Chinesische Erdbeeren, deutsche Recherchen

Dass Redakteure oft keine Zahlenmenschen sind, kennt man als freier Journalist. Immer wieder muss man angestellte Kollegen daran erinnern, dass das angeblich so faire Honorar der Umsatz ist und daher nicht mit ihrem Nettogehalt zu vergleichen.

Ein ähnliches Gespür für Zahlen findet sich in den Berichten über den Norovirus, der angeblich huckepack auf chinesischen Erdbeeren seinen Weg in 11000 ostdeutsche Schülermägen gefunden haben soll. Ohne zu stutzen, berichten die Kolleginnen und Kollegen, die vermutlich infizierte Charge Erdbeeren habe aus 44 Tonnen Tiefkühlbeeren bestanden. Nun, wieviel sind 44 Tonnen? 44000 Kilogramm. Also ist von vier Kilo Erdbeeren je ein Schüler krank geworden.

Vier Kilo? Okay, knapp vier Kilo, es waren ein paar mehr als 11000 Betroffene. Aber da drängen sich dann doch ein paar Fragen oder Rechenaufgaben auf: „Chinesische Erdbeeren, deutsche Recherchen“ weiterlesen

Zahlt sich Merkels CDU dumm & dämlich?

Die Bundeskanzlerin hat sich auf einer CDU-Regionalkonferenz über Gema-Gebühren ausgelassen…

„Man kann ja fast kein kleines Fest mehr feiern, weil man sich dumm und dämlich bezahlt.“

 Angela Merkel gestern in Düsseldorf, zitiert nach SZ und Welt

…und damit den Eindruck erweckt, die Verwertungsgesellschaft schraube die Gebühren für Vereine und andere Kleinveranstalter (wie Parteien mit ihren Wahlpartys) immer weiter in die Höhe. Das ist natürlich barer Unsinn, denn es hat sich seit langem gar nichts geändert an den Tarifen. Im Gegenteil: Die Gema hat einen neuen Tarif für nächstes Jahr angekündigt, der gerade deshalb angegriffen worden ist, weil er die Last stärker als bisher gewerblichen Nutzern wie Clubs und Diskotheken auferlegt, also gerade nicht bei kleinen Festen ins Kontor schlagen soll. Zahlen? Bitte: Wenn beispielsweise ein CDU-Ortsverband feiern will, zahlt er 22 Euro je 100 Quadratmeter, eine Fläche, die nach Gema-Schlüssel für 150 Gäste reicht. Pro Gast wären das 15 Cent*.

Ob man dumm und dämlich davon wird, dass man diese Abgabe zahlt? Ich würde dies dann doch wagen zu bezweifeln.

* Teurer wird es, wenn Eintrittsgeld von mehr als zwei Euro pro Nase kassiert wird. Dann kann man aber auch das Eintrittsgeld um 50 Cent höher ansetzen, als man es täte, gäbe es die Gema nicht. Auch oder gerade Unionsmitgliedern dürfte das Schicksal der Gema-induzierten Dummheit oder Dämlichkeit also wohl erspart bleiben.

Betulich à la Niggemeier

„Diese Art Fernsehunterhaltung ist nicht nur nicht wichtig. Sie nimmt sich auch nicht mehr wichtig. Das ist einerseits vielleicht unvermeidlich und verstärkt andererseits eine zweifelhafte Nostalgie: die Sehnsucht nach der Bedeutung des Fernsehens und der Betulichkeit eines Dieter Thomas Heck…“

Aus Stefan Niggemeiers Medienlexikon im Spiegel

Ähem, Herr Kollege: Heck und betulich? Verwechseln wir da nicht was? Betulich heißt ohne Hast, langatmig, träge.

Heck aber „verfolgt das Image des Schnellsprechers“.

Ein betulicher Schnellsprecher? Das ist ein Widerspruch in sich.

Minister verschiebt Komma, SZ merkt’s nicht

Heute in der Rubrik „Ja, liest denn keiner mehr gegen?“: Ja, denkt denn keiner mehr mit?

„Schon der Verzicht auf permanenten Standby-Betrieb eines Festplatten-Players bringt laut“  Bayerns Umweltminister Marcel „Huber eine Ersparnis bei den Stromkosten von mehr als 90 Euro im Jahr.“

Süddeutsche Zeitung von heute, Bayern-Teil 

Tja: Das ist völliger Nonsens – und er zeigt, dass die SZ-Redaktion einen Kollegen mit dem Thema betraut hat, dem nicht auffällt, wie inkompetent komplett ahnungslos der Minister und seine Hintersassen sind, die tatsächlich glauben, ein solches Gerät verbrauche im Standby-Betrieb 63 Watt – und es sei möglich, den Stromverbrauch ganz einfach um die Hälfte (!) zu senken.

Aus der Pressemitteilung des BayStMUG

90 Euro: Das muss einen schon deshalb stutzig machen, weil es rund ein Zehntel der jährlichen Stromrechnung einer Familie wäre. Ein bisschen Kopfrechnen und gesunder Menschenverstand genügen, um das als hanebüchenen Krampf zu erkennen.

63 Watt sind sogar für ein laufendes Gerät ein hoher Wert. Schon vor fünf Jahren begnügte sich laut Stiftung Warentest billige Aldi-Ware mit einem Drittel. Im Standby zog jenes Medion-Teil von 2007 nur 1,3 Watt; ältere Geräte lagen bei fünf oder auch mal 6,3 Watt – einem Zehntel dessen, was Herr Huber sagt. Zöge man den Stecker, statt Standby zu nutzen, läge die jährliche Ersparnis also bei acht bis 40 Kilowattstunden – oder zwischen 2 und 10 Euro.

 

Jungjournalisten zur Schnecke gemacht

Wer noch nicht begriffen hat, woran die Medien hierzulande kranken, lese Julia Friedrichs‘ Keynote vom Jahrestreffen des Netzwerks Recherche auf Vocer.