Neue Rubrik: Ja liest denn keiner mehr gegen?

Im Zeitalter der ach so produktiven Newsdesks geht vieles in Druck, das nicht „fit to print“ ist. Exemplarische Folgen dieses Trends sind hier sporadisch ein Thema; jetzt habe ich sie in einer neuen Rubrik gebündelt: „Ja liest denn keiner mehr gegen?“

Falls Sie in einer Qualitätszeitung (Sie wissen schon, was ich meine, das ist hier ja nicht das Bildblog) hübsche Fehlleistungen entdecken: Zögern Sie nicht, mir einen Hinweis zu geben. Danke!

Qualität über die Wupper

Liebe Kollegen vom Bayern-München-Teil meines süddeutschen Morgenblattes, durch Wuppertal fließt nicht die Ruhr, sondern die Wupper. Die Stadt liegt nicht im Ruhrgebiet.

Wuppertal ist die größte Stadt des Bergischen Landes und versteht sich als Hauptstadt und als Wirtschafts-, Industrie- und Kulturzentrum dieser Region. Die „Großstadt im Grünen“ liegt südlich des Ruhrgebiets etwa in der geografischen Mitte der Metropolregion Rhein-Ruhr.

(aus der Wikipedia, die in diesem Fall einfach Recht hat)

Lindlau: „Würde nicht wieder TV-Reporter“

Dagobert Lindlau im Jahr 2006
Dagobert Lindlau (Foto: Ulf J. Froitzheim)

Dagobert Lindlau war einer der ganz großen ARD-Reporter. Anlässlich seines 80. Geburtstags (herzlichen Glückwunsch nachträglich!) hat meine Kollegin Senta Krasser ihn für den BJVreport interviewt:

Sagen Sie mal, Herr Lindlau, warum wollen Sie, wenn Sie noch einmal die Wahl hätten, nicht wieder Fernsehjournalist werden?

Weil die Grenzen zwischen Entertainment und Information immer mehr verschwimmen. Und weil gerade die Fernsehjournalisten dazu übergehen, politisch korrekt zu formulieren. Taktische, ideologische Rücksichtnahme kennt der echte Journalismus aber nicht. Und dann diese Schminkerei! Die ist lästig. Ich komme mir affig vor, wenn ich vor dem Auftritt im Studio angestrichen werde. Auch die Redeweise wird geschminkt und die Auffassung von den Dingen, die man recherchiert. Ich glaube, das hat zugenommen, weil es immer mehr auf Äußerlichkeiten ankommt.

Das ganze Interview gibt es hier als PDF-Download (Ausgabe 5/2010).

Sabotage im Redaktionssystem

Es gibt Sätze, die schreibt niemand. Nicht einmal der schlimmste Zeilenschinder denkt sich so einen Quatsch aus. Wenn heute ein Einspalter im Lokalteil mit folgendem Lead beginnt, muss also ein Hacker am Werk gewesen sein, der dem Redaktionssystem eine Phrasendresch-Software eingepflanzt hat:

„In einem 3000 Quadratmeter großen Labor zu forschen, davon träumen viele Wissenschaftler.“

Bürokratie liebevoll nachempfunden

Heute ist es ganz normal, Computer über analoge Alltagsmetaphern zu bedienen. Apple hat es vorgemacht – denkt man. Allerdings waren deutsche Informatiker aus dem Behördenmilieu bereits Anfang der 1990er Jahre auf solche Ideen gekommen: Sie digitalisierten… die Umlaufmappe. So konnte der ganz normale Bürokratenwahnsinn mit sieben Unterschriften und drei Durchschlägen naturgetreu in Software abgebildet werden. Ein Seitenhieb hierauf ist hier zu lesen..

Im selben Special erschien ein sachlicheres Stück über das, was damals in Sachen Büroautomatisierung als „Großer Wurf“ galt. Computer-Telefonie-Integration per ISDN. Papierloses Büro. Heute, da wir ganz andere Würfe gewohnt sind, lächeln wir milde über solche Einschätzungen.

Zur Ehrenrettung der Programmierer sei aber darauf hingewiesen, dass die Idee, sich vor dem Schreiben von Verwaltungssoftware erst einmal Gedanken über die Sinnhaftigkeit und Effizienz der bestehenden Arbeitsabläufe zu machen, damals noch lange nicht Allgemeingut war. Sie setzte sich erst ein paar Jahre später durch, dafür umso nachhaltiger. Workflow Management und Business Process Optimization sind heute nicht nur etablierte Standardwerkzeuge der Betriebswirte. Die Geschäftsprozesse flutschen nur so dank flotter Software, die selbst eine globale Finanzkrise – wie sagen doch die IT-Profis – perfekt „unterstützt“.

Beide Texte waren Teil des WiWo-Specials im Heft 43/1992, das zur Münchener Computermesse Systems erschien. À proposgroße Würfe: Sie finden diesen Text endlos? Ich auch. Aber wir Autoren durften nicht nur weit ausholen, so als schrieben wir Bücher. Wir mussten. Es gab jede Menge Inserate, also auch jede Menge Zwischenraum, den die Redaktionen zu füllen hatten. Ich hatte einen eh schon langen Aufmacher geschrieben, der Redaktion stand noch nicht genug drin; sie fügte noch Passagen eines Kollegen ein. Am Ende erschien eine 100-Seiten-Strecke zu einer Messe, an die sich heute kaum mehr einer erinnert.

Ach, wie nostalgisch.