Jurassic Park am Airport

Demnächst in Amerika: die kleine Flüster-Concorde
für Superreiche.

Wer einen Knall hat, merkt normalerweise nichts davon; seine Umwelt umso mehr. Das gilt insbesondere für den ganz spezifischen Knall, bei dessen Ertönen meine Oma zu sagen pflegte, jetzt habe schon wieder ein Düsenjäger die Schallmauer durchbrochen. Mit diesen Begriffen können die Kids von heute, aufgewachsen unter der Obhut des Bundes-Immissionsschutzgesetzes und seiner Technischen Anleitung Lärm, nichts anfangen. In den Jahren des Kalten Kriegs war der Überschallknall noch ein ganz alltäglicher Lärm, gerne exerziert über dicht besiedeltem (Ruhr-) Gebiet oder quer durch den Pfaffenwinkel mit Wendeschleife an der vibrierenden Wieskirche.

Dann kehrte himmlische Ruhe ein. Auch die Concorde, die mit obszönem Kerosinkonsum ihre besserverdienenden Passagiere auf Mach 2 beschleunigte, durfte ihrem eigenen Krach erst davonfliegen, wenn sie das bewohnte Festland hinter sich gelassen hatte. Die Chance für Zivilisten, sich dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben, schien endgültig vorbei, als Air France und British Airways nach dem Crash von Paris anno 2000 die letzten Exemplare des Donnervogels ausmusterten.

Jetzt kommt aus Amerika frohe Kunde für reiche Speed-Süchtige: Gulfstream Aerospace macht Fortschritt bei der Entwicklung des „Quiet Supersonic Jet“ (QSJ), der zumindest in akustischer Hinsicht ein sozialverträgliches Fortbewegungsmittel werden soll. Eine auf acht Meter ausfahrbare Teleskopspitze an der Nase soll der Maschine zu einer aerodynamischen Top-Form verhelfen, sodass sie in der Höhenluft nur noch eine ganz bescheidene Bugwelle aufwirft. Und wenn vorne nur wenig Luft zusammengepresst wird, schleift das Flugzeug auch keine große Stoßwelle hinter sich her, die das Ohr des Bodenbewohners als Knall wahrnimmt.

Allerdings soll der 1800 km/h schnelle Businessflieger mit Platz für 15 Personen so teuer werden wie zwei Airbusse A320 – rund 90 Millionen Dollar. Da hätte selbst vor der Finanzkrise mancher Hedgefond-Manager nachgerechnet, ob drei, vier Stunden gesparte Flugzeit den Aufwand wert sind. Darum ist jetzt von Jet-Sharing-Modellen die Rede: Multimillionäre teilen sich ein QSJ oder bieten Mitfluggelegenheiten. Dann ist’s zwar Essig mit spontanem Wegdüsen. Aber zumindest hockt man nicht so lange in dem verdammten Flieger.

Aus der Technology Review 2/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Die Volkswagnis-Wirtschaft

Platfuss-Audi-Kunstwerk vor dem Brandenburger Tor
Platfuss-Audi-Kunstwerk vor dem Brandenburger Tor

Die Menschen der industrialisierten Welt leben in einer zerbrechlichen Symbiose mit der Autoindustrie

Kaum hatten die Bürger die Erkenntnis verdaut, dass das Wirtschaftssystem der westlichen Welt in zwei höchst gegensätzliche Sphären namens „Realwirtschaft“ und „Finanzwirtschaft“ zerfallen war, stifteten Wendelin Wiedeking und Holger Härter neue Verwirrung. Der ewige Vorstandschef der Porsche Holding SE und sein mit „Finanzminister“ weit unter Marktwert beschriebener Majordomus hatten mit der Raffinesse von Schachgroßmeistern die Manager einst mächtiger Hedgefonds und Banken in die Kapitulation gezwungen. Diese hatten im Börsencasino mit enormen Einsätzen darauf gesetzt, die Porsche-Strategen würden sich beim Angriff auf die Mehrheit der Volkswagen-Stammaktien selber matt setzen. Zu spät merkten sie, dass es ein Vabanque-Spiel war.

Seit diesen Tagen Ende Oktober ist klar, dass die vor gut 70 Jahren von Ferdinand Porsche aufgebaute Zentralwerkstatt der deutschen Volkswirtschaft zum wohl größten Familienbetrieb der Welt mutiert – kontrolliert von den Enkeln des Käfer-Erfinders. „Die Volkswagnis-Wirtschaft“ weiterlesen

Kleidung mit Köpfchen

Sensoren im Futter, Computer im Ärmel, Ohrstöpsel am Kragen – die Textilindustrie arbeitet an der Verschmelzung von Stoff und Elektronik. Doch damit den Markt zu erobern ist mühsam.

Warum bloß ist das Prädikat „Hidden Champion“ in Deutschland immer wörtlich zu nehmen? Auch die Garnschmiede Novonic am Hightech-Standort Weiler-Simmerberg ist ohne Navi kaum zu finden: Besser als an diesem beschaulichen Flecken in Bayerns Südwesten – dem Schweizer Kanton Appenzell-Ausserrhoden nicht nur geografisch näher als der Fashion-Metropole München – kann sich im Freistaat kein Betrieb verstecken.

Dabei hat das Unternehmen, zu dem Novonic gehört – die Garnfabrik W. Zimmermann –, keinen Grund, mit seinen technischen Errungenschaften hinter dem Berg zu halten, im Gegenteil. Die Firma ist vor Jahren den Schritt gegangen, den viele ihrer traditionellen Abnehmer aus der Bekleidungsindustrie noch scheuen: hin zu innovativen Funktionstextilien, die der unter Preisdruck ächzenden Branche Wachstumsimpulse und eine höhere Wertschöpfung versprechen. „Kleidung mit Köpfchen“ weiterlesen

Lieber Martin Balle, lieber Herr Professor Dr. Juniorverleger!

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer gelungenen Berufswahl – wenn Sie mir die literarische Freiheit gestatten, „Sohn“ als Profession zu werten. In die Fußstapfen Ihres werten Herrn Vaters zu treten, der im Verlag der Landshuter Zeitung und des Straubinger Tagblatts seinerseits seinem Schwiegervater nachgefolgt war, dürfte ein weiser Ratschluss gewesen sein. Wie sonst wären Sie je in die Lage gekommen, nach Herzenslust und Laune in der Zeitung schwadronieren, ja unredigiert Texte absondern zu dürfen, die Ihnen – wären Sie normalsterblicher Journalist geworden – jeder halbwegs professionelle Jungredakteur links und rechts um die immergrünen Löffel gehauen hätte?
Die Gnade der Geburt als Spross der richtigen Familie hat Sie einst vor dem herben Schicksal bewahrt, Ihre publizistische Ambition als freier Mitarbeiter im Reich des alten Balle, des als „Bayerischer Sparlöwe“ berühmt gewordenen Großverlegers, testen zu müssen, ergo als junger Mensch für geschätzte 17,8 Pfennige pro Druckzeile aus den Niederungen des niederbayerischen Vereinslebens Ihrer niederbayerischen Heimat Niederbayern Bericht zu erstatten, bevor Ihnen bei guter Führung eventuell ein Volontariat, ein Pauschalistenposten und irgendwann eine Redakteursplanstelle gewährt geworden wäre.
Dankbar, wie Sie dem Herrn sowie Ihrem Alten Herrn sind, kam Ihnen eines Tages in den Sinn, die Leser-Blatt-Bindung mittels feinsinniger, in jeglicher Hinsicht offener Briefe an bayerische Persönlichkeiten zu stärken (und gleichzeitig das Honorarbudget Ihrer Redaktion um stolze 100 Zeilen zu entlasten). Jeder Leser, jede Leserin des Straubinger Tagblatts und der Landshuter Zeitung sollte sich schadenfroh ergötzen dürfen an Ihrer so phantasievollen wie monologischen, nun ja, Korrespondenz mit Menschen, die auf Ihre Bekanntschaft vermutlich nicht ungern verzichtet hätten und auf Ihre eigenwilligen An-die-Leser-Briefe allemal.
Nehmen wir den ST-Rezipienten, JU-Veteranen und gebürtigen Straubinger Bernd Sibler (37), dessen Berufung zum Staatssekretär im Kultusministerium Sie für einen „Aprilscherz“ gehalten haben wollen, obwohl ein Blick in den Kalender Ihnen verraten hätte, dass es längst Oktober war. Möglicherweise könnte man sich darauf einigen, dass der christsoziale Aufsteiger wirklich (noch) kein Weltstaatsmann ist, über den eine respektable deutsche oder auch bayerische Tageszeitung viele Worte verlieren müsste, es sei denn, er träte öfter als bisher mit klugen Gedanken aus dem ministeriellen Schatten hervor. Ihnen aber war der vormalige „Stadionsprecher mit Nebenjob im Bayerischen Landtag“ eine satte vierspaltige Kolumne wert, deren hauptsächlicher Reiz für den Leser darin bestand, dass am Ende gar nicht der vermeintlich Derbleckte wie ein Depp da stand, sondern – mit Verlaub – der Autor der Brief-förmigen Kolumne, nämlich Sie.
Damit die knapp 10.000 Mitleser dieses Briefes an Sie verstehen, wovon ich schreibe, hier ein exemplarischer Auszug ballejuniorscher Holperprosa: „Dass Sie weit mehr Macht und Einfluss haben als andere Stadionsprecher, das fiel mir immer wieder auf. Oft begegneten wir wichtigen Personen der Zeitgeschichte. In der Regel machten Sie mich dann darauf aufmerksam, dass Sie denen zu ihrem Amt verholfen hätten.“ Mit einer knackigen Pointe nach diesem vergeigten Anlauf hätten Sie die Kurve vielleicht noch gekriegt.
Statt dessen zeilenschinderten (oder heißt es „zeilenschunden“?) Sie weiter mit dem sprachlichen und logischen Feingefühl eines Kreisligafestredners: „Schulamtsleiter, leitende Finanzbeamte, Krankenhausdirektoren, Flughafenkonstrukteure, Hochseeschiffskapitäne, dem Dalai Lama, der Witwe von John F. Kennedy.“ Falls Sie damit Staatssekretär Sibler als Reinkarnation von Lee Harvey Oswald karikieren wollten, hätten Sie das schon ein wenig deutlicher sagen können!
Auch wenn Sie, lieber Herr Professor Dr. Balle, im Fachbereich Medientechnik der Fachhochschule Deggendorf Vorlesungen über Darstellungsformen im Fach Journalismus halten dürfen, welches sie selbst nie studiert haben; auch wenn Sie mit den Studiosi medienethische Fragestellungen diskutieren und Exkursionen zu Ihrem Straubinger Tagblatt unternehmen: In einer Zeitung, die nicht im Besitz Ihrer Familie ist, wäre jener Text im Papierkorb gelandet. Und zwar nicht aus Mitleid mit dem armen Herrn Sibler oder aus Angst vor juristischen Konsequenzen, die solch ein textliches Elaborat nur adeln würden. Sondern aus Verantwortung der Redaktion gegenüber dem Autor, der sich im Falle eines Abdrucks für eine Spontanverbannung in den trostlosesten Landstrich des Verbreitungsgebiets Isar-Donau-Wald qualifiziert hätte. Dass niemand Sie gebremst hat bei Ihrem Generalangriff auf die eigene Reputation, lässt zwei Interpretationen zu: Entweder hat sich niemand getraut. Oder Sie waren vollständig beratungsresistent.
So war es an Mitgliedern der CSU-Prominenz, Sie in jene Verlegenheit zu bringen, die Ihnen in der folgenden Woche Anlass zum beherzten Kopfsprung ins nächste Fettnäpfchen gab. „Ich hatte niemals die Absicht Ihnen zu schreiben“, schrieben Sie in einer dadaistischen Volte an Siblers Staatssekretärskollegen Markus Sackmann, dem Sie in einem Postskriptum ebendiesen Brief angedroht hatten, „mein Hinweis, dass ich auch Ihnen schreiben wollte, war nur ein kleiner literarischer Einfall.“ Somit ist ein Kulturbanause, wer Ihnen jetzt nachsagen würde, Sie hätten sich in den folgenden Absätzen um Kopf und Kragen fabuliert. „Die Menschen, an die ich schreibe, verwandeln sich mir unter der Hand in Figuren, die – so scheint es – mit ihrer eigenen Wirklichkeit plötzlich nur noch zum Teil zu tun haben…“
Die Höflichkeit gegenüber meinen Lesern gebietet es mir, nicht noch mehr Beispiele Ihres Geschwurbels wiederzugeben, dieser grotesken Mixtur aus halbherziger Verunglimpfung und hasenfüßigem Sichherauswinden aus dem gesellschaftlichen Abseits, in das Sie sich selbst manövriert haben. Es bleibt Ihren natürlich unbenommen, weiter in Ihrer literarischen Welt zu leben, die Sie sich so ausmalen, wie Sie sie sich vorstellen. (Oh Verzeihung, jetzt habe ich doch schon wieder Balle zitiert!) Hauptsache, Sie verwechseln diese Balletristik nie wieder mit Journalismus.

Mit einem herzlichen Vergeltsgott für die weise publizistische Selbstbeschränkung, die Sie sich seither auferlegt haben, verbleibe ich

Ihr Ulf J. Froitzheim
Diplom-Journalist und Kolumnist

P.S.: Wer sich die Original-Kolumnen partout in voller Länge antun möchte, findet sie im kostenpflichtigen Online-Archiv von idowa.de, Suchbegriffe „Sibler“ und „Sackmann“.

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Soweit meine Persiflage auf Martin Balles Kolumnen aus dem Herbst 2008. Da die Originaltexte leider nicht mehr abrufbar sind, erlaube ich mir im Folgenden zwecks besseren Textverständnisses ausnahmsweise eine Vollzitation.   UJF, Juni 2014

Balle Sibler

Balle Sackmann

Lieber Bernd Sibler, lieber Herr Staatssekretär!

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer, Beförderung! Es ist also doch wahr. Am Anfang dachten wir alle noch eher an einen Aprilscherz. Aber jetzt ist alles amtlich und steht schwarz auf weiß in den Zeitungen dieser Welt: Sie, Bernd Sibler, sind Staatssekretär!

Ich kann mich noch gut an unser erstes Zusammentreffen vor zehn Jahren erinnern: Sie waren damals Stadionsprecher bei einem Plattlinger Fußballverein. Gerade war allerdings deren Vereinsheim abgebrannt. Nach einer Trikotspende unserer Zeitung, weil buchstäblich alles verbrannt war, kam ich nicht umhin, auch noch das nachfolgende Fußballspiel anzuschauen. Das Spiel war eher mittelmäßig. Außergewöhnlich war nur Ihre hochdynamische Begleitung dieses mittelmäßigen Spiels durch die verrosteten Stadionmikrophone. Offensichtlich blitzte dort Ihr rhetorisches Talent auf.
Nach dem Spiel lernen wir uns dann kennen. Sie wurden mir als Stadionsprecher vorgestellt – im Nebenberuf freilich Landtagsabgeordneter. Sie waren so jung, dass ich beides kaum glauben konnte. Ich kenne Stadionsprecher. Die sind sonst immer eher etwas verlebt. Häufig sieht man ihnen an, dass sie die letzte Nacht wieder nicht zu Hause waren. Bei lhnen war das merklich anders: Sie standen schon so blitzblank geputzt in der frischen Herbstsonne, dass mir gleich klar war, dass auf Sie eine politische Karriere wartet. Auch weil Sie eben schon damals diesen Nebenjob im Bayerischen Landtag hatten. Die anderen Stadionsprecher haben in der Regel keine Nebenjobs, jedenfalls keine, die man in eimer seriösen Zeitung ansprechen wollte.
Wir sind uns dann immer wieder begegnet. Dass Sie weit mehr Macht und Einfluss haben als andere Stadionsprecher, das fiel mir immer wieder auf. Oft begegneten wir wichtigen Personen der Zeitgeschichte. In der Regel machten Sie mich dann darauf aufmerksam, dass Sie denen zu ihrem Amt verholfen hätten. Bauamtsleiter, leitende Finanzbeamte, Krankenhausdirektoren, Flughafenkonstrukteure, Hochseeschiffskapitäne, dem Dalai Lama, der Witwe von John F. Kennedy. „Mei, dem hob‘ I damals a g’holfn, dass a werd, was a is“, pflegten Sie dann in aller Zurückhaltung und großer Vertraulichkeit zu mir zu sagen.
Nur am Anfang war ich überrascht, wie weit Ihr Einfluss reichte. Manchmal freilich, wenn ich schlecht einschlafen konnte, überlegte auch ich mir, ob auch ich Ihnen meinen Posten zu verdanken hatte. Ich schlief dann schlecht, träumte unruhig, erwachte am Morgen wie gerädert. Nur die ersten Sonnenstrahlen und ein versichernder Blick auf mein verstaubendes Studienzeugnis in einer lange nicht mehr geöffneten Schublade klärten mir meine Situation einigermaßen.
Einmal sind wir uns auf einem Podium zur Situation der Bildung in Bayern begegnet. Ich kann mich noch gut erinnern. Als ich beklagte, dass die jungen Menschen heute kaum mehr Goethe und Schiller, geschweige denn Hölderlin kennten, erwiderten Sie, dass das auch gar nicht mehr so wichtig sei. Wichtig seien vielmehr neue Kommunikationsformen wie E-Mail oder SMS per Handy. Textanalyse einer Botschaft also wie: „Hallo Schatz, bin schon da; wo bist Du?“ Da wurde mir schnell klar, dass Sie jetzt zum innersten Zirkel der CSU-Fraktion im Landtag gehören, zu den Intellektuellen gleichsam. Ich dachte mir zudem, dass Sie wahrscheinlich sogar für das G 8 verantwortlich sind. Geht es nicht auf eine Idee von Ihnen zurück? Sicher, die Entschlackung der Lehrpläne von überflüssigem Bildungsmüll war längst überfällig. So wurde mir klar: Sie werden entweder Staatssekretär im Umwelt- oder sogar im Kultusministerium.
Ich bin heute übrigens der Meinung, dass Sie sogar der heimliche Minister sind. Denn das tapfere Schneiderlein ist ja eher Volksschullehrer, Sie aber durften sogar einmal am Gymnasium unterrichten! Und das noch an einem, das Sie zu dem gemacht haben, was es heute ist, das Sie also gleichsam selbst verursacht haben.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was Staatssekretäre überhaupt tun. Mein Bild vom Leben und Arbeiten eines Staatssekretärs stammt aus der Fernsehserie „Monaco Franze“. Dort kommt ein Staatssekretär vor, der allerdings gar nichts arbeitet, sondern immer nur versucht die Frau vom „Monaco“, das „Spatzl“, zu verführen. Im richtigen Leben kenne ich zwar flüchtig einen Staatssekretär aus einem anderen Ministerium, der genauso aussieht wie der aus dem Film und sich auch genauso verhält, aber ich weiß nie, ob der’s ernst meint oder nur die Figur aus dem Film imitiert.
Und deshalb wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihren Weg erfolgreich weitergehen auf den sicheren Schneisen, die Ihnen die CSU jetzt in Ihre Zukunft schlägt.

 

Mit fast untertänigem Gruß

Ihr Professor Dr. Martin Balle,
Verleger und Herausgeber

 

P.S. Den Brief an den Kollegen Sackmann schreibe ich dann nächste Woche.

 

 

Lieber Markus Sackmann, lieber Herr Staatssekretär!

 

Ich bin in einer Verlegenheit. Ich habe letzte Woche an gleicher Stelle einen Brief an Ihren Kollegen Bemd Sibler geschrieben. In einem Postscriptum hahe ich etwas gedankenverloren hinzugefügt, dass ich diese Woche auch Ihnen schreiben würde. Um die Wahrheit zu sagen: Ich hatte niemals die Absicht, Ihnen zu schreiben. Mein Hinweis, dass ich auch Ihren schreiben wollte, war nur ein kleiner literarischer Einfall. Eine Erfindung sozusagen – ohne ernsthafte Absicht.
Mein Brief an Ihren Kollegen Bernd Sibler allerdings ist – weitgehend ohne mein
Zutun – offensichtlich einer größeren Anzahl von Lesern zugänglich gemacht worden. Die fordern jetzt von mir einen zweiten Brief. Diesmal an Sie. Ich aber weigere mich standhaft, Ihnen morgen zu schreiben.
Schon mein letzter Brief an Ihren Kollegen hat mich in eine ernsthafte Verlegenheit gebracht. Meine Briefe sind allesamt eher literarische Entwürfe.
Die Menschen, an die ich schreibe, verwandeln sich mir unter der Hand in Figuren, die – so scheint es – mit ihrer eigenen Wirklichkeit plötzlich nur noch zum Teil zu tun haben. Unangenehm für mich freilich wird es immer dann, wenn mir die wirklichen Personen in nächster Zeit auch noch wirklich begegnen. Oder mir selbst einen Brief schreiben. Oder mich sogar anrufen. So rief mich diese Woche Ihr ehemaliger Fraktionsvorsitzender Alois Glück an und rügte mich deutlich für meinen Brief an Bernd Sibler.
Weil ich Alois Glück doch schätze und es draußen auch noch regnete, war mein Tag war mein Tag insgesamt recht verdorben. Und dass der echte Alois Glück angerufen hatte und nicht ein von mir auf brieflichem Weg erfundener, das verschärfte meine Situation abermals. Auch mein Hinweis, dass eine Glosse letztlich ein literarischer Text sei, der von einer gewissen Ironie lebe, wurde von Alois Glück mit dem Hinweis gekontert, dass am Ende echte Menschen solche Ironie ausbaden müssten.
Deshalb habe ich entschieden, Ihnen morgen nicht zu schreiben.
Das hat auch für mich Vorteile. Denn weil viele Leser den Unterschied zwischen Realität und Erfindung so allzu genau unterscheiden wollen, habe ich mit meinen fiktiven Entwürfen oft die größten Schwierigkeiten. So schrieb mir jetzt ebenfalls der richtige Bemd Sibler und nicht der von mir brieflich erfundene, dass seine Zeit als Stadionsprecher der Spielvereinigung Plattling deutlich vor seinem ersten Landtagsmandat liege. Und auch das mit Goethe und Schiller verhalte sich doch wenigstens etwas anders, als ich das brieflich erinnerte.
Und deshalb schreibe ich Ihnen morgen nicht: Weil ich nicht möchte, dass sich meine Vorstellung von der Welt und die Welt, wie sich sich selber sieht, immer mehr entzweiten. Es gibt einen wunderbaren Satz des Schriftstellers Martin Walser in seinem Roman „Halbzeit“. Er fühle sich wie Don Quijote, nachdem er las, was Cervantes über ihn schrieb.
Ich persönlich möchte lieber weiter in meiner literarischen Welt leben.
Eine Welt, die ich mir so ausmale, wie ich sie mir vorstelle. Und ich möchte nicht weiter darauf hingewiesen werden, dass die Welt sich anders verhält oder sich wenigstens anders sieht. Nicht von Cervantes, nicht von Ihrem Kollegen Bernd Sibler und eben auch nicht von lhnen.

Und deshalb schreibe ich Ihnen morgen also nicht
und grüße Sie hiermit herziich.

 

Ihr Professor Dr. Martin Balle
Verleger und Herausgeber

E-Autos? Nein, tanke!

Lobbyisten tun, als dürften wir bald CO2-frei fahren. Dummerweise tut die Politik, als nähme sie das ernst.

Mein alter Passat-Kombi ist eigentlich ganz prima – bequem, geräumig, spurtstark. Wäre da nicht das prähistorische Antriebskonzept: Ein Fossilmotor braucht viel Sprit, regelmäßig Ölwechsel und Ersatz für so manches Verschleißteil, das es im elektrifizierten Auto der Zukunft gar nicht mehr geben wird.

Wäre ich Berliner, könnte ich versuchen, an einen dieser netten kleinen Stromflitzer zu kommen, mit denen die Kraftwagen- und Kraftwerkskonzerne rings ums Regierungsviertel ihr Image polieren. Aber sind die Akku-Kleinwagen wirklich eine smarte Idee? Machen wir eine gedankliche Probefahrt. Den Mini minimieren die Batterien im Fond zum Zweisitzer, Daimlers Fortwo ist per se ein solcher. Wir sind aber zu viert. Selbst wenn nur noch selten die ganze Familie dasselbe Ziel anstrebt: Wohin mit dem Sohn, dem ein paar Zentimeter und Monate bis zur Beifahrersitzberechtigung fehlen? Und will ich wirklich mein Leergut auf dem Dachgepäckträger zum Getränkemarkt kutschieren?

Vorerst tut’s mein VW-Oldie ja noch. Der hat gegenüber den Volt-Vehikeln, die in Berlin angeblich ihre Praxistauglichkeit beweisen, den unschätzbaren Vorteil, dass ich nicht nur bei Aral tanken kann, sondern auch bei Agip, Esso, Shell & Co. E-Car-Pioniere sind markengebunden – im Smart an RWE, im Mini an Vattenfall, im VW an E.on. Wer für sein entladenes Autoimmobil in fußläufiger Nähe des Fahrtziels eine Ladestrippe findet, hat Glück: 500 Stromtankstellen sollen reichen. Bushaltestellen hat die BVG fast 3000.

Mit den Bedürfnissen von uns Normalfahrern halten sich die Elektropropheten eh nicht auf. Die träumen öffentlich davon, die Akkus Ihres E-Autos über Nacht mit ungenutztem Windradstrom aufzuladen – aber nicht etwa, damit Sie in der Früh CO2-frei ins Büro sprinten können. Nein, sie wollen den geparkten Ökostrom ins Netz zurücksaugen, um morgendliche Bedarfsspitzen abzufedern. Machen Sie sich also gefasst darauf, dass Ihnen die Nachbarn mit ihren Toastern, Durchlauferhitzern und Kaffeemaschinen den Smart leer nudeln. Sie kommen dafür zwei Stunden zu spät zum Dienst, weil Sie das Gefährt erst mit teurem Tagstrom nachladen müssen. Oder Sie starten pünktlich mit halber Ladung und bleiben im Schneetreiben auf der Avus liegen. Und das soll die Zukunft sein? Nein, tanke!

Aus der Technology Review 1/2009, Kolumne FROITZELEIEN