Flatrate: Pauschale für Profis

Mit den neuen Flatrate-Tarifen können Viel-Surfer den Gebührenzähler vergessen. Acht Angebote unter 100 Mark im Monat im Überblick – ihre Stärken, ihre Schwächen.

 

Abends bei Jens Schröder anzurufen, ist zwecklos. über Stunden ist seine Telefonleitung blockiert. Inzwischen klingeln Freunde den 28-jährigen Redakteur aus Heidelberg gleich auf dem Handy an und bitten ihn, nein, nicht endlich den Hörer aufzulegen, sondern mal kurz T-Offline zu gehen. Denn Schröder ist einer der ersten Abonnenten des neuen Internet-Pauschaltarifs T-Online flat. Für ein Fixum von 79 Mark im Monat, im Branchenjargon Flatrate genannt, lässt ihn die Telekom seit Juni so oft und so lange im Web surfen, wie er mag. Und Schröder mag oft und lange. Als erstes hat der Kinofan einen „Star Wars“-Film-Trailer heruntergeladen. Die Zeit, die sein Modem damit beschäftigt war, hätte lässig gereicht, eine ungekürzte Episode der Skywalker-Saga auf der Leinwand zu betrachten: Wenn sich 30 Megabytes durchs Telefonkabel quälen, sind zwei Stunden weg wie nichts. „Ist doch egal“, findet Schröder, „dann lässt man den Computer eben die ganze Nacht laufen.“

Genau diesen Effekt hatten Europas Telefongesellschaften jahrelang erfolgreich zu verhindern versucht. Dann, vor wenigen Wochen, die überraschung: Für nicht einmal 80 Mark pro Monat machen Telekom, AOl sowie drei andere bundesweite Anbieter den Weg frei. Regionale Netzbetreiber mit eigenen Leitungen zu den Endkunden schaffen es sogar für rund 50 Mark.

Selbst ohne Flatrate ist Surfen inzwischen billiger als Fernschwätzen. Der günstigste deutsche Internet-Provider, die Mobilcom-Tochter Freenet, verlangt für die Online-Minute nur noch 1,9 Pfennig – bei 20 Stunden Mindestabnahme pro Monat (22,80 Mark). Wer nicht mindestens zwei Stunden täglich im Netz weilt, kommt bei diesem Zeittakt wesentlich günstiger weg als mit einer Monatspauschale.

Flatrates lohnen sich nur für Surf-Freaks, die 70 Stunden und mehr im Monat online sind. Mittlerweile können sie unter 34 Angeboten von 17 Anbietern wählen. Die Mehrzahl davon ist allerdings eher für Firmenkunden gedacht und entsprechend teuer. Zudem ist die Seriosität einiger Offerten fraglich.

So fehlt in der BIZZ-Tabelle ein Unternehmen, das die Nutzung einer günstigen Flatrate an eine Software koppelt, die bei der Einwahl ins Web zwangsweise eine Erotik-Homepage aufruft. Diese Sexnummer zu umgehen, verbieten jedoch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Hinzu kommt eine zweifelhafte Bestimmung, die den Kunden regresspflichtig macht, wenn sich mit seiner Nummer ein Dritter (etwa ein Hacker) einwählt. Dass dies kein theoretisches Risiko ist, war unlängst Thema auf der Website www.Online-Kosten.de: Ein Anbieter geht gegen einen Kunden vor, bei dem binnen eines Monats 1593 Stunden Surfen zu Buche stehen. Das Problem: Ein Monat hat höchstens 744 Stunden. Ein Hacker surfte mit.

Das Kleingedruckte gründlich zu lesen, ist bei allen Netzbetreibern ratsam. Da wird der Kunde im Problemfall schon mal an telefonische Hotlines verwiesen, die 2,42 Mark pro Minute abrechnen. Bei mancher Flachgebühr werden saftige Aufpreise fällig, wenn ein bestimmtes Datenvolumen überschritten ist. Heikel sind auch lange Vertragslaufzeiten. T-Online-Kunden müssen mindestens zwölfmal zahlen. Versatel lässt unzufriedene Kunden schon nach einem Monat ziehen.

Mehrere Unternehmen ködern die Kundschaft mit optisch getunten Tari-fen, so auch Mobilcom und Arcor. Die Monatspauschale ist mit 49 Mark verbl üffend günstig. Wer sie in Anspruch nimmt, muss seinen Festnetztelefonanschluss bei der Telekom kündigen und auf den neuen Anbieter umschalten lassen. Dadurch verliert er die Möglichkeit, per Call-by-call mit dem günstigsten Anbieter zu telefonieren. Zudem zahlt er für den Wechsel eine Gebühr. Bei Arcor kommt noch eine Grundgebühr von 89,90 Mark für den ISDN-Unlimited-Anschluss hinzu. Dafür gibt es einen im Vergleich zu ISDN doppelt so schnellen Netzzugang und die Grundgebühr für den Telefonanschluss ist auch schon dabei.

Der neue Clou im Flatrate-Geschäft: Die Bitburger Firma Silyn-Tek will im Herbst eine durch Werbung gesponserte Flatrate für höchstens 40 Mark starten. Fraglich ist, ob das Angebot die verbliebenen Web-Skeptiker wirklich ins weltweite Datennetz lockt. 13,3 Millionen würden sich laut Forsa-Umfrage einen Anschluss zulegen, wenn das Internet für 20 Mark zu haben wäre. Seltsam: Für 2,80 Mark mehr gibt es bereits heute bei Freenet den Anschluss insInternet, bei dem gleich 20 Freistunden pro Monat inklusive sind.

VORBILD USA

Neidisch blickten deutsche Internet-Fans und E-Commerce-Unternehmen jahrelang über den Atlantik. Schon 1996 lieferten sich AOl, der Telefonkonzern AT& T und unabhängige Internet-Provider einen Preiskampf: Für 20 Dollar im Monat konnten die Amerikaner ohne Zeitlimit im Web stöbern, sofern es im Ortsnetz einen Einwahlknoten gab. Denn nicht nur fürs Internet gibt es in den USA Flatrates, sondern auch für lokale Telefonate. Inzwischen surfen viele Amerikaner über schnelle Kabelfernseh- und DSL-Verbindungen für maximal 40 Dollar pro Monat – so viel kostet in Deutschland eine weitaus langsamere ISDN-Flatrate.

STICHWORT

FLATRATE: Monatlicher Pauschaltarif fürs unbeschwerte Surfen im World Wide Web. Egal, ob der Nutzer fünf oder 500 Stunden online ist, er zahlt immer den gleichen Betrag. Speziell Viel-Surfer profitieren vom Festpreis.

Erschienen in BIZZ 8/2000.

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