop aus dem Staub. Hält sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf. Schert sich nicht um den ungläubig staunenden Fotografen, den verdatterten Kameraassistenten, den verdutzten Reporter oder um seine eigene, vor Verlegenheit rosarot anlaufende Pressesprecherin. Eilt zurück in den Festsaal von Kastens Hotel Luisenhof in Hannover, wo sein Boss Ron Sommer gerade die letzten Journalisten abschüttelt, und reiht sich in den Hofstaat ein.

„So etwas ist mir noch nie untergekommen“, entfährt es dem unerwartet arbeitslosen Fotomann, der im Foyer eigens eine Studioblitzanlage aufgebaut hatte, um den Vorstandsvorsitzenden von T-Online nach der Cebit-Pressekonferenz ins rechte Licht zu rücken. Auf den Schreck einen Espresso in der Hotelbar. „Das war die kürzeste Session in meiner ganzen Karriere.“ Zweifellos. Wenn Konzernbosse sich ablichten lassen, bringen sie sonst ein Mindestmaß an Zeit und Geduld mit. Damit nachher auch garantiert ein Schuss auf der Rolle ist, auf dem sie so rüberkommen, wie sie sich selbst am liebsten sehen: vorteilhaft, souverän, entspannt. Die Augen offen, die Mundwinkel nicht verkrampft. Unter 36 Bildern klappt das selten.

Nicht so bei Holtrop. Als der Film entwickelt ist, beruhigt sich der Fotograf wieder. Guckt der Kerl dem Betrachter doch derart professionell ins Gesicht, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes gemacht. Perfekte Pose, freundliches Pokerface. Adrett im dezenten Anzug. Würde bei einem Casting in entsprechender Kleidung ebenso gut als Ex-Boxer oder gereifter Fitnesstrainer durchgehen. Leicht melancholische Hundeaugen kompensieren das Harte an seinem kantigen Schädel. Wo hat er den Blick bloß gelernt? „Porträt: Dr. Sommers Beisitzer“ weiterlesen