Christmas de luxe

Erschienen vor Weihnachten 2008 bei Capital online.

Wer viel Geld verdient und nichts verprasst, muss zusehen, wie er dieses konjunkturschädliche Verhalten mit seinem Gewissen vereinbaren will. Wer Ihnen heutzutage gute Zinsen & Renditen verspricht, ist ohnehin suspekt; Kopfsprünge in einen mit Talerchen gefüllten Geldspeicher führen nur dann nicht zu Platzwunden und Gehirnerschütterungen, wenn Sie Dagobert heißen. Und ein unsympathischer Geizerpel wollen Sie doch nicht sein, oder?

Weil das Fest der Liebe näherrückt, hat Capital-Autor Ulf J. Froitzheim seine Festplatte und die Ausbeute seiner Visite auf der Münchner Millionaire Fair 2008 nach Geschenkideen durchstöbert, die noch nicht zum Repertoire des durchschnittlichen Bestverdieners zählen. Präsente, die garantiert der pure Luxus sind: verlockend, aber zu 100 Prozent überflüssig, und gerade deshalb perfekt als ganz persönliches Hilfsprogramm zur Konjunkturbelebung.

Falls Ihnen gerade niemand einfällt, der so etwas Feines verdient hätte, dann beschenken Sie sich einfach selbst. Nie war es so einfach, sich dabei nicht wie ein Egoist zu fühlen! „Christmas de luxe“ weiterlesen

Casino Morale

EINIGE GIERIGE, SKRUPELLOSE MANAGER HABEN DAS GESAMTE WIRTSCHAFTSSYSTEM IN MISSKREDIT GEBRACHT. „VERTRAUEN“ IST DAS WORT DES JAHRES. ES STEHT FÜR EIN GUT, DESSEN WAHREN WERT DER MENSCH ERST ERKENNT, WENN ER ES VERLIERT.

Um aus allen Wolken fallen zu können, muss man (noch) auf einer schweben. Insofern war Ulli in einer privilegierten Position, als im September der große Sturm aufbrauste und der Besatzung von Wolke 7 unsanften Bodenkontakt verschaffte. Ulli ist ein cooler Typ, ein Leistungsträger, dessen Profil als Mustervorlage für Stellenanzeigen dienen könnte: gut ausgebildet, so pflicht- wie selbstbewusst, aber kein Jasager. Als aktiver Triathlet ist er körperlich in Bestform, flexibel, mobil, engagiert. Jung genug, um dynamisch zu sein, und alt genug, um souverän seine Erfahrung ausspielen zu können. Als Automationsspezialist trägt Ulli sein Scherflein zu den Produktivitätssreigerungen bei, die den Industriestandort Deutschland lebendig halten. Sein Verstand sagt ihm auch, dass er wohl eher zu den Letzten gehören wird, bei denen die Krise ankommt. Locker und entspannt von seiner Arbeit zu reden, gelingt ihm dennoch schon lange nicht mehr. Der Techniker brauchte weder Lehman Brothers noch Kaupthing Edge noch irgendeine deutsche Bank für seine ganz persönliche Fehlerdiagnose: „Das Urvertrauen ist weg.“

Die Entscheidung, die Ullis Urvertrauen ausradierte, lange bevor der Subprime-Tornado mit den Milliardenzockern aus dem Wall-Street-Casino „Domino Day“ spielte, fiel in der Chefetage eines Dax-Konzerns, dem seine damalige Firma zuarbeitete. Sein Arbeitgeber hatte voll und ganz vertraut auf diesen langjährigen Großkunden. Dessen neuer Vorstand „Casino Morale“ weiterlesen

Besser mit allem rechnen

Auch nach ihrem eigenen Jahr sind Mathematiker erst glücklich, wenn niemand sie richtig versteht.

Das Jahr der Mathematik liegt – fast – hinter uns. Es war ein Rekordjahr: Niemals zuvor haben sich so viele so schlaue Menschen in so kurzer Zeit so kolossal verrechnet. Verspekuliert, sagen Sie? Nein, verrechnet. Wer auf etwas spekuliert, der rechnet ja mit etwas – und zwar offensichtlich nicht intensiv genug mit einem Verlust. Spekulation ist das moderne Wort für eine (dummerweise ungelöste) Rechnung mit vielen Unbekannten.

Es ist also im Sinne einer überlebensfähigen Volkswirtschaft nicht das schlechteste Bildungsziel, das mathematische Verständnis unserer Schüler zu fördern. Für den Nachweis, dass viele der fantastischen Rechnungen der Landes- und Investmentbanker nicht aufgehen konnten, hätte schließlich schon ein Quäntchen logisches Denken genügt, ergänzt um das Know-how, zu was die vier Grundrechenarten fähig sind. Leider haben letztere ein miserables Image. Schüler sehen nicht ein, dass sie sich im Zeitalter von Taschenrechner und Excel mit solchen Banalitäten plagen sollen, Mathelehrer und Lehrplangestalter bekämpfen die Langeweile am liebsten per Überforderung des Abstraktionsvermögens der Pubertierenden. Praxisbeispiele mögen in den unteren Klassen Standard sein, doch ab der Mittelstufe ist jeder noch so winzige Realitätsbezug weit unter der Würde der beamteten Gralshüter einer traditionell sich selbst genügenden Mathematik.

Nun kann man den Bürokraten im Bundesbildungsministerium nicht vorwerfen, sie hätten das Problem nicht erkannt. Das Jahr der Mathematik sollte es ja lösen, unter anderem mit einem Ideenwettbewerb. Tapfer lobte Ressortchefin Annette Schavan das „starke Engagement der Schulen“, Mathe sei schließlich „der Schlüssel zu einer erfolgreichen beruflichen Zukunft“. Mit dem empirischen Teil ihrer Pressemitteilung lieferte die Ministerin zudem den Stoff für eine wunderbare Textaufgabe: Zum Wettbewerb eingereicht wurden 229 Ideen I. Insgesamt hat Deutschland 36.305 Gymnasien, Grund-, Haupt-, Gesamt- und Realschulen S mit 381.578 Klassen K. Erstelle je eine Formel für a) die Motivation M und b) den Intelligenzquotienten Q des durchschnittlichen Mathepaukers P. Konstruiere sodann eine Ableitung deiner Berufschancen B1 bis B3 als Ingenieur/in, Spekulant/in und Mathematiklehrer/in.

Aus der Technology Review 12/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Wir haben doch einen HAU!

Kein Gerät kommt heute mehr ohne Chronometer-Surrogat aus. Die Uhrenmanie nervt – speziell im März und Oktober.

Wenn Deutschlands hinterfotzigster Rätselonkel CUS im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ nach einer Handyfunktion mit drei Buchstaben fragt, meint er garantiert nicht „SMS“. Ich brauchte eine Weile, bis ich auf die logische Lösung kam – UHR!

Es ist wirklich so. Meine Kinder etwa besitzen zwar außer ihren Handys auch noch Armbanduhren. Doch die Batterien sind längst leer. Warum sollten sie sich auch ein analoges Rundinstrument an den Arm binden, das nichts anderes kann, als eine allgegenwärtige Information armselig darzustellen? Ohne Hintergrundbeleuchtung und nur bedingt nachttauglich dank einer Uropa-Technik namens „Leuchtziffern“. Naja, einem Computer-kompetenten Mädchen kann man eh nicht zumuten, eine Damen-Armband-Uhr zu tragen, wenn schon der Händler diese Produktgruppe auf dem Bon zur „DAU“ verkürzelt.

Ich Gewohnheitstier trage meine HAU natürlich noch. Dabei habe ich beim Schreiben permanent das Digitaluhr-Widget meines Notebooks vor Augen und weitere Zeitanzeigen immer im Blickfeld. Denn wohin wir kommen, die Uhren sind schon da: in der Küche (Herd, Mikrowelle, Radio, Waage), im Wohnzimmer (Stereoanlage, TV, Video, Sat-Receiver, Wetterstation), im Schlafzimmer (wirklich nur der Wecker?), im Bad (Hygro-Thermo-Chronometer, Radio), im Auto (Multifunktionsanzeige, Freisprecheinrichtung), auf dem Fahrrad (Tacho), an Haltestellen, auf Bahnsteigen, in Bussen und Bahnen.

Wenn künftige Archäologen beim Buddeln auf unsere uhrigen Sammelsurien stoßen, hat unsere Epoche den Stempel weg: „Kult-Uhr-Zeit“. Die Forscher wüssten ja nicht, dass uns die heutige Uhrenflut ungewollt überkam – ausgelöst von einer Kaste besinnungsloser Produktmanager, die auch den letzten Firlefanz durch eine „Uhr-Funktionalität“ meinte aufwerten zu müssen. Sie würden nur sehen, dass allein die Deutschen grob geschätzt eine Milliarde Uhren besaßen, die sie obendrein allesamt brav jeden März eine Stunde vor und jeden Oktober eine Stunde zurückstellten, nur weil ein paar Politiker ihnen 30 Jahre zuvor eingeredet hatten, das spare Energie. Eine Gesellschaft, die so einen Unfug mitmacht, werden sich die Archäologen sagen, die hat echt eine Fehlfunktion mit drei Buchstaben: einen HAU!

Aus der Technology Review 11/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Der AA++-Politiker

Glaubt jemand, dass Zuschüsse für effiziente Kühlschränke dem Klima helfen? Hier der Gegenbeweis:

Bayerische Journalisten kennen den berühmtesten Müllermeister der CSU dafür, dass er auf Besuch in seiner unterfränkischen Heimat schon mal frischgemut drauflosplaudert. Mit etwas Pech steht am nächsten Tag ein Zitat in der Zeitung, das nicht unbedingt von innigster Zuneigung von Minister Michael Glos zur Mathematik zeugt. In Berlin hält sich der oberste Vertreter deutscher Wirtschaft und Technologie Experten, die es mit dem Rechnen offenbar auch nicht genauer nehmen als er. Will der Chef Stromsparer fördern und hat zufällig etwas Geld aus dem Verkauf von CO2-Emissionsrechten übrig, denkt sich eine „Projektgruppe Energiepolitisches Programm“ (Pepp) fix starke Sachen aus: Wie wär’s mit Subventionen auf supereffiziente A++-Kühlschränke? Um die größte Not Energiekosten-geplagter Familien zu lindern, schlägt die Pepp einen Zuschuss von 150 Euro vor.

Glosens Oberexperte Stephan Kohler hatte ja bereits verkündet, er wolle „auch Hartz-IV-Empfänger“ mit Geräten beglücken, die jährlich 80 Strom-Euros sparen und so ihren Kaufpreis in nur sechs Jahren wieder einspielen. Lassen wir mal die Frage beiseite, woher die Ärmsten die 330 Euro Eigenanteil für einen 480-Euro-Kühlschrank nehmen sollen. Allemal interessanter ist Kohlers Aussage zum Einsparpotenzial: Sie weckt die Hoffnung, fortan 400 kWh weniger auf der Jahresstromrechnung zu finden – das kommt hin, aber nur, wenn im fraglichen Haushalt vorher einer der letzten Kühl-Gefrier-Dinos aus den Achtzigerjahren Dienst tat.

Nun sind zum Glück nicht alle A++-Kühlschränke so teuer wie die Modelle, die Kohler so kennt. Ein Importfabrikat gibt es schon für 231 Euro, minus Glos-Bonus bleiben 81. Selbst der klamme Hartzagentur-Kunde könnte sich die Anschaffung leisten, denn bei Ebay wird er einen Dummen finden, der den Alten kauft. Das ist zwar nicht prima fürs Klima. Aber zum Aufpeppen der CO2-Bilanz taugen Kühlschränke sowieso nicht: Glos‘ Zuschuss-Budget reicht nur für gut fünf Millionen Exemplare; die sparen bis zu ihrer Verschrottung acht, vielleicht zehn Terawattstunden Strom. Klingt viel? Es wäre: nicht mal ein Promille des Energieverbrauchs der deutschen Privathaushalte. Und wenn wir alle auf A++ umstiegen,  freiwillig und auch ohne Zuschuss? Ein halbes Prozent.

Aus der Technology Review 10/2008, Kolumne FROITZELEIEN