Ein Professor mit dem Kontrabass

„Chinesen verklagen Medion“

…schreibt das Handelsblatt lustigerweise über Aldis Computer-Hauslieferanten Medion…

„Der chinesische Technologiekonzern Artificial Life hat den als Aldi-Lieferanten bekannten Elektronikspezialisten Medion auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagt.“

Tja, erstens ist Artificial Life kein Technologiekonzern, sondern eine ziemlich kleine Softwarebude, ein kleiner Mittelständler, ein Pennystock. Der Kurs ist von rund 80 auf etwa 30 Cent gesackt – und heute, zufällig nachdem das Handelsblatt „Ein Professor mit dem Kontrabass“ weiterlesen

Hysterichia coli? Kripo!

Was noch mehr gelitten hat in den letzten Wochen als die Gesundheit der Deutschen ist die ihres Menschenverstandes. Den kann man nach alledem, was da gedruckt und gesendet wurde, nur als schwer infiziert betrachten.

Der späte Ruf nach der Kripo lässt immerhin hoffen, dass die Denkapparate wieder ihre Funktion aufnehmen. Na endlich! Was war denn bitte so ungewöhnlich an der Idee, bei einem gravierenden Tötungsdelikt die Polizei zu rufen?

Es handelt sich um fahrlässige Tötung in mehr als 20 Fällen und schwere Körperverletzung in Hunderten Fällen. Der eigentliche Serienkiller ist zwar ein Bakterium, aber er findet seine Opfer durch Menschen, die Spuren hinterlassen. Das war daher ganz klar ein Fall für die „Spusi“, die Spezialisten von der Spurensicherung, und für gestandene Kriminalisten. Deren Job besteht ja erst in zweiter Linie darin, die Täter dem Staatsanwalt zu übergeben. Ihre oberste Aufgabe besteht darin, die Bürger zu schützen und weitere Todesfälle zu verhindern. Die Unterstellung, dass Landeskriminalämter dies noch schlechter machen würden als die Lebensmittelaufseher, kann man getrost als grundlose Verunglimpfung der Polizisten ansehen.

Die Indizien, dass Sprossen aus Bienenbüttel verseucht waren, „Hysterichia coli? Kripo!“ weiterlesen

Tiefer Griff in die Portokasse

Beim Handelsblatt arbeiten offenbar arme Schlucker. Kollegen, für die astronomische Zahlen schon im sechsstelligen Bereich anfangen (und – by the way – keine Ahnung von der Branche haben, denn sonst kennten sie den Unterschied zwischen einem SAP-Wettbewerber und einem Nischenanbieter). Anders kann man sich diese Überschrift nicht erklären:

SAP muss tief in die Tasche greifen

07.06.2011, 12:50 Uhr

Der Softwarehersteller SAP muss wegen der milliardenschweren Übernahme des Wettbewerbers Sybase noch einmal in die Tasche greifen und mehr als eine Million Euro zusätzlich zahlen.

Die eigentliche Nachricht ist: Die Obergrenze für die Anwaltskosten, die SAP der gegnerischen Seite erstatten muss, ist auf gut eine Million Dollar (nicht Euro – der Kurs ist nicht 1:1) beschränkt worden. Das sind etwa 0,2 Promille des Werts des Sybase-Deals.

Okay, die Sache spielt in Amerika. Wer dort ganz tief in die Hosentasche greift, findet vielleicht ein, zwei Peanuts  😉

 

 

Behörden schlampen – und die Medien machen mit

Ich weiß noch ganz genau, dass eine der in den Zeitungen oft genannten Quellen für absurde EHEC-Warnungen das Bundesinstitut für Risikobewertung war. Gestern verstieg sich der Behördenleiter sinngemäß zu der Aussage, man möge seinen Laden doch bitte nicht so wichtig und ernst nehmen:

Der Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, warnte davor, beherrschbare Probleme medial aufzublasen: „Der Erreger ist zwar ohne Frage sehr gefährlich. Die Hysterie in Deutschland halte ich aber für übertrieben“, sagte er laut Handelsblatt.

Das hätte er auch vorher sagen können.

Weiter schreibt die Düsseldorfer Wirtschaftszeitung: „Behörden schlampen – und die Medien machen mit“ weiterlesen

Bittere Gurkenzeit

Eigentlich sollte man meinen, dass die Kollegen vom Aktuellen in Sachen EHEC langsam zur Besinnung kommen müssten.

Das ist offenbar nicht der Fall. Die Medien versagen auf der ganzen Linie.

„Vor allem norddeutsche Verbraucher sollten rohe Blattsalate, Tomaten und Salatgurken meiden.“

Innerhalb der Holtzbrick-Gruppe syndizierte Meldung von heute, so wertvoll wie ein kleines Horoskop

„Die Katz mog d‘ Mais roh, i mog’s ned amoi kocht“, sagt der bayerische Volksmund. (Für Preißn: Die Katze mag die Mäuse roh.) Ja, wenn man Blattsalat nicht roh essen darf, dann isst man ihn halt gar nicht.

Nicht nur wegen des impliziten Vorschlags, Salat abzukochen, ist die Empfehlung Schwachsinn erster Güte: Außer der Beobachtung, dass die Erkrankten die typischen Bestandteile eines gemischten Salats, wie sie an jedem Salatbuffet zu finden sind, genossen haben, gibt es nichts, was gegen die einzelnen Zutaten spräche.

Bisher ist mir nicht eine einzige Meldung untergekommen, derzufolge irgendwo in Nord- oder Restdeutschland auch nur eine Tomate oder ein Kopf Salat mit dem Killerbazillus aufgefunden worden wäre. Gurken waren es, ganze drei Stück – und niemand scheint zu wissen, wie das Teufelszeug an das Gemüse gekommen ist. Hat irgendjemand recherchiert, wieviele Gurken untersucht worden sind – und wieviele davon ohne Befund? Hat irgendwer die Frage gestellt, warum selbst Bauern, deren Gurken (von Tomaten/Salat ganz zu schweigen) nicht nur nicht positiv, sondern explizit negativ getestet wurden, jetzt ihre Ernte vernichten müssen? Wäre das Zeug so gefährlich, wie getan wird, dürfte es nicht untergepflügt oder kompostiert werden, sondern müsste in der Müllverbrennungsanlage landen. Gäbe es handfeste Gründe, anzunehmen, dass Salat, Tomaten und Gurken verseucht sind, müsste der Verkauf sofort eingestellt werden – bei  Entschädigung unschuldiger Gärtner und Landwirte.

Die Behörden tappen offensichtlich im Dunkeln, sie haben nicht einmal eine publikationsreife Hypothese, mit der sie den zur Beruhigung der Öffentlichkeit gedachten Boykott der Gemüsebauern rechtfertigen.

Leute, macht Euren Job! Stellt Fragen, und zwar die richtigen und den Richtigen. Ich will keine Verlautbarungen und keine unsinnigen Ratschläge mehr lesen, sondern:

Recherche-Ergebnisse!!!

Nachtrag 1. Juni:

Inzwischen steht fest, dass die Gurken gar nicht als Erklärung aller Infektionen herhalten können. Das hindert Politiker aber nicht daran, weiterhin pauschal vor Rohkost-Gemüse zu warnen.

Und Handys erzeugenmöglicherweise – Krebs, wieder einmal. Eine Erkrankung, die uns statistisch alle 20.000 Lebensjahre ereilt, tritt angeblich mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auf. Gibt es neue empirische Studien, die das belegen? Nein. Wer hätte das auch erwartet? Aber eine Meldung ist diese Nicht-Nachricht allemal.