Urheberrechtsdebatte: von Gehlen klärt keine Fronten

Konflikt

Der Feuilleton-Aufmacher der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende ist nicht genial, nicht einmal genial daneben, sondern total daneben. Das fängt schon bei der Gestaltung an: „Der Konflikt“ lautet die Headline; darüber prangt ein riesiges rotes C in einem Kreis. Also das Emblem fürs Copyright, die angelsächsische Spielart des Immaterialgüterrechts, die gerade nicht verwechselt werden sollte mit dem deutschen Urheberrecht, um das es in dem Beitrag geht. Wenn das Schule macht, könnte die ARD den Tower of London zum neuen Wahrzeichen ihres „Berichts aus Berlin“ machen.

Der von Dirk von Gehlen (Autor des als Provokation gemeinten Buchs „Mashup – Lob der Kopie“) verfasste Text hält leider nicht mehr, als seine missratene Dekoration verspricht. Das fängt schon beim Vorspann an, der „ein ABC zur Klärung der Fronten“ verheißt. „Urheberrechtsdebatte: von Gehlen klärt keine Fronten“ weiterlesen

Doener & das One Hit Wonder

Hat ein Blog zum Onlinejournalismus wirklich noch gefehlt? Eines, das von einem jungen Mann betrieben wird, der erst im vergleichsweise hohen Alter von 25 Jahren zum Profi in diesem Sektor wurde (nachdem er zwei Jahre zum Spaß gebloggt hatte)?

Stephan Dörner (Nicknames: Hackmeck oder doener), unlängst vom Handelsblatt zum Wall Street Journal gewechselt, ist dieser Meinung. Und dann liefert er bei Versuch, seine Meriten ins rechte Licht zu rücken, so etwas ab (Zoomen bringt nichts, in Chrome bleibt der Text verdeckt):

Doerner-Panne

Dass seine freundliche Erwähnung bei Virato irgendetwas aussagt, das auf eine Relevanz von Döners Dörners neuem Blogs schließen ließe, ist für eine Lebenslüge wohl zu klein, aber eine Selbsttäuschung ist es allemal. Diese Blogchart ist so simpel gestrickt, dass sie die Zahl der Retweets und Gefälltmirs durch die Zahl der Posts teilt. Wer einmal eine gute Resonanz erzielt hat, tut also gut daran, die Füße für den Rest des Monats still zu halten, damit er nicht durch ein paar weniger gesharete Beiträge seine Chartposition versaut.

Der Kollege hat übrigens im Oktober sehr fleißig losgelegt und dann vom 17. November bis zu seinem One-Hit-Wonder am 12. Dezember keinen Mucks mehr geschrieben und sich danach bis Jahresende nur noch einmal zu Wort gemeldet, eine Woche danach. Eines der drei Blogposts vom 19. Dezember war selbstreferentiell: Er hatte just die Reaktionen auf den Text der Vorwoche zum Inhalt.

Tja, so geht das, wenn man sich wichtig machen möchte: Hätte Dörner kontinuierlich gebloggt, gäbe es nichts zu bejubeln.

Schlaf-Tablet: Süddeutsche verschnarcht ePaper-Chancen

Wenn es Zeitungen in Deutschland gibt, die der gemeine Leser gewohnheitsmäßig mit dem Prädikat „altehrwürdig“ assoziiert, gehört dazu neben der FAZ gewiss auch die SZ. Leser meiner Wortpresse wissen: Die Süddeutsche macht zwar jede Menge Fehler, weit mehr als jene, die sie in der Korrekturecke auf der Leserbriefseite eingesteht. Doch sie gehört zu den Blättern, in denen nicht alles von dpa kommt. Zwischen Fotos, deren XXXL-Format oft in keiner Relation zu ihrer Relevanz steht, und Texte, die man leider „Content“ (wenn nicht gar „Zeilenschund“) nennen muss, packt sie verlässlich so viel Lesenswertes von richtig guten Autoren, dass ich ihr die Hudeleien des modernen Quantitätsjournalismus nachsehe.

Meine Leseleidenschaft führt allerdings zu Papierkonvoluten, die beim Wegschmiss oft verblüffend alt, aber alles andere als ehrwürdig sind. Die SZ-Stapel, die unser Haus zumüllen und meine Frau zur Verzweiflung treiben, sind die tägliche Mahnung, dass die Sottisen der Zeitungshasser über „Totholzmedien“ nicht ganz substanzlos sind. Ich will lesen, aber nicht um der wunderbaren Haptik, des lieblichen Raschelns und des Duftes der Druckerschwärze willen mein Heim immer wieder temporär unbewohnbar machen. Allein: Eine Überformat-Zeitung als PDF am Macbook lesen zu müssen, ist für mich eine noch schlimmere Strafe als die Papierentsorgung, selbst wenn ich durch die Umgehung der Druckerpresse bereits am Vorabend zur Lektüre schreiten kann. Zeitung liest man auf dem Sofa. Punkt.

Also muss ein iPad her. Oder vielleicht doch ein Windows-8-Tablet mit ansteckbarer Tastatur, das Acer Iconia W510? Weiß nicht, irgendwas Mausloses jedenfalls, etwas mit dem gewissen Touch. Ich will per Fingerwisch blättern können.Traumkombi „Schlaf-Tablet: Süddeutsche verschnarcht ePaper-Chancen“ weiterlesen

Faire Klamotten müssen nicht so teuer sein wie in der SZ

Was kostet ein gutes weißes Oberhemd aus fair gehandelter Biobaumwolle, und was kostet seine Produktion? Eine Antwort auf die zweite Frage war neulich in der Süddeutschen zu lesen (Printausgabe: „Korrekte Klamotten“, Geld-Teil vom 1.12.2012): 96,02 Euro. Als Beispiel dient die – angebliche! – Kalkulation eines Hemds von Bruno Pieters aus der „Honest By“-Kollektion aus Belgien. Was der Konsument für so ein gutes Stück hinlegen muss, war der Infografik nicht zu entnehmen.

Dass ein Textilanbieter unter einer Marke auftritt, die Aufrichtigkeit und Anstand verheißt, muss aber nicht bedeuten, dass man seine Angaben für bare Münze nehmen sollte. Stutzig macht schon mal, dass allein das Tütchen aus Altpapier, in dem der Ersatzknopf mitgeliefert wird, im Einkauf 47 Cent kosten soll oder dass die Transportkosten – wohlgemerkt gerechnet bis zur Fertigstellung des Hemds, nicht bis zum Kunden – acht Euro betragen sollen. Über solche Kosten lacht sich jeder Einkäufer schief, auch solche in der Bio- und Fairtrade-Branche. „Faire Klamotten müssen nicht so teuer sein wie in der SZ“ weiterlesen

SZ bläst Online-Handel auf

Wow, das hätte ich mir nicht träumen lassen vor zehn Jahren, als Dotcomtod-Guru Don Alphonso mich wegen meines Brandeins-Artikels „Dotcom lebt“ durch den Kakao zog: „Die Deutschen“ kaufen 61 Prozent ihrer Klamotten und 56 Prozent ihrer Bücher online.

Ja, tun sie das wirklich? Laut Süddeutscher Zeitung schon („Kaufen.com“, Wirtschaftsteil vom 1.12.2012). Aber nicht in Wirklichkeit. Natürlich nicht. Die Chart zeugt, pardon, von größter Ahnungslosigkeit, trotz der Referenz auf eine Studie von Price Waterhouse Coopers. Die Analysten von PwC haben sich nämlich keineswegs darüber geäußert, wieviel wir alle „von diesen Waren online“ kaufen. Die Zahlen beziehen sich darauf, wieviel Prozent ihres Bedarfs jene Menschen im Lande, die Produkte dieser Kategorien online einkaufen, im Netz decken. Besagte 61 Prozent sind der Wert bei den heutigen Kunden von Zalando & Co.; selbst die kaufen also immer noch 39 Prozent ihrer Sachen im Laden. Aber nur ein gutes Drittel der Verbraucher probiert überhaupt lieber zu Hause an, die Hälfte bevorzugt klar das klassische Shopping. „Die“ Deutschen würden also, wenn sich das aus den PwC-Zahlen denn schließen ließe, nur 22 Prozent online kaufen. Allerdings ist nicht einmal diese Lesart legitim, weil sie auf einer Befragung, mithin einer Selbsteinschätzung basiert. Mehr als eine Trendaussage lässt die Methodik nicht zu.

Richtig krass wird die Diskrepanz bei Lebensmitteln: Nur sieben Prozent kaufen ihr Essen nach Möglichkeit im Netz, 71 Prozent dagegen sind klar für den Supermarkt. Auch diese homeshopping-affinen sieben Prozent tragen noch 84 Prozent ihres Geldes zu Aldi, Edeka, Lidl und Rewe oder in den Bioladen. Die Zahl oben sind folglich 16 von 7 Prozent – was nichts anderes heißt, als dass sich die Deutschen irgend etwas in der Größenordnung von einem Prozent ihrer Lebensmittel vom Postboten liefern lassen.