Behörden schlampen – und die Medien machen mit

Ich weiß noch ganz genau, dass eine der in den Zeitungen oft genannten Quellen für absurde EHEC-Warnungen das Bundesinstitut für Risikobewertung war. Gestern verstieg sich der Behördenleiter sinngemäß zu der Aussage, man möge seinen Laden doch bitte nicht so wichtig und ernst nehmen:

Der Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, warnte davor, beherrschbare Probleme medial aufzublasen: „Der Erreger ist zwar ohne Frage sehr gefährlich. Die Hysterie in Deutschland halte ich aber für übertrieben“, sagte er laut Handelsblatt.

Das hätte er auch vorher sagen können.

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Bittere Gurkenzeit

Eigentlich sollte man meinen, dass die Kollegen vom Aktuellen in Sachen EHEC langsam zur Besinnung kommen müssten.

Das ist offenbar nicht der Fall. Die Medien versagen auf der ganzen Linie.

„Vor allem norddeutsche Verbraucher sollten rohe Blattsalate, Tomaten und Salatgurken meiden.“

Innerhalb der Holtzbrick-Gruppe syndizierte Meldung von heute, so wertvoll wie ein kleines Horoskop

„Die Katz mog d‘ Mais roh, i mog’s ned amoi kocht“, sagt der bayerische Volksmund. (Für Preißn: Die Katze mag die Mäuse roh.) Ja, wenn man Blattsalat nicht roh essen darf, dann isst man ihn halt gar nicht.

Nicht nur wegen des impliziten Vorschlags, Salat abzukochen, ist die Empfehlung Schwachsinn erster Güte: Außer der Beobachtung, dass die Erkrankten die typischen Bestandteile eines gemischten Salats, wie sie an jedem Salatbuffet zu finden sind, genossen haben, gibt es nichts, was gegen die einzelnen Zutaten spräche.

Bisher ist mir nicht eine einzige Meldung untergekommen, derzufolge irgendwo in Nord- oder Restdeutschland auch nur eine Tomate oder ein Kopf Salat mit dem Killerbazillus aufgefunden worden wäre. Gurken waren es, ganze drei Stück – und niemand scheint zu wissen, wie das Teufelszeug an das Gemüse gekommen ist. Hat irgendjemand recherchiert, wieviele Gurken untersucht worden sind – und wieviele davon ohne Befund? Hat irgendwer die Frage gestellt, warum selbst Bauern, deren Gurken (von Tomaten/Salat ganz zu schweigen) nicht nur nicht positiv, sondern explizit negativ getestet wurden, jetzt ihre Ernte vernichten müssen? Wäre das Zeug so gefährlich, wie getan wird, dürfte es nicht untergepflügt oder kompostiert werden, sondern müsste in der Müllverbrennungsanlage landen. Gäbe es handfeste Gründe, anzunehmen, dass Salat, Tomaten und Gurken verseucht sind, müsste der Verkauf sofort eingestellt werden – bei  Entschädigung unschuldiger Gärtner und Landwirte.

Die Behörden tappen offensichtlich im Dunkeln, sie haben nicht einmal eine publikationsreife Hypothese, mit der sie den zur Beruhigung der Öffentlichkeit gedachten Boykott der Gemüsebauern rechtfertigen.

Leute, macht Euren Job! Stellt Fragen, und zwar die richtigen und den Richtigen. Ich will keine Verlautbarungen und keine unsinnigen Ratschläge mehr lesen, sondern:

Recherche-Ergebnisse!!!

Nachtrag 1. Juni:

Inzwischen steht fest, dass die Gurken gar nicht als Erklärung aller Infektionen herhalten können. Das hindert Politiker aber nicht daran, weiterhin pauschal vor Rohkost-Gemüse zu warnen.

Und Handys erzeugenmöglicherweise – Krebs, wieder einmal. Eine Erkrankung, die uns statistisch alle 20.000 Lebensjahre ereilt, tritt angeblich mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auf. Gibt es neue empirische Studien, die das belegen? Nein. Wer hätte das auch erwartet? Aber eine Meldung ist diese Nicht-Nachricht allemal.

Das Internet als Agentur

„Das damalige als Defense Advanced Research Projects Agency* bezeichnet Vorhaben entstand maßgeblich unter Federführung des amerikanischen Verteidigungsministeriums.“

Silicon.de blamiert sich nach Kräften

* Die DARPA, die ursprünglich den zivilen Namen ARPA trug, war die Rüstungsforschungsagentur, aus deren Projekt ARPAnet das Internet hervorging.

Cut&Paste-Journalismus

Was ein Guttenberg kann, können Journalisten schon lange: aus Zeitungen abschreiben. So riss sich der frühere Handelsblatt-Onliner Sven S. das geistige Eigentum des geschätzten Kollegen Michael Bauchmüller unter den Nagel. Weil man nicht alles lesen kann, bemerkte der zunächst nichts davon.

Jetzt hätte der Text-Räuber fast in Hamburg Karriere gemacht. Doch die Tat kam auf. Marc Felix Serrao berichtet hier über den Abschreiber.

Mann im Spiegel

11.631 Zeichen, einschließlich reichlich Zitaten, widmete Stefan Niggemeier der Titelgeschichte des Spiegel über Dominique Strauss-Kahn. Fast die sechsfache Zeichenmenge schund daraufhin Niggemeiers Kommentarvolk, einschließlich Konstantin Neven-Dumont.

Auf diesen rund 80.000 Zeichen oder 2.222 Standard-Druckzeilen fehlt leider jeder Hinweis darauf, dass vor dem Spiegel bereits „Time“ aus der Frage, was mächtige Männer zu Schweinen macht, eine Titelstory gestrickt hatte. Am 19. Mai 2011, dem Donnerstag vor dem Hamburger Redaktionsschluss, machte dieses Stück schon Furore.  Wer Time gelesen hatte, dem kam so manches im Spiegel bekannt vor (besonders die Beispiele für triebgesteuerte Prominente). Den Trüffel-Burger, dem im Niggemeierblog eine zentrale Rolle zukommt, erwähnt Autorin Nancy Gibbs mit keinem Wort.

Dass diese dekadente Fast-Food-Kreation den Text würzen durfte, hat offensichtlich nichts mit den kulinarischen Vorlieben des nackten Franzosen zu tun, sondern damit, dass der Spiegel seine Redakteure zu gut bezahlt:

106. Lieber Herr Niggemeier,

Polemiken müssen nicht stimmen, aber zünden, insofern hat Ihre wütende Abrechnung sogar mich amüsiert, obwohl ich der Autor des Stückes bin. Hätten Sie Recht, und wären Sie konsequent, dann müssten Sie die Abschaffung des erzählenden Journalismus fordern, die Einstellung aller Magazine, das Ende der Wochenend-Beilagen, den Tod der Reportage.
Vor der Kritik, wie Sie sie vortragen, hätte am Ende nur ein Telegramm Bestand. Oder eine dpa-Eil-Meldung. Kann man haben, diese Haltung. Muss man aber nicht.
Mit freundlichen Grüßen,
Ullrich Fichtner
PS: Wenn Sie mal in New York sind, lade ich Sie gerne zu einem Trüffel-Hamburger ins „db Bistro Moderne” ein, wo ich erst kürzlich gegessen habe. Auch als kleines Dankeschön für unser Gespräch über die „Bild”-Zeitung, das leider so unergiebig war, dass wir es für die spätere Titelgeschichte nicht gebrauchen konnten.

Ullrich Fichtner — 25. Mai 2011, 18:30